Videospiel-Journalisten müssen keine guten Spieler sein - oder? - Seite 3 (Special)

Richard Stenton, Redakteur bei Kotaku UK.

Ich empfinde diese gesamte Geschichte als ziemliche Nabelschau. Das Interesse von Autoren an Spielen ist wichtiger, als dass sie gut darin sind - wie auch immer man sowas quantifizieren sollte. Spieler sind nicht alle auf dem gleichen Level, ebensowenig Journalisten. Ich würde lieber einen guten Artikel von jemand smarten lesen, der "schlecht" im Spielen ist, als einen generischen Text von jemandem, der "gut" ist. (Aus dem Englischen übersetzt von M.K.)

Micky Auer, stellvertretender Chefredakteur von spieletipps.

Man muss nicht jedes Spiel auf Platin durchgespielt haben, um seine Feinheiten erkannt und bewertet zu haben. Man muss nicht superextremwahnsinnigkrass drauf sein, um zu bewerten, dass die höheren Schwierigkeitsgrade echt fordernd sind. Wie sieht es aber aus, wenn man als Journalist über etwas berichtet, das genau das in den Mittelpunkt stellt? Nämlich superextremwahnsinnigkrasse Skills im E-Sport, zum Beispiel. Klar, ein Journalist, der das genau so könnte wie die E-Athleten, wäre vermutlich schon im Team. Aber in der Berichterstattung, vor allem live, ist es gerade hier nötig, Situationen blitzschnell zu erfassen, die richtige Nomenklatur dafür zu finden und entsprechend rüberzubringen. Das setzt nicht nur eine genaue Kenntnis des jeweiligen Genres, sondern auch eine gewisse eigene Fertigkeit in dem Spiel voraus. Auch hier gilt für mich, dass eine absolute Pro-Fähigkeit nicht vonnöten ist. Aber stellt euch im Vergleich den Kommentator eines Fußballspiels vor, der selbst nie gespielt hat und den Sport auch nur vom Hörensagen kennt. Seine Karriere wäre eine kurze.

Björn Balg, ehemals Freier Redakteur bei Eurogamer, jetzt Inhaber des YouTube Kanals SpeckObst.

Ich bin tatsächlich der Auffassung, dass je nach Genre/Spiel eine gewisse Kompetenz (oder zumindest Bereitschaft, sich tiefer damit zu befassen) von Nöten ist, um die Mechaniken eines Spiels richtig zu besprechen. Und genau das vermisse ich leider viel zu oft.

Man sollte aber auch die Begriffe Journalist und Kritiker trennen. Niemand muss irgendein Spiel können, um journalistische Beiträge darüber oder die Industrie zu schreiben. Aber wenn es um analytische Bewertungen geht, spielt das in meinen Augen schon eine gewisse Rolle.

David Dieckmann, Team Lead Social Media spieletipps.

Ich muss keine 10.000 Stunden gespielt haben, um die Magie eines Ori and the Blind Forest zu verstehen, oder die eines Super Mario Galaxy. Aber ich muss mit einem Controller zurechtkommen, um überhaupt den Abspann zu erreichen. Spiele setzen immer ein gewisses Maß an Können voraus, um sie überhaupt greifen und verstehen zu können. Das ist oft so niedrig, dass es normale Spieler nicht einmal als Können bezeichnen würden. In einigen Fällen aber auch nicht. Ein Beispiel: Quake Champions ist ein ganz normaler Shooter für Spieler, die nicht die Finessen des Gameplays beherrschen. Und eben jene Spieler können nicht ohne Fremdmeinungen bewerten, wie ungerecht (oder eben nicht) die unterschiedlich hohe Lebensenergie der Helden ist. Helden, die Profis auf unterschiedliche Arten spielen, während der Quake-Anfänger nur geradeaus läuft und sich fragt, warum irgendwer freiwillig die weniger robusten Recken spielen würde. Egal, ob er schon 5.000 Stunden Counter-Strike gespielt hat, gerade seinen ersten Shooter in der Hand hält oder gar noch nie digitaler Unterhaltung frönte. Redakteure brauchen keine Profi-Fähigkeiten, um Spiele zu bewerten. Bei bestimmten Arten von Spielen wie MOBAs, Online-Shootern oder MMOs ist ein gewisses Können aber unabdingbar, um Spiele in ihrer Gänze zu begreifen. Um ungerecht-gute oder schlechte Fähigkeiten zu identifizieren und um Spiele in den Kontext ihrer Konkurrenz zu setzen. Zugegeben: Wissen macht hier deutlich mehr aus als tatsächliche Fähigkeiten am Eingabegerät. Doch auch Letztere sind bis zu einem bestimmten Punkt Grundvoraussetzung.

Autoren sollten eines können: Gut schreiben. Allerdings kann es auch ziemlich amüsant sein, ein Spiel mal absichtlich schlecht zu beschreiben. Welche Auswüchse das nehmen kann, seht ihr in der Bilderstrecke.

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