Homo ludens, der spielende Mensch: Warum spielen wir? (Special)

von Emily Schuhmann (Sonntag, 19.11.2017 - 08:00 Uhr)

Ich bin ein Mensch, also spiele ich. Das müssen gar nicht unbedingt Videospiele sein, aber der Spieltrieb liegt unserer Spezies im Blut.

Spiele gibt es bereits seit Urzeiten. Im Iran fanden Wissenschaftler 3.000 Jahre alte Würfel, in frühen Schriften aus Asien ist die Rede von würfelähnlichen Gegenständen und auch ägyptische Hieroglyphen und Wandmalereien beschreiben Spiele. Historiker spekulieren, dass sich bereits Passagen der chinesischen Zuozhuan-Annalen von 400 v. Chr. auf das heute als Go bekannte strategische Brettspiel beziehen. Jede Zivilisation spielt, denn das miteinander Spielen fördert Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Heutige Chat-Verläufe in beispielsweise League of Legends lassen allerdings anderes vermuten.

Es gibt viele Nachforschungen über negative Auswirkungen von Videospielen auf die Gesundheit. Erst kürzlich haben wir darüber berichtet, wie viel Zeit in virtuellen Welten tatsächlich gut für euch ist. Vergleichsweise selten wird hervorgehoben, dass Zocken auch einen positiven Effekt auf den Spieler haben kann. Es gibt aber auch neutrale Studien, die analysieren, was Videospiele überhaupt so ansprechend für uns machen, warum wir spielen und wieso wir nicht damit aufhören wollen.

Dieser Artikel soll euch einen kleinen Einblick in die Psychologie hinter eurem liebsten Hobby geben. Zusätzlich haben wir einige Spieler gefragt, was sie persönlich an Videospielen reizt.

Raus aus dem langweiligen Alltag

Nick Yee hat in seiner Abhandlung über die Motivation hinter MMOs drei Hauptkomponenten identifiziert: Erfolg, Sozialität und Immersion. Erfolg dreht sich darum, in einem Spiel voran zu kommen, Interesse an den Regeln und Mechaniken und dem Wunsch nach Wettbewerb mit anderen.

Mark, 22: Ich habe damals wegen vielen Problemen in der Schule mit Zocken angefangen, um in eine Welt zu fliehen, wo ich das Gefühl bekam jemand zu sein. Wenn ich einen Highscore knacke oder der MVP einer Runde Heroes of the Storm bin, fühlt sich das einfach grandios an.

Nicht umsonst sieht es in World of Warcraft oft so aus. Die Liebe zu MMORPGs ist vielen von uns quasi einprogrammiert.Nicht umsonst sieht es in World of Warcraft oft so aus. Die Liebe zu MMORPGs ist vielen von uns quasi einprogrammiert.

Verbindungen mit anderen, beispielsweise in einer Gilde, Kommunikation über Chat-Funktionen, anderen Spielern helfen, das alles ist Teil der sozialen Komponente. Der letzte Motivationsaspekt ist Immersion. Hier geht es darum einen Charakter zu erschaffen oder in eine vorgegebene Rolle zu schlüpfen und im Spiel eine einzigartige Geschichte zu erleben. Auch der Wunsch nach Flucht vor der Realität spielt hier eine große Rolle.

Leon,17: Warum in der oft extrem deprimierenden realen Welt festhängen, wenn man auch in andere Welten entfliehen kann? In Welten, in denen man sein kann, wer man will. Selbst wenn man im echten Leben ein Niemand ist, in der virtuellen Welt kann man etwas Besonderes und ein Teil von etwas sein. Ist dasselbe wie mit Büchern. Man kann in einer anderen Welt versinken und die Realität für eine Weile vergessen.

Immer schön im Flow bleiben

Eine andere Studie namens "The role of psychology in understanding the impact of computer games" von Elizabeth Boyle, Thomas Connolly und Thomas Hainey entdeckte weitere Faktoren für unsere Spielmotivation unter Berücksichtigung der Selbstbestimmungstheorie von Richard Ryan und Edward Deci. Diese Theorie besagt, dass das menschliche Verhalten immer vom Bedürfnis nach Unabhängigkeit, Befähigung und Verbundenheit angetrieben wird. Stillt etwas diese drei Sehnsüchte, finden Menschen großen Gefallen daran. Videospielen gelingt dieses Kunststück häufig problemlos.

David, 29: Ich wohne rund 600 Kilometer von meiner Heimat entfernt und darf einen fantastischen Kreis an Menschen meine Freunde nennen. Viele dieser Menschen spielen Multiplayer-Spiele wie Dota 2, PUBG oder Quake Champions. Abgesehen davon, dass ich kompetitive Team-Spiele generell mag, kann ich durch die allabendliche Spiele-Session mit meinen Freunden in regelmäßigem Kontakt bleiben. Es gibt nichts Besseres als mit drei Kollegen eine Runde PUBG zu dominieren oder fünf Fremde in einer Partie Dota 2 zu zerstören. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Und mindestens eine dreifache, wenn die Teilhaber Menschen sind, die ich ins Herz geschlossen habe.

Je länger ihr euch beim Spielen in diesem orangefarbenen Bereich befindet, desto besser fühlt ihr euch.Je länger ihr euch beim Spielen in diesem orangefarbenen Bereich befindet, desto besser fühlt ihr euch.

Befähigung wird von etwas erfüllt, das Psychologe Mihály Csíkszentmihályi 1975 als "Flow" definierte. Gemeint ist damit der Zustand des vollständigen Fokus auf eine Aktivität, die zu Befriedigung und Genuss führt. Spiele schaffen es euch dieses Gefühl zu geben, wenn sie eine Herausforderung bieten und zum Weiterspielen anregen. Dabei darf der Schwierigkeitsgrad aber nicht so hoch sein, dass der Spaß verloren geht und nicht so niedrig, dass ihr euch langweilt.

Unabhängigkeit ist in Videospielen dadurch gegeben, dass ihr in Spielen mehr Kontrolle über das Geschehen habt und es eure freiwillige Entscheidung ist, eure Zeit in einer virtuellen Welt zu verbringen.

Jonas, 34: Mein Alltag ist stressig, einnehmend und dreht sich hauptsächlich um weltliche Dinge. Sobald ich mir die freie Zeit einräumen kann - und das so oft es geht, denn Spielen ist mein Hobby - versinke ich in einer meiner Fantasiewelten. Hier kann ich über meine weltgegebenen Restriktionen hinaus agieren, kann Orte sehen und Wesen kennenlernen, die ich im "echten Leben" nicht oder nur schwer zu Gesicht bekommen könnte. Grafik ist mir nicht allzu wichtig. Was für mich zählt, sind Atmosphäre und eine Geschichte, die mich fesselt, in der ich mich selbst im Körper eines fiktiven Charakters bewege, in der meine Entscheidungen Gewicht haben. Ich spiele, weil ich ab und an ein Held sein möchte.

VR-Brille gegen Höhenangst

Im Laufe der vergangenen Jahre hat ein großer Wandel stattgefunden. Zwar ist die "Killerspiel"-Debatte noch immer nicht tot, aber die Gesellschaft steht dem Thema mittlerweile offener gegenüber. Das Medium gilt beispielsweise nicht länger nur als Unterhaltungsquelle. Besonders im Bereich Bildung wird gerade ausgelotet, wie und wo Schulen Videospiele nutzbringend einsetzen könnten. Virtual Reality, wie ihr sie mit HTC Vive erleben könnt, findet zum Beispiel schon jetzt Anwendung zur Therapie von Phobien.

Das Chernobyl VR Project soll sich anfühlen, als würdet ihr einen Dokumentarfilm betreten:

Marina, 25: Virtuelle Welten, die mich mit ihren fantastischen Greifarmen immer tiefer und tiefer in ihr Universum ziehen: Das reizt mich an Filmen ebenso wie an Spielen. Im Übrigen steht Virtual Reality für mich deswegen noch nicht auf verlorenem Posten.

Tanja, 29: Für Menschen mit Krankheiten die sie an ihr Bett binden oder zumindest davon abhalten das Haus zu verlassen, ist es toll durch Spiele nicht komplett zu vereinsamen und "unter Menschen" zu kommen. Auch für mich ist es immer eine Art Therapie mit meiner Gilde und meinen Freunden in Tamriel herumzureisen.

Forschungen zeigen auch, dass Spieler eine bessere Hand-Auge-Koordination und räumliche Vorstellungskraft aufweisen. Trotz der Predigten, die wir uns von unseren Eltern bezüglich eckiger Augen und zu wenig frischer Luft anhören durften, sieht es so aus als wären Videospiele eben doch keine Zeitverschwendung. Sie erlauben es uns nicht nur, uns einfach mal aus dem Alltag auszuklinken, Spiele sind darüber hinaus sogar auf dem besten Weg die Welt ein wenig besser zu machen.

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