Fliegende Fetzen: Pokémon-Fan gegen Pokémon-Verweigerer

(Kolumne)

von Micky Auer (20. November 2017)

Pokémon, Pokémon, Pokémon ... Seit zwei Jahrzehnten gehören die digitalen Wesen fest zur Pop-Kultur und in die Spielebranche. Jeder liebt sie! ... Hm, wirklich jeder? Nein, das stimmt nicht ganz.

Was passiert, wenn in der spieletipps-Redaktion ein wahrer Pokémon-Enthusiast, -Fan und Experte auf jemanden trifft, der Pokémon seit Rot und Blau nicht mehr angefasst hat? Ist die oft überbordende Euphorie von Fans ansteckend oder nervtötend? Und umgekehrt: Ist jemand, der Pokémon kritisiert einfach nur verblendet oder hat er Argumente ins Feld zu führen?

Auch bei uns in der Redaktion sind wir nicht immer einer Meinung - schockierend, nicht wahr? Wir präsentieren euch in dieser Reihe zwei Perspektiven zu einem Thema. Zwei Redakteure streiten sich, damit ihr euch eure eigene Meinung bilden könnt.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienen Artikel.

Nun, wir haben uns gefragt, warum sich die Kollegen Emily Schuhmann (Pokémon-Fan) und Micky Auer (Pokémon-Verweigerer) eines schönen Tages Sahnetorten und in weiterer Folge schwere Gegenstände um die Ohren gefeuert haben. Als wir die beiden Schlamm-Catcher unter Aufbietung all unserer vereinten Kräfte trennen konnten (an dieser Stelle gedenken wir all der Praktikanten, die wir dabei verloren haben), mussten wir feststellen, dass die beiden sich wegen Pokémon in die Haare gekriegt haben.

Um das Thema endlich mal abzuschließen, haben wir die beiden (gefesselt und gesichert) an einen Tisch gesetzt, um die Angelegenheit wie zivilisierte, erwachsene Menschen zu regeln. Eigentlich sollten wir es in Bezug auf die beiden besser wissen, aber wir geben die Hoffnung nicht auf.

Du musst es ja nicht spielen, Spacken!

Micky Auer:

Frau Schuhmann, es ist mir vollkommen klar, dass Sie einen nicht insignifikanten Teil Ihrer Freizeit damit verbringen, Pokèmon zu sammeln. Das ist schön und gut, aber ich möchte an dieser Stelle deutlich platzieren, dass Sie mir bitte mit dieser virtuellen Brut weit bis sehr weit vom Leib bleiben dürfen. Und um es gleich klar zu stellen: Schlaue Ratschläge wie: "Du musst es ja nicht spielen, Spacken!" lassen Sie bitte gleich stecken. Denn in manchen Kreisen wird das Nicht-Spielen von Pokémon schon als Vergehen gegen die Menschlichkeit angesehen.

Tatsächlich gehe ich davon aus, dass allein das Kundtun meiner Meinung im Rahmen dieses Gesprächs bei dem einen oder anderen Leser ganz bestimmte Reaktionen hervorrufen wird, die sich nur auf den ersten Blick als tolerant bis gleichgültig darstellen. Spätestens nach dem ersten Komma folgt dann ein dickes "ABER ...". Und ein kluger Mann hat mir mal gesagt, dass der erste Teil jeder Aussage, in der ein "aber" vorkommt, nur Heuchelei ist. Daher: Sammeln Sie gerne Ihre Kampf-Enten, Strom-Ratten, fliegende Spaghetti-Monster und tanzende Kackwürste, aber bitte tun Sie das außerhalb meiner Sphäre. Vielen Dank!

Emily Schuhmann:

Es tut mir ja leid Sie enttäuschen zu müssen, aber in diesem Fall liegt es einfach an Ihnen, die Realität zu akzeptieren. Pokémon ist ganz objektiv betrachtet ein wenig bedeutsamer als die Meinung eines älteren Herren aus Deutschland. Nicht umsonst ist es das umsatzstärkste Medien-Franchise in der Geschichte. Sogar Star Wars kann einstecken, wenn es zum Vergleich mit den von Ihnen genannten Kampf-Enten und Strom-Ratten kommt.

Für manche sind Pokémon ein Ausbund an Kreativität, andere sehen im Design nur noch bizarre Gestalten.Für manche sind Pokémon ein Ausbund an Kreativität, andere sehen im Design nur noch bizarre Gestalten.

Pokémon ist schlicht Kult. Nicht umsonst erkennen viele Menschen Pikachu und Konsorten, sogar wenn sie sonst in keiner Weise an Videospielen interessiert sind. Die Spielserie existiert mittlerweile seit über zwei Jahrzehnten und verkauft sich ungebrochen gut. Pokémon war nicht nur Vorreiter seines Spielprinzip, sondern ist darin bis heute quasi unangefochten. Ja, das gibt es zwar beispielsweise dieses Yo-Kai Watch, aber das ist leider zu japanisch, um im Rest der Welt zu funktionieren.

Ich hör nur: Mimimi ...

Micky Auer:

Sie, Frau Schuhmann, bringen mich gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen. Zum Lachen, weil Sie tatsächlich der Meinung sind, je signifikanter ein Thema in einer Branche und wie "unangefochten kultig" es ist, desto intrusiver kann und darf es in anderer Leute Leben sein. Zum Weinen bringen Sie mich übrigens genau aus demselben Grund. Nur, weil Sie sich selbst der Werbemaschinerie von Nintendo zum Fraß vorgeworfen haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie andere Leute mit dem Quark (das ist doch sicher auch ein Pokémon, oder?) belästigen dürfen.

Was Sie in Ihrem blinden Glauben an Wasserblödel, Kackvogel und Rotzsonate - oder wie auch immer die aktuellen Starter-Viecher heißen mögen, komplett übersehen oder absichtlich ausblenden: Ihnen wird seit 20 Jahren die gleiche Idee verkauft, die durch eher unkreative Aussetzer jeweils als "neu" dargestellt wird. "Oh, wir ziehen dem Mutanten hier die Hälse lang und verkaufen es fortan als Honolulu-Version." - Voll gut! Oder die ganzen unnötigen Spielmechaniken von "schimmernd" angefangen bis zu irgendwelchen eugenischen Zuchtplänen! Rot und Blau fand ich noch leidlich unterhaltsam, weil es in seiner Einfachheit genau richtig konzeptioniert war. Heute hingegen erwecken vor allem die aggressiven und toxischen Fans ("WIR SIND ÜBERHAUPT NICHT TOXISCH UND AGGRESSIV!!! RABÄÄÄÄH!!! - Wetten?) den Eindruck, dass man mindestens Quantenphysik studiert haben sollte, um ein guter Trainer zu sein.

Der simple Genuss eines farbenfrohen Spiels ist doch gar nicht mehr zulässig. Stattdessen wird nachts unter der Bettdecke der Pokédex auswändig gelernt und dann im Pausenhof abgefragt. Wer versagt, wird geächtet. Und seien Sie ehrlich: Sie schwadronieren hier über Kult und Bedeutsamkeit und Zeug und Kram, aber worin sich das begründet, haben Sie selbst nicht so recht verstanden, nicht wahr? Übrigens: Ich komme gar nicht aus Deutschland ...

Emily Schuhmann:

"Mimimimi, niemand kann die neuen Spiele genießen, weil sich in Pokémon heutzutage doch alles nur noch um Zahlen dreht." Das alte Argument der Genwunner. Lustigerweise ist die erste Generation die Sie als "leidlich unterhaltsam" bezeichnen, in meinen Augen absoluter Schrott. Die Blaue Edition war mein erstes Spiel der Serie und damals fand ich sie großartig, aber seitdem ist schlicht und ergreifend alles besser geworden. Und wer auf die Geschichte steht, kommt in Feuerrot und Blattgrün voll auf seine Kosten und muss sich nicht mit Bugs, Glitches und unzähligen Programmierfehlern herumschlagen.

Es heißt Alola, Herr Auer, nicht Honolulu ...Es heißt Alola, Herr Auer, nicht Honolulu ...

Mit jeder Generation gab es Veränderungen an den Grundmechaniken, die den Spielen nach und nach mehr Tiefgang verpasst haben. Spieler können stunden oder tagelang ein schillerndes (nicht schimmerndes), perfektes Team züchten, mit dem sie dann online mit unzähligen anderen Trainern konkurrieren. Allerdings bedeutet das nicht, dass das irgendjemanden davon abhält, die Spiele auch vollkommen ohne Notizblock, Taschenrechner und Excel-Tabellen zu spielen. Und das ist das Wunderbare an allen Haupteditionen, sie bieten Casuals (zu denen Sie sicher zählen) und Hardcore-Spielern gleichermaßen Beschäftigung.

Und ernsthaft, seit 20 Jahren die gleiche Idee? Gerade die aktuelle Generation stellt das bisherige Spielprinzip mit der Inselwanderschaft ganz schön auf den Kopf. Sogar so sehr, dass viele Pokémon-Fans überhaupt nicht angetan von Sonne und Mond und ihren Neuauflagen sind. Drei Starter, Acht Arenen, ein böses Team und zum Schluss die Pokémon-Liga; ja die Serie folgt meistens einem Schema, aber warum sollte man etwas verschlimmbessern, das doch funktioniert? Es gibt zahlreiche Videospielreihen die genau dasselbe tun, aber macht sie das schlecht?

Weiter mit: Und warum regen wir uns eigentlich auf?

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Tags: Streitgespraech  

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