Das Phänomen Hello Neighbor: Von der Freude bei eurem Nachbarn einzubrechen

(Special)

von Emily Schuhmann (12. Oktober 2017)

"Ich habe seine Fernbedienung, seinen Sessel, den gesamten Milch-Vorrat aus seinem Kühlschrank. Zusätzlich habe ich die meisten seiner Fenster zerbrochen." Einbruch und Vandalismus, eigentlich keine Kavaliersdelikte, aber in Hello Neighbor der Schlüssel zum Erfolg.

Habt ihr euch je gefragt, was für furchtbare Dinge hinter dem unschuldigen, weißen Gartenzaun auf der anderen Straßenseite passieren, oder hinter den harmlos aussehenden, geblümten Vorhängen im Nachbarhaus?

Obwohl es sich noch in der Entwicklung befindet, ist das Internet bereits voll mit Theorien, was genau im Indie-Spiel Hello Neighbor eigentlich abgeht. Ihr spioniert euren Nachbarn aus, vermeidet dessen Fallen, wie etwa den Sicherheits-Hai und versucht herauszufinden, was er in seinem Keller versteckt.

Was geht dem Mann in Pullunder und Gummihandschuhen wohl beim Blick in eure Richtung durch den Kopf?Was geht dem Mann in Pullunder und Gummihandschuhen wohl beim Blick in eure Richtung durch den Kopf?

Oft sind solche etwas skurrilen Spiel-Ideen gigantische Kickstarter-Erfolge, aber das war hier nicht der Fall. Gerade einmal knapp 500 Leute unterstützten das Projekt. Von diesem Fehlschlag ließen sich die Entwickler Dynamic Pixels aber nicht aufhalten. Sie machten trotzdem weiter. Ursprünglich war die Veröffentlichung des Spiels bereits für Ende 2016 geplant, dann wurde der 29. August 2017 angepeilt, und mittlerweile könnt ihr euch den 8. Dezember im Kalender anstreichen. Dann soll Hello Neighbor für PC und Xbox One erscheinen.

Kampf gegen die Künstliche Intelligenz

In Spielen wie Dark Souls 3 könnt ihr den Schwierigkeitsgrad enorm senken, wenn ihr stur die Angriffsmuster der Gegner auswendig lernt und verinnerlicht. Was wäre nun aber, wenn der eh schon anspruchsvolle Boss "Tänzerin des Nordwindtals" sich eben nicht immer gleich verhalten, sondern sich eurem Spielstil anpassen würde?

Das folgende Video erklärt, wie der Nachbar im Spiel programmiert ist:

Lernende Gegenspieler sind nach wie vor eine Seltenheit in Videospielen, und das aus gutem Grund. Eine sich tatsächlich entwickelnde KI erfordert nicht nur die Fähigkeit sie zu erschaffen, sondern auch das Bewusstsein, dass sie ein Spiel unglaublich erschweren kann. Der Nachbar lernt, er reagiert auf eure zahlreichen Versuche das Haus zu betreten und je länger ihr spielt, desto komplizierter wird es ihn in seinem verwirrenden Haus auszutricksen.

Einem Architekten würden bei diesem paradoxen Bauwerk vermutlich die Haare zu Berge stehen und mit jedem Update wird es verrückter.Einem Architekten würden bei diesem paradoxen Bauwerk vermutlich die Haare zu Berge stehen und mit jedem Update wird es verrückter.

Euer Ziel ändert sich jedoch nie: Ihr wollt herausfinden, was der Mann mit der Kinnlocke in seinem Keller verbirgt. Aber warum eigentlich? Seid ihr vielleicht der wahre Bösewicht in diesem Spiel? Einer der Entwickler sagte dazu in einer Reddit-AMA Folgendes: "Ich kann nicht viel über die Handlung sagen und warum genau ihr die Kellertür öffnen müsst. Aber betrachtet die Situation doch mal aus einer anderen Perspektive. Was wenn der Nachbar ein Psychopath ist und jemanden gefangen hält, wer weiß?"

Wenn ihr Teil der Entwicklung sein wollt, könnt ihr das Spiel vorbestellen und euch direkt in die Beta stürzen. Oder ihr schaut euch erstmal die kostenlose Demo an, denn damit begann auch die Erfolgsgeschichte von Hello Neighbor.

YouTube als Starthilfe

Nachdem die Kickstarter-Kampagne nicht funktionierte, erdachten Entwickler Dynamic Pixels und Publisher tinyBuild einen neuen Plan. Sie schickten tausende Alpha-Keys an bekannte YouTuber und Streamer, deren Zuschauer dieselbe Demo ebenfalls runterladen konnten. Innerhalb kürzester Zeit nahmen die Russen über Vorbestellungen die gesamten Produktionskosten wieder ein und verfielfachten die Summe sogar. YouTube als Katalysator für die Bekanntheit setzt sich immer weiter durch.

Ryan Clark, Entwickler von Crypt of the Necrodancer bekam den YouTube-Effekt ebenfalls zu spüren. Nach einem PewDiePie-Video gingen die Verkäufe durch die Decke. Auch Surgeon Simulator, Five Nights at Freddy's oder Undertale wurden durch Videos zu Überraschungserfolgen.

Auch einige der folgenden Indie-Spiele wurden erst durch Let's Plays so richtig bekannt:

Videos die Lust auf das Spiel machen, können eine Erfolgsgeschichte ins Rollen bringen. Komplette Playthroughs können aber im Gegenzug auch dafür sorgen, dass es keinen Grund mehr dazu gibt, das Spiel selbst kaufen. Ihr könnt euch die gesamte Geschichte ja einfach anschauen.

Mit Hello Neighbor wuchsen einige kleinere Kanäle auf das Hundertfache ihrer ursprünglichen Größe. Deswegen empfehlen die Entwickler auch eher mit wachsenden YouTubern zusammenzuarbeiten, da diese dann auch oft mehr Herzblut in die Projekte stecken. Oder ein Spiel hat das Glück und landet bei den Theoretikern auf dem Seziertisch. Dafür bietet sich das mysteriöse Hello Neighbor natürlich besonders an.

Haben etwa die Iluminati ihre Finger im Spiel?

Der Nachbar ist ein Clown, weil im Haus Kirmes-Musik spielt und er auf einem Artwork ein passendes Kostüm trägt. Oder er ist der Teufel. Er hat seine Seele an den Teufel verkauft. Die bisher veröffentlichten Versionen des Spiels sind voller Symbole: goldene Kälber auf Kaffeetassen, die Zahl 666 auf der Schuhsohle des Nachbarn, das Buch Faust auf der Couch und ein Psalm auf dem Briefkasten. Gerade die Idee einer Verbindung zu Faust steht bei den Theoretikern hoch im Kurs.

Wer oder was ist die Figur, die sich hier am linken Bildrand im Schatten versteckt? Der Teufel?Wer oder was ist die Figur, die sich hier am linken Bildrand im Schatten versteckt? Der Teufel?

Für alle unter euch, die im Deutschunterricht geschlafen haben, hier noch mal eine kurze Zusammenfassung: Seines Lebens müde verspricht Faust dem Teufel seine Seele, wenn es diesem gelingt, ihn glücklich zu machen. Faust verführt das junge Gretchen und schwängert sie. Halb wahnsinnig wegen dieser Sünde tötet sie ihr Kind und wird verhaftet. Faust will sie retten, aber sie weigert sich.

Was hat das jetzt mit einem Indie-Spiel aus Russland zu tun? Im Spiel gibt es Hinweise auf Frau und Kind und ihr seht oft eine schattenhafte Figur, die den Nachbarn begleitet. Vielleicht ging dieser einen ähnlichen Teufelspakt wie Faust ein und will nun, da er mit seiner kleinen Familie glücklich ist, doch nicht seine Seele hergeben? Vielleicht sind all die Fallen im Haus gar nicht für uns, sondern für den Teufel gedacht? Dämonen können häufig ihre Gestalt wandeln, vielleicht geht der Nachbar deswegen so rabiat mit jedem Eindringling um?

In Producer Updates informieren die Entwickler ihre Fans über den Stand der Dinge:

Dynamic Pixels veröffentlicht fortlaufend neue Versionen von Hello Neighbor, die das Haus, die Spielwelt und die Handlung verändern und erweitern. Seit dem letzten Update wundert sich die Community vor allem über goldene Äpfel, die Zahl Vier und sogenannte Fear Rooms. Aber die eine Frage, die nach wie vor im Raum steht, wird wohl noch eine Weile auf ihre Beantwortung warten müssen: Was zur Hölle ist in diesem Keller?

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Tags: Indie   Singleplayer  

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