Aufstieg, Fall und Aufstieg: Japan und die Spieleindustrie

(Special)

von Micky Auer (24. Oktober 2017)

Japan gilt als die spirituelle Heimat, das Epizentrum, das Geburtsland der Videospiele. Doch das Goldene Zeitalter Japans in der Branche ist vorüber. Was ist seitdem geschehen?

In einer Hinsicht ist Japan uns seit Jahrzehnten um Längen voraus: Im Land der aufgehenden Sonne gehören Videospiele ebenso wie Manga- und Anime-Kunst zur Kultur wie bei uns jede andere Ausprägung darstellender Kunst. Dahingehend ist es nicht verwunderlich, dass Japan und seine Spielentwickler von Anfang an dabei waren, als Nintendos NES die Branche rettete, als sich SNES und Mega Drive den ersten Konsolenkrieg lieferten und Videospiele langsam aber unaufhaltsam ihren Einfluss in der weltweiten Pop-Kultur geltend machten.

Fast alles, was in den späten 80ern und in den frühen 90ern des vergangenen Jahrtausends aus Japan kam, war beliebt, oftmals wegweisend und stets erfolgreich. Doch dann traten neue Mitspieler auf den Plan. Große westliche Produktionen beschritten neue Wege, trafen im Westen eher den Geschmack des Publikums und den Puls der Zeit. Die Branche verändert sich, die Spiele veränderten sich ... jedoch nicht in Japan. Stur verfolgte die Industrie dort den traditionellen Weg und produzierte Spiele, die sich nur noch technisch von vorangegangenen Generationen unterschieden. Inhaltlich und konzeptionell gab es kaum Neues zu entdecken.

Einige der großen kreativen Namen der Branche äußerten sich mit deutlichen und harten Worten zur Situation. Keiji Inafune, Erfinder von Mega Man und Dead Rising sagte öffentlich im Zuge der Tokyo Game Show 2009: "Japan ist erledigt. Wir sind hinüber. Unsere Spieleindustrie ist am Ende." Acht Jahre sind seit dieser Aussage vergangen. Inafunes düstere Prophezeiung sollte sich erfüllen. Noch während der PS2-Ära kamen die wichtigsten und größten Franchises aus Japan. Doch dann traten Namen wie Call of Duty und Mass Effect auf den Plan und verdrängten Final Fantasy und Resident Evil.

Japan, wo bist du falsch abgebogen?

Es gibt vermutlich nicht "diesen einen Grund", warum Japan irgendwann zwischen damals und heute seine Vorherrschaft auf dem weltweiten Markt eingebüst hat. Eher war es eine Kombination aus mehreren Einflüssen, die meisten davon hausgemacht. Beleuchten wir einige dieser möglichen Einflüsse.

Bei uns so gut wie ausgestorben, in Japan immer noch sehr beliebt: Arcade-Maschinen.Bei uns so gut wie ausgestorben, in Japan immer noch sehr beliebt: Arcade-Maschinen.

In Japan sind Arcades, also Spielhallen, schon immer wesentlich beliebter gewesen als hierzulande. Viele Spiele für Heimkonsolen ebenso wie Konsolen-Hardware selbst haben stets diesen Vorbildern nachgeiefert. Arcade-Hardware war die absolute Spitze, die es zu erreichen galt. Doch moderne Konsolen konnten mit der Automaten-Hardware nicht nur mithalten, sondern sie sogar übertreffen. Dennoch hielt die Branche in Japan daran fest, stark Arcade-orientierte Spiele zu verwirklichen. Die füllen im Heimkonsolenmarkt jedoch nur eine bestimmte Sparte, wenn nicht gar nur eine Nische. Zu wenig, um international noch relevant zu sein.

Auch wenn Microsoft mit seinen Konsolen auf dem japanischen Markt nie richtig Fuß fassen konnte, so hat die Marke Xbox im Westen jedoch für einen starken Umschwung gesorgt. Grundsätzlich verfügen die Microsoft-Konsolen über eine PC-Architektur. Westliche Entwickler, die bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich Spiele für PC entwickelt haben, konnten ihre Ideen nun ohne allzu großen Aufwand auch für Konsolen umsetzen. Ein Spielfeld, auf dem sich vorher hauptsächlich japanische Entwickler ohne viel Konkurrenz austoben konnten. Viele neue Mitspieler waren plötzlich da, die Karten wurden neu gemischt.

Mitten in einer weltweiten Wirtschaftskrise blieben auch potenzielle Konsumenten in Japan zurückhaltend, was die Investition in neue Konsolen betraf. Ausnahme: Nintendo Wii und Nintendo DS. Sowohl die stationäre als auch die portable Konsole von Nintendo waren günstig zu haben und verfügten in Japan über eine wesentlich größere Auswahl an Spielen als im Westen. Auch die PSP erfreute sich großer Beliebtheit. Japan ist der gesündeste Markt in Bezug auf portable Konsolen. Die Menschen verbringen viel Zeit auf langen Arbeitswegen in Zügen, Konsolen für unterwegs sind daher die erste Wahl für den Pendler.

Klarerweise haben sich japanische Entwickler auf diese Sparte konzentriert und stets die Spiele gemacht, die das japanische Publikum kennt, gewohnt ist und auch erwartet. Das ist zwar in Ordnung für Japan, doch nur wenige Produkte aus dieser Spieleflut hatten das Potenzial, im wachsenden und abwechslungsreicheren westlichen Markt Fuß zu fassen. Während also Japan sich auf alte und erprobte Tugenden stützt, hat sich der Rest der Spielewelt weiterentwickelt.

Um die in der Zwischenüberschrift gestellte Frage zu beantworten: Japan ist gar nicht falsch abgebogen. Stattdessen ist Japan gar nicht abgebogen. Und das wurde für die dortige Spieleindustrie zunehmend zum Problem. Der Westen hat japanische Entwickler überholt und sie konnten keinen Anschluss mehr finden.

Tradition, Geschmack und Generationen

Die japanische Kultur ist stark dem Konzept der Tradition verhaftet. Speziell, wenn diese Tradition auf großen Erfolgen basiert. Das bedeutet grob übersetzt, dass es japanischer Mentalität auf mehreren Ebenenen nicht leicht fällt, gänzlich neue Wege zu beschreiten. Klar, ein bestehendes Konzept wird verfeinert, verbessert und neu aufbereitet, aber irgendwann ist auch da eine Grenze erreicht. Statt neue Ideen zu verfolgen, stoßen japanische Entwickler immer wieder gegen diese Grenze.

In kaum einem Land ist Tradition so wichtig wie in Japan.In kaum einem Land ist Tradition so wichtig wie in Japan.

Japanische Spiele verfolgen in den meisten Fällen eine Stilrichtung, die auf den ersten Blick ihre Herkunft verrät: Kräftige Farben, von Manga und Anime inspirierte Figuren, stilisierte und fantasievolle Welten, die mit den passenden Kreaturen gefüllt sind. In der Zwischenzeit traten die Ego-Shooter ihren Siegeszug an. Und diese verließen sich mehr auf einen schmutzigen, realitätsnäheren Grafikstil. Es stellt sich heraus, dass das Publikum auch genau das wollte, weil es der japanischen Farbexplosionen und stets zentralisierten Niedlichkeit müde geworden ist. Auch war es etwas Neues, etwas vorher auf Konsolen nie Dagewesenes, etwas Cooles, das dem Zeitgeist entsprach.

Jüngere Spieler, die nicht mit NES, Mega Drive, SNES und Master System aufgewachsen sind, haben oft keine nostalgische Verbindung zu den 8- und 16Bit-Meisterwerken einer längst vergangenen Ära. Was heute unter dem Begriff "Retro" verehrt wird, ist - und das muss man einfach akzeptieren - für viele potenzielle Spieler nur noch unansehnlich. Nicht für alle, sicher aber für die Mehrheit. Darunter fallen auch viele der großen Erfolge, die ihren Ursprung in Japan haben.

Spiele westlichen Ursprungs waren selten bis nie beliebt in Japan. Der Aufstieg der realitätsnäheren Grafik und der brutalen Ego-Shooter haben japanische Kunden noch mehr abgeschreckt und sich auf die landeseigenen Produktionen stürzen lassen. Der heimische Markt wurde dadurch noch weiter gestärkt, Entwickler verließen sich sogar noch mehr darauf, diesen Markt zu bedienen. Der Spalt zwischen westlichen und japanischen Produktionen klaffte noch weiter. Das Risiko, auf dem Weltmarkt einen Hit zu landen, ging kaum noch ein Entwickler ein.

Größere Publisher versuchen dennoch auf Biegen und Brechen, ihre Produktionen auch für ein westliches Publikum attraktiv zu machen. Fehlinterpretationen westlicher Konzepte und die zwanghafte "Westernisierung" von Charakteren, die weltweit gleich viel Ansprache generieren sollen, schlägt fehl. Der eine oder andere weltweite Erfolg, wie zum Beispiel Dark Souls, sorgt dafür, dass japanische Entwicklungen nicht gänzlich in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Jedoch kann von marktbeherrschenden Positionen nicht mehr die Rede sein.

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