Persona 5: Die Ernüchterung nach dem Hype

(Kolumne)

von René Wiesenthal (06. Dezember 2017)

Lobeshymnen zu Persona 5 gibt es viele. Zahlreiche Spielstunden später kann zumindest ich meine rosarote Hype-Brille absetzen und der Wahrheit ins Auge sehen: Es ist kein Meisterwerk.

Die Spielepresse war euphorisch, als der erste Anime-Teaser zu Persona 5 veröffentlicht wurde. Meine Güte, sah das stylisch aus! Auch ich bin Fan der „Shin Megami“-Spiele und konnte den Release kaum erwarten. Nach etwa 120 Spielstunden bin ich mittlerweile etwas weniger begeistert, als die meisten Tester. Das hat verschiedene Gründe.

Die Geschichte: Viel gewollt und dabei übernommen

Persona 5 erzählt eine Geschichte von persönlichen Schicksalen, die zunehmend komplexer wird, bis sie irgendwann epische Ausmaße annimmt. Wie in den Vorgängern wird völlig ungeniert zwischen dem Schulalltag japanischer Jugendlicher, bösen Mächten und übernatürlicher Fantasy gewandert. Aus dieser Mixtur geht viel mythologischer Symbolismus und scharfe Sozialkritik hervor. Ein guter Ansatz! Leider ist die Geschichte aber auch bei Akzeptanz der übernatürlichen Spielregeln nicht immer wirklich schlüssig und glaubhaft. Genau dieser schwierige Balance-Akt wäre aber notwendig, um auch bei großem Spektakel mit den Figuren mitfühlen zu können.

Persona 5 vernachlässigt teils die Logik und Figurenzeichnung zu Gunsten einer umfangreichen Geschichte mit großer Botschaft. Die ambitionierte Story verzettelt sich dabei teils so sehr, dass die Charaktere im Spiel mir immer wieder lang und breit hanebüchene Zusammenhänge und Logiklücken schön reden wollen. Darunter leidet auch das Storytelling: Dramaturgische Höhepunkte verlieren an Wirkung, wenn das Geschehen durch unnötig langatmige Dialoge ausgebremst wird. Am Ende bleibt zwar eine enorm einfallsreiche Idee, leider aber auch viel verschenktes Potenzial in der Umsetzung.

Dungeondesign: Viel Gelaber um nichts

Die Persona-Reihe hat nie mit ausgefeiltem oder abwechslungsreichem Leveldesign geglänzt. Bisher wurde aber auch nie so sehr versucht, das zu vertuschen, wie in Persona 5. Die Dinge sind, wie sie sind: Trotz interessanter Themen und Settings bestehen die Dungeons größtenteils aus kurvigen Schläuchen. Das wäre grundsätzlich zu verschmerzen. Von „Persona“-Gameplay erwarte ich ohnehin nicht mehr als Dungeon-Crawling, sobald der Schulalltag verlassen wird. Persona 5 versucht aber ständig, die simplen Ideen als bedeutsam zu verkaufen.

"Halt stopp, jetzt rede ich!" Die ausschweifenden Erklärungen der Mitstreiter stören oft den Spielfluss."Halt stopp, jetzt rede ich!" Die ausschweifenden Erklärungen der Mitstreiter stören oft den Spielfluss.

Wenig anspruchsvolle Schalterrätsel und andere kleine Hürden sollen für Abwechslung in den Palästen sorgen. Ich muss beispielsweise bestimmte Gegner besiegen, um von ihnen Schlüsselgegenstände zu bekommen oder in bereits besuchten Arealen Informationen von NPCs sammeln, um weiter zu kommen. So weit, so gängig. Viel zu oft wird man beim Abarbeiten dieser Standards von den Begleitern unterbrochen, die bekannte und vielfach wiederholte Mechanismen in trägen Dialogen erklären. Das führt so weit, dass ich immer gleiche Zwiegespräche ertragen muss, wenn ich versehentlich eine von vielen verschlossenen Türen im Areal untersuche.

Der eigentlich angenehm schnelle Spielfluss in den Dungeons leidet zusätzlich, wenn das Betreten der Räume häufig von solch überflüssigen Sequenzen begleitet wird. Dass die Paläste Gedankenwelten der Bösewichte darstellen, wird außerdem allzu oft als Entschuldigung verwendet, nervige Hindernisse in den Weg zu stellen. Durch diese Hürden wird auch das Verlassen des Palastes, also das vorzeitige Unterbrechen der Erkundungstouren, häufig erzwungen. Blendet man alle Erklärungen aus, bleibt meist eher uninspiriertes Dungeondesign.

Alles cool? Bei einigen Manövern ist der Bildschirm mit stylischen Animationen regelrecht überladen.Alles cool? Bei einigen Manövern ist der Bildschirm mit stylischen Animationen regelrecht überladen.

Style über Substanz

Ja, Persona 5 ist stylisch. Es ist voll von knalligen Animationen und in sich stimmigen Farbschemata. Optik und Sound sind konsequent einheitlich und "cool" gestaltet. Jedoch verbirgt sich unter der hippen und fetzigen Hülle nach wie vor ein eher nischiger Hybrid aus Rundenrollenspiel und Sozialsimulation. Der Art-Style ist außerdem nicht vergleichbar mit den tatsächlich typisch japanischen J-Pop-Eskapaden eines Tokyo Mirage Sessions #FE. Vieles wirkt für ein "Persona"-Spiel übertrieben knallig und somit deplatziert.

Persona 5 - Launch Trailer: Extrem cooler Look, aber Style ist nicht alles!

Die schrille Fassade kann mich dabei nicht über die deutlichen Mängel hinwegtäuschen. Das soll natürlich nicht heißen, dass sich Persona 5 sehr weit vom Kern der Reihe entfernt hat oder gar ein schlechtes Spiel sei. Eher wirkt es so, als habe man zu Gunsten des Stils Elemente wie die Figurenzeichnung und eine interessante Story-Progression vernachlässigt. Das ist für mich als Fan bedauerlich. Gerade weil Persona 5 trotzdem ein wirklich gutes JRPG ist, das mich viele Stunden bei der Stange gehalten hat. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Entwickler Atlus sich wieder mehr auf die Stärken der Persona-Reihe fokussiert und weniger auf die Coolness.

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Tags: Singleplayer  

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