Test Troll and I: Software, die dein Gehirn verschmutzt

von Micky Auer (18. August 2017)

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr ins Kino geht und einen Film seht, aus dem ihr einfach nur rausgehen und in Frieden weiterleben wollt? Troll and I ist die Spiel-Version davon.

Es gab sehr wenige Filme, bei denen ich im Kino saß und fast eingeschlafen wäre. Gehen konnte ich nicht, weil ich jeweils in Begleitung war. Diese Filme haben mich dermaßen gelangweilt, ich wollte schlicht und ergreifend woanders sein. Dazu gehören alle Underworld-Filme und Fluch der Karibik. Jaaaaaa, verurteilt mich meinetwegen. Ich konnte mit dem endlos labernden Johnny Depp und Legolas im Piratenkostüm nun mal nichts anfangen. Was aber hat das alles mit Troll and I zu tun?

Ganz einfach: Ich sitze im Zuge des Tests vor der Konsole, starre fassungslos auf den Bildschirm und wünsche mir, dass ich das jetzt nicht machen muss. Klar, ich könnte die Konsole jederzeit ausschalten und mich sinnvolleren Dingen zuwenden, aber das hier ist kein privates Vergnügen, das ist Teil des Jobs. Nicht mal "Augen zu und durch" ist hier möglich, da ich diesen Schrott tatsächlich genau betrachten muss.

Wie kommt es nun dazu, dass ich eine derartige Abneigung gegen Troll and I entwickelt habe? Das versuche ich euch in den folgenden Zeilen zu vermitteln.

Der Flammentod wirkt regelrecht verlockend

Die Geschichte - wenn man sie so nennen will - von Troll and I spielt in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Auf Geheiß eines Milliardärs namens Eugene wird ein Jäger angeheuert, der zum Wohle der Wissenschaft einen Troll erlegen soll. Harter Schnitt: Ihr befindet euch in einem skandinavischen Dorf, in dem ein Junge namens Otto lebt (er ist das "I" in "Troll and I"). Otto schickt sich an, Wildschweine zu jagen. Trotz der Warnungen seiner Mutter, dass es gefährlich ist, allein in die Wälder zu ziehen.

Freunde fürs Leben: Otto und der Troll. Warum sie Freunde sind, wissen sie aber selber nicht.Freunde fürs Leben: Otto und der Troll. Warum sie Freunde sind, wissen sie aber selber nicht.

Und jetzt ratet mal, ob da nicht gleich was Schreckliches passiert! Während ihr in der Rolle von Otto auf der Jagd seid, hört ihr aus Richtung des Dorfes Schüsse. Sofort hetzt ihr zurück zur Siedlung, um nach eurer Mutter zu sehen, doch ein brennender Baum stürzt um und macht es euch unmöglich, zueinander zu finden. Anstatt einen Weg um den Baum herum zu suchen und seiner Mutter zu helfen, gibt Otto Fersengeld.

An dieser Stelle offenbaren sich bereits zwei üble Punkte: Zum einen ist die Szene erzählerisch mal einfach nur strunzendumm und unlogisch, zum anderen ist Ottos Flucht mit einem Quick Time Event (QTE) verknüpft, das grandios schlecht umgesetzt wurde. Beim Ducken und Springen unter und über brennende Äste zeigt Troll and I sein hässliches Gesicht in Form der vollkommen verhunzten Steuerung.

Holprig, hakelig, unintuitiv und träge sind nur einige der Attribute, die in Bezug auf die Steuerung zutreffen. Es gibt sogar Momente, in denen die Steuerung rein gar nicht reagiert! In dieser einen Flucht-Szene zum Beispiel, drückt ihr brav den Knopf, der auf dem Bildchirm eingeblendet wird, um Otto unter einem Hindernis durchschlittern zu lassen oder wahlweise über etwas hinweg zu springen. Stattdessen vergisst das Spiel, dass dies gerade ein QTE sein soll und Otto duckt sich, um zu schleichen. Resultat: Otto wird im lodernden Waldbrand bei lebendigem Leib knusprig gebraten.

In Retrospekt war das vielleicht einer der besseren Momente des Spiels ...

Vorprogrammierte Langeweile

Solltet ihr es geschafft haben, die inkompetente Steuerung zu überleben, präsentiert euch das Spiel als nächstes ein Crafting-System. Das weicht nun nicht sonderlich von bekannten Mechaniken aus anderen Spielen ab. Ihr sammelt Ressourcen und nutzt sie, um neue Waffen daraus zu basteln. Herumliegende, kleine Statuen nutzt ihr, um einzelne Fähigkeiten zu verbessern. Jedoch erweisen sich die Ergebnisse als nicht sonderlich gut ausbalanciert und meistens insignifikant.

Teamwork mit Troll: Glaubt uns, es macht keinen Spaß.Teamwork mit Troll: Glaubt uns, es macht keinen Spaß.

Während dieser Einführung trefft ihr auch auf die zweite tragende Persönlichkeit in Troll and I, nämlich den namensgebenden Troll. Aus einem mir nicht bekannten Grund hat das nordische Fabelwesen karibische Dreadlocks. Wie übrigens auch Otto. Der ist erstmal schockiert beim Anblick dieser grauenvollen Kreatur, doch einen Moment später sind die beiden schon die besten Freunde und arbeiten zusammen. Ohne Grund. Einfach so. Muss wohl Liebe sein. Jedenfalls könnt ihr ab diesem Zeitpunkt per Knopfdruck zwischen Otto und dem Troll wechseln, um mit deren jeweiligen Fähigkeiten bestimmte Aufgaben zu erledigen.

Nachdem ihr die wichtigsten Mechaniken und Figuren erklärt bekommen habt, geht das eigentliche Spiel los. Dabei werdet ihr sehr schnell feststellen, dass jeder Bereich im Spiel derselben Struktur folgt: Bereich betreten, alle Feinde töten, Figur wechseln, um ein Rätsel zu lösen, rausgehen, wiederholen. Die Puzzle-Mechanik beinhaltet meist eine Kletter- und Kriech-Passage mit Otto, um an ein Objekt zu kommen, dass nur der Troll benutzen kann.

Mal abgesehen von der Einfallslosigkeit dieses Ablaufs sei betont, dass sich hier erneut die schlechte Steuerung in all ihrer Grausamkeit offenbart. Jeder Ablauf gestaltet sich als extrem ermüdend, voller zeitfressender Animationen, die spielerisch absolut keinen Wert haben. Besonders der Troll hat vermutlich die mit Abstand zäheste und am längsten dauernde Kletter-Animation, die ich jemals gesehen habe.

Noch mehr Nicht-Spaß: Kampf und Präsentation

Auch die Kampfmechanik gestaltet sich äußerst ermüdend und langweilig. Nun, wer hätte DAS gedacht? Wie auch das Level-Design und die Rätsel folgt der Kampf einem sich stets wiederholenden Muster. Risse im Boden deuten darauf hin, dass gleich Gegner raushüpfen werden. Das geschieht so lange, bis der Troll den Riss mit einem Felsbrocken versperrt. Solange das nicht erledigt ist, könnt ihr entweder als Otto oder als Troll gegen die Angreifer vorgehen.

Alle Aktionen im Kampf löst ihr durch Drücken eines einzigen Knopfes aus. Variationen im Kampfablauf, besondere Techniken, erforderliches Geschick und so weiter ist alles obsolet. Besonders dann, wenn ihr feststellt, dass der Troll die meisten Gegner mit einem Schlag ins Jenseits befördert, werdet ihr es euch nie wieder antun, im Kampf auf Otto zuzugreifen.

Vergesst Otto. Der Troll tanzt gerne den "One Hit Kill"-Tanz. Genau genommen ... vergesst auch den Troll sowie das ganze Spiel.Vergesst Otto. Der Troll tanzt gerne den "One Hit Kill"-Tanz. Genau genommen ... vergesst auch den Troll sowie das ganze Spiel.

Wie kann man die verhunzte Kampfmechanik noch schlimmer machen? Ganz einfach: Scheußliche Grafik und grauenvoller Sound. Beides liefert Troll and I im Überfluss. Um es zu verifizieren: Die Qualität der Präsentation wäre für PlayStation 3 oder Xbox 360 gerade noch O.K., für die aktuellen Konsolen wirkt sie aber nicht nur veraltet, das optische Design ist auch geradezu hässlich. Clipping-Fehler und jede Menge nervtötende Sound-Bugs runden das Trauerspiel ab.

Manchmal gehen Grafik- und Sound-Bugs sogar Hand in Hand und richten in Kooperation Schaden an eurem Nervenkostüm an. Ein stets wiederkehrendes Beispiel: Ein besiegter Gegner hinterlässt einen torsoförmigen, zappelnden Schatten auf dem Boden, der auch noch ein nervenzerfetzendes Geräusch verursacht. Manchmal geht euch mit den Animationsphasen des Trolls (nur, wenn ihr ihn selbst steuert) ein hochfrequenter Ton einher, der sich wie schrille Funkfetzen anhört.

Tatsächlich wollte ich diesen Test auf einer versöhnlichen Note enden lassen. Ich kann es bloß nicht reinen Gewissens verantworten.

"Best of E3" - Warum, das weiß niemand so genau:

Meinung von Micky Auer

Es gibt Spiele, über die könnte man zwölf Kapitel lang Tests und Loblieder schreiben. Und es gibt Spiele, zu denen könnten man im gleichen Umfang das Gegenteil von Lob produzieren. Troll and I ist eines dieser Spiele. Wie schon erwähnt, wollte ich noch wenigstens einen einzigen positiven Aspekt einfügen, und dachte mir: "Vielleicht wird die Vertonung ja besser."

Irrtum. Auch die Synchro ist grauenvoll. Otto, der ununterbrochen labert, hat so gut wie keine Emotion in der Stimme. Ich habe tatsächlich schon "text to speech"-Programme gehört, die lebendiger klingen. Keinerlei Sprachmelodie, absolut keine Leidenschaft. Betrachtet man sich den Rest des Spiels, ist das auch nicht weiter verwunderlich.

Falls es noch nicht durch die Beschreibung der einzelnen Spielelemente verdeutlicht wurde: Troll and I ist ein Spiel, von dem ihr tunlichst die Finger lassen solltet. Aus meiner Sicht ist es zurzeit das schlechteste Spiel für Nintendo Switch. Neben den heftigen spielerischen Mängeln reiht sich auch noch dilettantische Technik ein. Zahlreiche Bugs und Totalabstürze untermauern den Rest dieses Software-Verbrechens.

Und siehe da, mir fällt doch tatsächlich noch was Positives ein: Selten zuvor habe ich mich durch leidige Hausarbeit so gerne von einem Spiel ablenken lassen wie von Troll and I. Die Wäsche ist gebügelt, gefaltet und verstaut, die Böden sind blitzblank, das Geschirr ist gespült, die Gardinen sind gewaschen, alle Regale sind abgestaubt, frische Bettwäsche ist aufgezogen. Und das alles innerhalb eines Abends! Nur, damit ich nicht spielen muss. Danke, Troll and I ...

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meint: Troll and I ist das volle Paket aus Bugs, schlechtem Design, übler Steuerung und pottenhässlicher Grafik. Macht besser einen großen Bogen um das Spiel.

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Tags: Singleplayer   Fantasy  

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