Dieser eine Moment: Hoffnung für Mass Effect - Andromeda

(Kolumne)

von Micky Auer (13. November 2017)

Es sollte ein Aufbruch in eine neue Galaxie werden, stattdessen war es ein Sturz in eine Singularität. Mass Effect - Andromeda hat so viel Kritik einstecken müssen, dass es fraglich ist, ob die Franchise jemals weitergeführt wird. Es wäre schade drum, vor allem, weil sich im Spiel selbst ein großer Hoffnungsschimmer verbirgt.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Als ich im März 2017 Mass Effect - Andromeda getestet und mich dabei für eine Wertung von 77 entschieden habe, musste ich von Seiten vieler Leser harsche Kritik einstecken. Unter anderem deswegen, weil ich angemerkt habe, nach 20 Stunden Spielzeit zu dem Urteil gekommen zu sein. Gegenargument seitens einiger Fans: Das sei viel zu kurz. Bei einem Spiel dieser Größe würde sich die spielerische Brillanz erst nach X Stunden zeigen (eine Circa-Angabe, wie lange ich auf Spielspaß warten müsste, konnte aber auch niemand machen).

Der offizielle Ankündigungs-Trailer verhießt noch viel Gutes:

Dieses Quasi-Argument halte ich für gegenstandslos. Wenn ich ein Spiel spiele, will ich von Anfang an davon unterhalten werden, nicht erst nach so und so vielen Stunden. Das ist ein Punkt, der schon in Bezug auf Final Fantasy 13 ständig in die Schlacht geschickt wurde: "Nach 35 Stunden öffnet sich die Welt und man kann frei rumlaufen und alles erforschen!" - Nach 35 Stunden interessiert mich das aber nicht mehr die Bohne. Auf jeden Fall hat mich die Kritik dazu angespornt, Andromeda bis zur Platin-Trophäe zu spielen. Und siehe da: Ich fand es danach sogar noch ein ganzes Stück schlechter. Dennoch habe ich diesen einen Moment der Hoffnung darin gefunden.

Ja, Liam, die Rede ist von deiner Mission

Vorhang auf für Liam Kosta. Die Charakterisierung und Darstellung des jungen Mannes an der Seite der Ryder-Zwillinge ist selbst ein recht heißt diskutierter Kritikpunkt. Er ist zickig, uneinsichtig und viele Spieler sind der Meinung, er hätte nach seiner Loyalitäts-Mission von Ryder durch die Luftschleuse gejagt werden müssen. Es geht aber gar nicht um Liam, sondern um ebendiese Mission. Die ist nämlich brillant.

Liam Kosta: Kein Liebling der Fans, jedoch Hauptfigur in der wohl besten Mission des Spiels.Liam Kosta: Kein Liebling der Fans, jedoch Hauptfigur in der wohl besten Mission des Spiels.

Voller Einsatz - so heißt die Mission - markiert im Spiel den Punkt, an dem Liam genug Vertrauen zu eurer jeweiligen Hauptfigur gefasst hat (sprich: bestimmte Voraussetzungen wurden von euch im Spiel erfüllt) und nach deren Abschluss er in seinem Skill Tree die höchsten Fähigkeitsstufen freigeschaltet bekommt.

Die Mission zur Rettung eines Kontaktes von Liam soll auf ein Schmuggler-Schiff führen, stattdessen findet sich euer Team auf einem Kett-Schiff wieder (Die Alien-Rasse Kett sind die Hauptgegner in Mass Effect - Andromeda). Von dort entspinnt sich eine Mission, in der von Seiten der Entwickler so vieles richtig gemacht wurde, dass sich die Frage stellt, ob dieser Abschnitt nur eine Art von Gastbeitrag eines anderen Teams war.

Um es nochmal zu betonen: Liam weckte vor, während und nach der Mission in mir den Wunsch, ihn ununterbrochen zu ohrfeigen. Er bringt das Team in eine lebensgefährliche Situation, weil er selbst an gnadenloser Selbstüberschätzung leidet und seine Fähigkeiten nicht richtig einstuft. Auch während der Mission zeigt sich dieser Charakterzug, danach vermittelt er den Eindruck, als wäre das alles keine große Sache (so wie auch Peebee; in meinen Augen hat auch sie unbegrenzt Backpfeifen verdient).

Umso stärker fällt dem Spieler ins Auge, wie gut durchdacht, kreativ und unterhaltsam sich die Mission auf dem Kett-Schiff gestaltet. Vor allem "Star Wars"-Fans werden hier mit Referenzen beglückt, die für den einen oder anderen Moment nostalgischer Glückseligkeit sorgen.

"War sowieso ein langweiliges Gespräch"

"Voller Einsatz" führt euch zunächst durch die klaustrophobischen Hallen und Korridore eines scheinbar verlassenen Frachtschiffs. Rein spielmechanisch scheint das zunächst eine Mission zu sein wie jede andere: Ihr geht rein, vernichtet auftauchende Gegner, geht in den nächsten Raum und wiederholt den Ablauf, bis der Level durch ist.

SPOILER: Die gesamte Mission (im Original "All in") könnt ihr euch hier ansehen: (Quelle: Youtube, Video Game Sophistry)

Doch hier zeigt sich schon am Anfang eine Dynamik im Schreibstil, die sich angenehm flott und energiegeladen präsentiert. Die Dialoge sind mit witzigen Einfällen durchsetzt, Ryder reagiert ungewohnt impulsiv, die von Pathos durchsetzten Drohungen des Bosses über die Sprechanlage werden öfter mal unterbrochen, weil sich keiner im Team den Quark mehr anhören will. Speziell wenn Ryder einer Steuerkonsole mitten im Monolog eine Salve verpasst und einfach weiterspricht als wäre nichts gewesen, wird die Leichtherzigekeit der Szene klar. Hinzu kommen noch die Referenzen an Star Wars - Episode 4 und der Rettung von Prinzessin Leia vom Todesstern. Das alles funktioniert hervorragend im englischen Original, nicht jedoch so prall in der deutschen Synchro. Die wirkt nämlich hauptsächlich gestelzt und unnatürlich.

Schreibstil, gewollt komische Elemente und eine stets aufrecht erhaltene Dynamik bleiben selbst bis zur abschließenden Videosequenz erhalten, die nochmal einen sympathischen Lacher draufsetzt. Mitten in der Mission folgt ein kreativer Einfall, der das Geschehen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf stellt: Das Kett-Schiff kehrt die künstliche Schwerkraft um, Böden werden so zu Decken und umgekehrt. Ihr erforscht die durchaus komplexen Räumlichkeiten nun aus einer völlig anderen Perspektive, die euch auch spielerisch teilweise zum Umdenken auffordert. Eine simple Idee mit weitreichenden spielerischen Konsequenzen und Möglichkeiten.

Die Kett sind die geheimnisvollen Widersacher in Mass Effect - Andromeda.Die Kett sind die geheimnisvollen Widersacher in Mass Effect - Andromeda.

Und dann bietet dieser eine Moment auch noch Grund für Gänsehaut: Mass Effect prahlt gerne mal damit, dass Entscheidungen, die ihr trefft, weitreichende Konsequenzen haben werden. In Andromeda müsst ihr so zum Beispiel zu Beginn entscheiden, ob ein Planet vorwiegend Soldaten oder Ingenieure beherbergen soll. Ich habe mich für Ingenieure entschieden, und die haben dann in Liams Mission ihren großen Auftritt!

Anstatt mit glühenden Lasern und Quanten-Torpedos greifen sie mit technischem Know-How und analytischer Logik ins Geschehen ein, was dann umso heroischer wirkt. Denn auch wenn es sich um keine waffenstarrende Spezialeinheit handelt, die mir da zu Hilfe kommt, so sind die entsprechenden Zwischensequenzen dennoch wie eine Raumschlacht inszeniert. Dem geballten technischen Wissen erfahrener Ingenieure muss sich dann auch die härteste Schmugglertruppe geschlagen geben. Eine kleine Träne der Freude hing mir im Augenwinkel.

Weiter mit: Und was nun, Mass Effect?

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Tags: Science-Fiction   Dieser eine Moment  

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