Test Super Mario Odyssey: Nintendos Allzweck-Held erfindet sich wieder neu

von Thomas Nickel (26. Oktober 2017)

Spätestens jetzt führt kein Weg mehr an der Nintendo Switch vorbei. Zumindest für Fans von Mario: Das Nintendo-Aushängeschild läuft in seinem neuen Abenteuer wieder zu absoluter Höchstform auf.

Seit Mario die dritte Dimension erobert und diese damit für den Rest der hüpfend-forschenden Spielewelt gleich im ersten Anlauf gründlich erschlossen hat, fühlt er sich dort sichtlich wohl. Jeder von Marios 3D-Auftritten fuhr seinerzeit Höchstwertungen ein und hinterließ seine Spuren im großen, weiten Spielekosmos. Aber auf den wohlverdienten 3D-Lorbeeren ruht sich Nintendo trotzdem nicht aus. Den Beweis dafür tritt die japanische Spieleschmiede nun mit Super Mario Odyssey an.

Mario ist Zurück!

In den 90er Jahren wäre es ein Leichtes gewesen, im regelmäßigen Rhythmus direkte Nachfolger zum legendären Super Mario 64 am Fließband zu produzieren. Aber stattdessen ging Nintendo in die Tiefe statt in die Breite. Neue Bewegungs- und Angriffsmöglichkeiten in Super Mario Sunshine, eine völlig neue Form der Dreidimensionalität in Super Mario Galaxy und dessen Nachfolger oder die spannende Fusion aus dem 2D-Spielgefühl und den Mehrspielerfunktionen von New Super Mario Bros. oder der "Wii U"-Hit Super Mario 3D World ... Immer wieder experimentiert Nintendo mit neuen Mechaniken, Ansätzen und Ideen, um jedes große Mario-Abenteuer zu etwas Besonderem zu machen.

Auch wenn Super Mario Odyssey jetzt einem echten "Mario 64"-Sequel näher kommt als jeder andere 3D-Mario seit dem famosen N64-Klassiker, steckt auch dieses Abenteuer voller neuer, spannender Ideen. Eine wichtige Frage wird gleich zu Beginn geklärt: "Warum entführt Bowser jedes Mal wieder die Prinzessin? Was hat er eigentlich vor? Ist es ein politischer Akt? Aufbegehren gegen die verkrustete Monarchie? Will er einfach nur den doofen Mario ärgern? Der Auftritt im weißen Frack und Zylinder lässt nun keine Zweifel mehr zu: Der feiste Bursche will die holde Prinzessin ehelichen!

Vom Hutland in die Welt

Dafür steht nun eine Weltreise an. Aus jedem Teil des Globus muss ein Objekt zur Durchführung der Zeremonie her. Geplant haben das die Broodals, leicht durchgeknallte und ziemlich hasenartige Hochzeitsplaner. Aber zum Glück ist Mario der Prinzessin, Bowser und seinen neuen Kumpanen stets auf den Fersen, und noch dazu ist er nicht allein: Marios neuester Freund heißt Cappy und stammt aus dem Hutland - dem Land, wo Bowser die Tiara der Prinzessin und damit auch Cappys Freundin gemopst hat. Also verwandelt sich der direkt in eine rote Kappe und los geht die Reise!

Das Abenteuer kann jetzt so richtig beginnen!Das Abenteuer kann jetzt so richtig beginnen!

Und was für ein Auftakt das ist! Das Hutland überrascht mit stimmungsvollem, fast farbfreiem Look, fantastischer Plastizität insbesondere bei der filzigen Textur der Hüte, und wechselt dann wieder ins komplett Surreale, wenn Mario das erst Mal den Körper einer anderen Kreatur übernimmt und auf einmal als schnauzbärtiger Frosch hohe Sprünge macht. Und kaum ist der erste von vielen, vielen Monden verdient (die spielen nämlich eine wichtige Rolle für euren Fortschritt), geht die Reise auch schon weiter. Nach dem Auftakt im Hutland verschlägt euch das Kaskadenland schlichtweg den Atem.

Saftige Wiesen, rauschende Wasserfälle, schmale Stege, hohe Berge und gigantische, versteinerte Dinosaurierskelette begrüßen euch gemeinsam mit einem rauschenden Orchestersoundtrack und heißen euch in Marios neuem Abenteuer so richtig willkommen - und ihr als Spieler sitzt mit einem glücklichen Grinsen davor, freut euch über die detailverliebte Welt, die stets stabile Bildwiederholungsrate, geht auf die Suche nach den unzähligen Geheimnissen und ertappt euch immer wieder bei der glücklichen Erkenntnis, dass ihr gerade ein grandioses Abenteuer spielt.

Im Körper des Feindes

Mario steuert sich so präzise wie nie zuvor und ist besser animiert denn je. An jede Kleinigkeit wird gedacht und manche Bewegungen, beispielsweise das flinke Hochziehen an einem Vorsprung, wirken auch nach längerer Spielzeit immer noch putzig. Die subtil implementierte Bewegungssteuerung ist ebenso griffig wie optional. Tatsächlich kommt das Spielgefühl mit zwei separat gehaltenen Joy-Cons am besten rüber, aber auch im Handheld-Modus oder mit dem Pro-Controller habt ihr stets die volle Kontrolle über Mario und seine neuen Aktionen. Pilz, Feuerblume und Kostüme früherer Episoden haben hier Pause, stattdessen ist Cappy hier das zentrale Spielelement.

Als Steinkopf durch die Wüste - warum nicht?Als Steinkopf durch die Wüste - warum nicht?

Die einfachste Aktion: Werft Cappy auf einen Gegner, um ihn zu erlegen. Oder lasst ihn um euch kreisen, um eine große Gruppe von Angreifern unschädlich zu machen. Aber Cappy kann noch mehr. Viele Gegner werden mit einem flotten Cappy-Wurf einfach übernommen, und auf einmal steuert ihr selbst Gumbas, Kugelwillis, Hammerbrüder oder viele andere, noch viel abgefahrenere Zeitgenossen. Und natürlich habt ihr dann auch deren volles Aktionspotenziel. Als Kugelwilli fliegt ihr über Abgründe, Goombas lassen sich prima stapeln und wenn ihr als watschelnder Moai-Kopf unterwegs seid, setzt ihr auf Knopfdruck die Sonnenbrille auf und erkennt verborgene Pfade - Abwechslung und Ideenreichtum scheinen grenzenlos.

Viel zu Entdecken

All diese Möglichkeiten werden auch spielerisch sinnvoll genutzt. Mario erforscht große, zusammenhängende Welten voller Aufgaben und Geheimnisse. Ein grober Kurs ist stets vorgegeben, aber richtig lustig wird's erst, wenn ihr davon abweicht und euch selbständig auf die Suche nach Herausforderungen begebt. Waren die Welten in Mario 64 noch instanziert, habt ihr es hier mit sich stetig weiter entwickelnden Szenarien zu tun. Als Beispiel sei die Wüste genannt. Die ist bei eurem ersten Besuch noch eisig und gefroren. Später hebt ihr eine umgekehrte Pyramide aus dem Boden und taut schließlich das Eis - jede Aktion eröffnet neue Wege und Aktivitäten.

Traut ihr euch, die umgekehrte Pyramide zu erforschen?Traut ihr euch, die umgekehrte Pyramide zu erforschen?

An Belohnungen wird hier nicht gespart: Die Monde, die zentralen Objekte von Marios Begierde, gibt es hier in rauen Mengen und für viele clevere Aktionen dürft ihr einen einsacken. Eine praktische Liste führt dabei Buch, wann ihr welchen Mond geholt habt und gibt euch gleichzeitig einen Einblick, wie viele davon in einer Welt noch versteckt sind. Aber Monde sind nicht alles, auch Münzen mag Mario nach wie vor. Davon gibt es mehr als nur eine Sorte. Die normalen, gelben Münzen gebt ihr für normale Power-Ups wie Lebensenergie oder ein paar Standard-Kostüme aus. Dazu hat aber auch jede Welt noch ihre eigene Währung. Die ist nur begrenzt vorhanden und wird in die lokalen Kostüme, hübschen Sticker und andere Verzierungen investiert - selten hat Sammeln so viel Spaß gemacht wie hier.

Makellose Technik

Der Spielspaß stimmt - bleibt die Frage nach der Technik. Hier setzt Nintendo eine zentrale Priorität, und zwar die Bildwiederholrate. Marios neues Abenteuer läuft durchgehend mit seidig-sanften 60 Bildern pro Sekunde. Das sorgt für ein perfektes Spielgefühl und ist auch nicht allzu teuer erkauft: Die maximale Auflösung pendelt sich ein Stück unterhalb der 1080p ein. Gut, das Gras ist im aktuellen Zelda-Spiel satter und saftiger - aber dafür läuft Breath of the Wild halt auch nur mit der halben Bildwiederholrate von Super Mario Odyssey.

Auch im strömenden Regen hält Mario die saubere Bildwiederholrate.Auch im strömenden Regen hält Mario die saubere Bildwiederholrate.

Grafisch war Mario nie abwechslungsreicher. Jede Welt unterscheidet sich komplett von den anderen, jede hat ihr eigenes Flair und anstatt wieder einmal stur die üblichen Mario-Szenarien abzufeiern, kommt Super Mario Odyssey mit komplett neuen Umgebungen daher: die gefrorene Wüste erinnert an den mexikanischen Tag der Toten, New Donk City lässt euch auf eine Stadt im Stil der 30er Jahre los, ein Dschungel scheint komplett aus Plastik zu bestehen und das Essensland setzt auf weite, einfarbige Flächen - die Künstler haben sich hier sichtlich ausgetobt.

Gleiches gilt für die Komponisten: Langsam bauen sich viele Themen im Verlauf einer Welt auf und verleiten immer mehr zum Mitpfeifen und Mitwippen, der Einsatz echter Instrumente macht sich hier einfach bezahlt. Und dann schlägt Mario wieder den dreifachen Salto rückwärts: Über pixelige Röhren wird Mario zu seinem guten, alten 8Bit-Ich und durchquert Wände oder runde Türme wie in seinem großen NES-Auftritt aus dem Jahre 1985. Und nicht nur Mario wird zu seinem alten Ich, auch die Musik wechselt fließend vom großen Orchester-Arrangement oder einer "Big Band"-Suite zu den vertrauten NES-Chiptunes - und ist dabei mindestens genauso eingängig wie in ihrer modernen Form.

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