Test Marvel vs. Capcom - Infinite: Kloppen ohne X-Faktor

von Thomas Nickel (18. September 2017)

Die Welten von Capcom und Marvel sind wieder einmal kollidiert, und um das Schlimmste zu verhindern müssen die Helden beider Universen zusammenarbeiten. Oder sie hauen sich gegenseitig auf die Nuss.

Ein wenig Crossover gehört in der Welt der Kampfspiele heutzutage einfach zum guten Ton. Marvel-Helden treffen auf Capcom-Kämpfer, die DC-Crew legte sich schon mit den Mortal Kombat-Brutalos an, auch SNK mischte schon kräftig mit, und von Nintendos Star-Klassentreffen Super Smash Bros. fangen wir gar nicht erst an. Aber Kenner wissen: Am wildesten wird es immer, wenn sich Capcom und Marvel wieder einmal treffen: Schon bei X-Men vs. Street Fighter tanzte Mitte der 90er Jahre die Kuh - und seitdem wurde es nur noch wilder.

Jetzt sind es ausgerechnet Wolverine, Rogue, Gambit, Phoenix, Cyclops und all die anderen berühmt-berüchtigten X-Men-Figuren, die beim neuesten Gipfeltreffen auf der Ersatzbank bleiben müssen ... doch mit einer illustren Schar an Capcom-Kämpfern und all den bekannten Gesichtern aus dem Marvel Cinematic Universe ist Marvel vs. Capcom - Infinite trotzdem ziemlich gut aufgestellt. 30 Helden und Schurken treten hier mit- und gegeneinander an, weitere Kämpfer sollen in den kommenden Monaten per DLC folgen.

Kam Street Fighter 5 vor nicht allzu langer Zeit inhaltlich noch eher schwachbrüstig daher, geht Capcom mit Marvel vs. Capcom - Infinite in die Vollen. Hier gibt's nicht nur die obligatorischen Trainings- und Mehrspielermodi, auch an einen ordentlichen Arcade- und einen Storymodus, der erklärt warum sich hier Ryu, Dante, Captain America, Hulk und Co. gegenseitig versemmeln, hat Entwickler Capcom gedacht. Zugegeben, große Erzählkunst steckt natürlich nicht daher, unterhaltsam ist der Plot aber allemal, und auch ein "Civil War" im Kino ergab bei genauerem Nachdenken nicht mehr Sinn.

Und so treten die Helden und Schurken schließlich in Zweierteams gegeneinander an: Aus je einem schnellen und einem harten Schlag und Tritt, diversen Spezial- und Supermanövern, dynamischen Wechselaktionen und nicht zuletzt auf den berühmt-berüchtigen Infinity-Steinen hat Capcom ein gelungenes Kampfsystem zusammengerührt, das nur auf den ersten Blick simpler als die Keilereien der Vorgänger wirkt. Dort gab es noch Dreierteams und Assist-Manöver, bei denen ein Partner schnell in die Arena sprang um eine Aktion auszuführen. Doch tatsächlich ist die Reduktion auf zwei Figuren pro Team eine der großen Stärken von Marvel vs. Capcom - Infinite.

Marvels Hulk gegen Capcoms Strider Hiryu: Hier trifft unbändige Kraft auf Geschwindigkeit und eiserne Ninja-Disziplin.Marvels Hulk gegen Capcoms Strider Hiryu: Hier trifft unbändige Kraft auf Geschwindigkeit und eiserne Ninja-Disziplin.

Anstatt sich auf drei meist komplett unterschiedliche Figuren zu stützen und stets im Kopf zu behalten, wo den nun welcher Kämpfer eingewechselt wird, könnt ihr euch nun auf zwei Figuren, die ihr wirklich beherrscht konzentrieren, einen angeschlagenenen Helden kurz nach draußen schicken, damit der sich regeneriert, oder mitten in einer Kombo abklatschen, um dem Gegner noch ein wenig mehr Energie abzuziehen. Und auch wenn die Schläge hier durch den starken Special- und Kombo-Fokus nicht so satt klatschen wie in den regulären Episoden von Street Fighter - befriedigend ist das Spielgefühl allemal.

Streiten kann man allerdings über die Präsenation. Die ersten Teile der Reihe setzten auf knallbuntes, auf fähiger Hardware auch noch butterweich animiertes Capcom-2D, das für PS3 und Xbox 360 erschienene Marvel vs Capcom 3 - Fate of Two Worlds und dessen Update Ultimate Marvel vs. Capcom 3 taten ihr Bestes, um den typischen Look gezeichneter Marvel-Comics abzubilden.

Die aktuelle Episode lehnt sich dagegen mit vergleichsweise naturalistischen Charakterdesigns und meist recht gedeckten Farben an die aktuellen Kinoproduktionen an, auch die Musik bietet im Vergleich zu früher eher wenige Ohrwürmer. Dafür stimmen die Animationen: Die Attacken sind dynamisch, die Gesten ausladend und expressiv - wer den Look der Filme mag oder ohnehin nicht allzu viel Sympathie für kräftige Farben aufbringt, der wird hier keinen Grund zur Klage finden.

Morrigan schickt Captain America eine Soul Fist entgegen, der stürmt mit seinem Schild voran.Morrigan schickt Captain America eine Soul Fist entgegen, der stürmt mit seinem Schild voran.

Sehr angenehm ist die niedrige Hürde für Einsteiger. Natürlich bietet Marvel vs. Capcom - Infinite nicht zuletzt durch die sechs verfügbaren Infinity-Steine eine ganze Menge taktischer Tiefe, trotzdem ist der Einstieg auch für unerfahrene Prügel-Neulinge durchaus machbar. Vor allem die Autokombo-Funktion, über die ihr alleine durch wildes Reinhämmern der schnellen Angriffe eine stattliche Luftkombo hinlegt, sorgt gleich in den ersten Runden für Erfolgserlebnisse. Könner dürfen die Funktion dafür im Optionsmenü deaktivieren und ihre Schläge gänzlich manuell aneinanderreihen. Egal, ob ihr Neuling oder Profi seid, ob ihr Wert auf Handlung oder wilde Online-Keilereien gegen gute Gegner legt, hier kommt jeder Joypad-Kampfkünstler auf seine Kosten.

Meinung von Thomas Nickel

Am Anfang musste ich erstmal schlucken. Gerade als großer Freund der klassischen 2D-Episoden mit ihren herrlichen Farben kann mich der neue, oft ziemlich desaturierte Look nicht so richtig überzeugen. Und ich vermisse einfach meine X-Men. Und ich vermisse Doctor Doom ... und Deadpool. Überhaupt ist Capcom bei der Figurenauswahl auf beiden Seiten etwas konservativ und vorsichtig. Es muss ja nicht gleich der anthropomorphe Kaktus aus Marvel vs. Capcom 2 sein, aber ein paar Gesichter aus Capcom-Reihen wie Onimusha, Breath of Fire oder Power Stone wären schon willkommen gewesen.

Spielerisch gibt es dafür keine Beschwerden. Die Kämpfe sind schnell, und - wenn ihr euch an die effektbedingte Reizüberflutung gewöhnt habt - auch wunderbar taktisch. Die Figuren spielen sich teilweise extrem unterschiedlich: Während Ryu oder Captain America sehr klassisch-direkte Kämpfer sind, ist für Firebrand oder Frank West schon etwas mehr Einarbeitung nötig - und das ist gut, denn dadurch stimmt auch die Langzeitmotivation.

Für die sorgt auch der ordentliche Umfang. All das, was bei Street Fighter 5 schmerzlich vermisst wurde, das befindet sich gleich von Anfang an mit im Paket - so soll es sein. Hoffen wir, dass sich Capcom auch bei den kommenden DLCs - als neue Kämpfer sind Sigma und Black Panther bereits angekündigt - nicht lumpen lässt. Und wer weiß, wenn der Wunsch der Spieler nach Wolverine, Rogue und Co. stark genug, dann kriegen wir vielleicht auch wieder unsere X-Men!

85 Spieletipps-Award

meint: Auch wenn ein paar beliebte Figuren vermisst werden und der Grafikstil Geschmackssache ist. gibt sich die neue Marvel-Capcom-Hauerei spielerisch keine Blößen.

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Tags: Arcade  

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