Test Metroid - Samus Returns: Endlich so wie es immer hätte sein sollen

von Micky Auer (15. September 2017)

Fast völlig in Vergessenheit geraten, plötzlich wieder in aller Munde: Warum Metroid - Samus Returns, das offizielle Remake von Metroid 2 eure Aufmerksamkeit in vollem Umfang verdient, erfahrt ihr im Test.

Ab in die Tardis und zurück in die 80er Jahre: Mit Metroid erschafft Nintendo auf dem NES ein Genre, das durch seinen Adventure-Charakter, die starke Action-Komponente und seine extrem dichte Atmosphäre und gute Spielbarkeit fasziniert. Noch dazu gibt es am Ende des Spiels eine Überraschung: Die Hauptfigur ... IST EINE FRAU!!! Schockierend! 1988 reichte das in Europa noch für einen Aufschrei.

Dieses Video zu Metroid - Samus Returns schon gesehen?

Klarer Fall: Mit dem Anbruch einer neuen Hardware-Generation musste Nintendo natürlich auch Fortsetzungen seiner größten Hits abliefern. So kam es 1992 dann hierzulande zur Veröffentlichung von Metroid 2 für den Game Boy. In seinem Herzen ein vollkommen gutes Spiel, das jedoch zu weiten Teilen an der Technik des ersten richtigen Handhelds scheitert.

Vier Graustufen, keine Beleuchtung, je nach Außentemperatur trüber werdende Grafik, zu viel schwarz, eine etwas zu große Hauptfigur für einen zu kleinen Bildschirm, keine Kartenfunktion, keine Übersicht, zu kleinteilige Items ... Die Liste der Verfehlungen ist lang und verwehrt Metroid 2 seit über zwei Jahrzehnten die Anerkennung, die es eigentlich verdient hätte.

Heute, in Zeiten des Nintendo 3DS, wären diese Mängel unverzeihbar. Nicht nur ist die Hardware leistungsfähiger, Entwickler und Designer haben (hoffentlich) viel dazugelernt. Dies gilt auf jeden Fall für die Damen und Herren von Mercury Steam, die bereits mit Castlevania - Lords of Shadow: Mirror of Fate bewiesen haben, dass sie klassische Spielprinzipe mit moderner Technik und Präsentation verbinden können. Gleich vorweg: Auch mit Metroid - Samus Returns ist ihnen das gelungen.

"Remake" trifft es nicht ganz

Bei Licht betrachtet ist Samus Returns nicht einfach nur ein Remake, denn anstatt einfach nur das bestehende Spiel 1:1 in ein neues Grafikgerüst zu packen, durften die Entwickler auch eigene Ideen einbringen, um dem außerirdischen Abenteuer mehr Substanz und zeitgemäße Akzente zu verleihen. Gleichzeitig bleibt aber die klassische Grundlage stark genug, um genau das Spielgefühl zu vermitteln, auf das Fans seit 25 Jahren gewartet haben. Das beginnt schon bei der Hintergrundgeschichte.

Bautz! Der neue Melee-Counter hält auch aufdringliche Fressfeinde vom Leib.Bautz! Der neue Melee-Counter hält auch aufdringliche Fressfeinde vom Leib.

Ihr braucht keinerlei Vorkenntnisse, um Samus Returns in seiner Gänze genießen zu können. Die Vorgeschichte und der Aufhänger werden euch in Bildern und Texten zu Beginn des Spieles präsentiert. Die Aufmachung ist ein wenig "cheesy", was aber durchaus als Hommage an das Original gewertet werden kann. Eure Aufgabe: Reist zum Heimatplaneten der Metroids und sorgt dafür, dass nie wieder von dort eine Gefahr ausgehen kann.

Mehr müsst ihr wirklich nicht wissen. Denn so konsistent die Erzählung in den Metroid-Spielen auch sein mag, in diesem Teil geht es vordergründig um genau das, was Metroid schon seit jeher groß gemacht hat: Suchen, erforschen, kämpfen, Geheimnisse ergründen und neue Ausrüstung finden. Als Spielwiese dient ein gigantisches Laybyrinth aus miteinander verbundenen Höhlen und Räumen, das ihr mit wachsendem Ausrüstungsarsenal immer weiter erforschen könnt.

Samus Aran, namensgebende Titelheldin, ist von Anfang an mit einem leistungstarken Blaster und Raketen ausgerüstet. Die Steuerung erfolgt auf einer 2D-Ebene. Neu ist das manuelle Zielen: Haltet ihr L1 gedrückt, könnt ihr in jede beliebige Richtung zielen. Eine Laser-Markierung macht euch dieses Vorhaben noch etwas leichter. Allerdings funktioniert dies nicht in Bewegung, sondern nur, wenn Samus still steht.

Habt ihr Gegner besiegt, geben sie auch die neue Aeion-Energie frei.Habt ihr Gegner besiegt, geben sie auch die neue Aeion-Energie frei.

Ebenfalls neu und wichtig für diese Neuinterpretation sind die Aeion-Kräfte. Besiegte Gegner hinterlassen nicht nur Munition für die stärkeren Waffensysteme und Lebensenergie, sondern auch Aeion. Das wiederum ist der Treibstoff für neue Funktionen. Dazu zählt ein Schild, der Samus vor gefährlichen Umwelteinflüssen schützt, ein Scanner, der kreisförmig das aktuelle Gebiet durchleuchtet und verborgene Wege offenbart, oder aber ihr leitet die Energie zum Beispiel in eure Waffensysteme und sorgt so für mehr Schaden.

Ebenso viel Gewicht liegt auf dem neuen Melee-Counter. Gegner, die euch zu sehr auf die Pelle rücken, kündigen dies optisch und akustisch an. So geben sie euch die Gelegenheit, im richtigen Moment einen Konterschlag auszuführen, der gleich darauf den Gegner offen für besonders starke Angriffe macht. Der eine oder andere Zwischenboss ist zum Beispiel nur auf diese Weise zu schlagen.

Nur ein kurzer Satz zur allerwichtigsten Neuerung: Es gibt eine Übersichtskarte, die ihr ständig auf dem unteren Bildschirm des 3DS im Blick habt. Ohne diese Karte wäre das Spiel nur halb so ansprechend. Ein Faktor, der dem Original den Sprung nach ganz oben verwehrt hat. Hallelujah!

Perfekte Kurven

Ohne umfangreiches Tutorial, aber mit stets nachlesbaren Erklärungen neu gewonnener Funktionen, taucht ihr Schritt für Schritt in das Abenteuer ein. Die Balance zwischen Herausforderung und spielerischen Möglichkeiten beschreibt dabei eine wundervoll stimmige Lernkurve.

Heiß! Heiß! In brenzligen Situationen heißt es: einen kühlen Kopf bewahren! Es gibt immer einen Ausweg.Heiß! Heiß! In brenzligen Situationen heißt es: einen kühlen Kopf bewahren! Es gibt immer einen Ausweg.

Es gibt haarige Situationen im Spiel, wie ihr es auch von Raketenfeuer und Lasergefechten erwarten dürft. Stets bekommt ihr auf faire Weise alle Gelegenheiten zur Verfügung gestellt, um einen Kampf zu meistern. Ihr müsst nur hin und wieder herausfinden, wie ihr das am besten angeht. Egal ob Standard- oder Boss-Kämpfe: Es kommt in den aktiven Abläufen keine Langeweile auf. Ihr seid immer mit irgendwas beschäftigt, die Kämpfe gestalten sich auch aufgrund der großen Gegnervielfalt immer wieder neu und abwechslungsreich.

Rücksetzpunkte sind dabei durchaus fair verteilt. Ein Beispiel: Ihr verpatzt einen Boss-Kampf, müsst aber danach nicht erst wieder den beschwerlichen Weg durch feindverseuchtes Gebiet auf euch nehmen. Stattdessen steht ihr vor der Tür zur Arena. Manuelles Speichern an dafür vorgesehenen Punkten ist aber dennoch ein Muss!

Trotz dreidimensionaler Polygon-Figuren und -Hintergründe vermittelt die Steuerung das typische 8- und 16-Bit-Gefühl, und zwar in Hinblick auf die Präzision. Selten wurde die Steuerung per Schiebepad so elegant inszeniert. Zwar gibt es in den meisten Abschnitten keine nervenzermübenden Hüpfereien, die pixelgenaue Springerkünste erfordern, jedoch gehören alle Bewegungsabläufe nun mal zur Basis des Spiels. Hier hat Mercury Steam ganz großartige Arbeit geleistet.

Eines der nützlichsten Werkzeuge im Spiel: Mit dem Greifhaken dringt ihr in neue Bereiche vor.Eines der nützlichsten Werkzeuge im Spiel: Mit dem Greifhaken dringt ihr in neue Bereiche vor.

Einziger Schwachpunkt: Um mit Raketen manuell zu zielen, benötigt ihr beide Zeigefinger und beide Daumen: Ihr müsst einen Knopf zum Aktivieren des manuellen Zielens halten, einen, um die Waffe auf Raketen umzustellen, mit einem Daumen betätigt ihr das Schiebepad zum Zielen und irgendwie müsst ihr auch noch den Feuerknopf betätigen. Das ist äußerst krampfig und hätte zum Beispiel durch eine einfache Umschalt-Mechanik vermieden werden können.

Der Weg ist das Ziel

Metroid - Samus Returns ist vollgestopft mit Geheimnissen, versteckten Items, Verbesserungen für Waffen, Munitionsvorräte und Samus' Anzug. Auf eurem Weg werdet ihr über einiges stolpern, anderes wollt ihr unbedingt aufstöbern! Es ist aber keinesfalls nötig, wirklich alles zu finden, um das Spiel zu beenden. Die wichtigen Funde, die euch ein Weiterkommen ermöglichen, liegen immer auf eurem Weg. Alles andere ist Bonus und wie viel ihr davon braucht, hängt von eurem Geschick und eurer Geduld ab.

Auf Dauer etwas repetitiv: Die Metroids.Auf Dauer etwas repetitiv: Die Metroids.

Erstaunlicherweise sind gerade die Kämpfe gegen die Metroids, das Kernstück der ganze Serie, nicht ganz so spannend, wie sie hätten sein können. Ihr findet diese Geschöpfen in verschiedenen Entwicklungsstufen, die Kämpfe dagegen sind jedoch kaum unterschiedlich. Kleine Details, die hier und da im Ablauf verändert werden, sind schon alles, womit ihr konfrontiert werdet. Hier hätte durchaus ein wenig mehr Mut zum Experimentieren gut getan. Jedoch ist natürlich nicht klar, wie stark die Entwickler an Vorgaben seitens Nintendo gebunden waren.

Glücklicherweise ist dieser Schwachpunkt zu verschmerzen. Das Spiel lädt euch mit jeder geöffneten Tür dazu ein, noch ein wenig länger in den düsteren Kavernen zu verweilen, vielleicht noch ein Geheimnis zu lüften ... Na gut, vielleicht noch eines. Aber dann ist Schluss! Nur noch schauen, was hinter dieser Tür ist, die ihr jetzt endlich öffnen könnt. Ach, da kommt sicher gleich ein Speicherpunkt. - Ja, von dieser Sorte ist das Spiel. Es motiviert, es sieht hübsch aus, es fördert eure Neugier und es belohnt sie auch.

Metroid - Samus Returns ist eine hervorragend gelungene Neuinterpretation eines vergessenen Spiels, das nie die Chance hatte, das zu sein, was es eigentlich hätte von Anfang an sein sollen. Jetzt ist es soweit und die ganze Welt darf zusehen. Fans der Serie bekommen genau das, was sie sich gewünscht haben. Neueinsteiger werden weder überfordert, noch außen vor gelassen, sondern sind genau so im Spiel willkommen wie alle anderen. Gut gemacht, Nintendo und Mercury Steam! Jetzt bitte auf zum nächsten Klassiker und lasst dem die gleiche Behandlung zuteil werden.

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Tags: Science-Fiction   Retro   Shigeru Miyamoto   Remake  

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