Vorschau Kingdom Come - Deliverance angespielt: Dieses Rollenspiel kann die Branche verändern

von Spieletipps-Team (11. Dezember 2017)

Zwei Monate ist es noch hin, dann könnte mit Kingdom Come - Deliverance ein mittelalterliches Rollenspiel erscheinen, das mit den großen Konventionen der Branche bricht und für frischen Wind sorgt. Wir durften es bereits anspielen.

Es war eine der größeren Überraschungen vor drei Jahren, als Entwickler Warhorse im Januar 2014 die Kickstarter-Kampagne für Kingdom Come - Deliverance startete. Überraschung deswegen, weil die Produktion nicht das typische Indie-Spiel versprach, das mit brillanten Ideen, dafür aber mit zurückhaltender Technik und Präsentation aufwartete. Stattdessen bewegten sich die ersten Bilder auf produktionstechnischen Niveau, das irgendwo zwischen The Witcher 3 - Wild Hunt und The Elder Scrolls 5 - Skyrim angesiedelt ist.

Und die zweite Überraschung: Trotz des mittelalterlichen Ambientes erwarten euch keinerlei Fantasy-Elemente. Richtig gelesen: Auf Drachen, Elfen, Zwerge, Magie und ähnliches werdet ihr komplett verzichten müssen. Stattdessen erwartet euch eine Darstellung des Jahres 1403, die umso authentischer und intensiver rüberkommt. Es ist Mittelalter pur, gänzlich ohne Dark Fantasy und High Fantasy.

Wo das Spiel auf pyrotechnische Hilfskräfte in Form von Blitze schleudernden Magiern verzichtet, wird Platz für eine spannende und überaus konsequenzenreiche Geschichte geschaffen, die uns nach kurzer Zeit vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Bevor das vielversprechende Projekt am 13. Februar 2018 für PC, PS4 und Xbox One in die Läden kommt, durften wir es vor kurzem in München ausprobieren.

Vom Niemand zur historischen Persönlichkeit

Kein zufälliger Held, kein unbeschriebenes Blatt Papier, aber auch kein vollkommen überpowerter Superheld, dem von Anfang an das Wort "Schicksal" auf der Stirn steht ist euer Protagonist. Ihr schlüpft in die Rolle von Henry, dem Sohn eines Dorfschmiedes. Das ohnehin schon harte Leben in ebenjenem Dorf nimmt eine grausame Wendung, als das Dorf von Kriegstruppen überfallen wird. Henry gelingt die Flucht und findet sich allein in einer finsteren Welt wieder, in der ein Krieg unausweichlich scheint.

Was dabei von Anfang an ins Auge fällt, ist die kompromisslose Authentizität, die Warhorse ins Spiel überträgt. Die gesamte Spielumgebung basiert auf historischen Berichten und Darstellungen. Kingdom Come zu spielen ist wie in eine Zeitmaschine zu steigen und das finstere Mittelalter hautnah zu erleben. Das zeigt sich auch im erstaunlich anspruchsvollen Kampfsystem.

Anstatt wie so viele Genre-Kollegen auf einem System aus leichten und schweren Schlägen mit dem eingestreuten Block zu basieren, sind im Spiel Fußstellungen und Angriffshaltungen von entscheidender Bedeutung. Alle Angriffe wollen präzise ausgeführt werden, was Timing und Ausrichtung betrifft. Egal ob der weit ausholende Schlag über Kopf oder der gezielte Stich aus der Hüfte - ohne die Berücksichtigung der fünf Ausrichtungen bei Angriff und Abwehr seid ihr verloren. Simples Knöpfchendrücken im Stile von "leicht-leicht-leicht-schwer" führt hier zu rein gar nichts.

Der Bogen sorgt oft für One-Hit-Kills. Zielen müsst ihr dabei aber ohne Fadenkreuz.Der Bogen sorgt oft für One-Hit-Kills. Zielen müsst ihr dabei aber ohne Fadenkreuz.

Ähnlich komplex geht es auch für Bogenschützen zur Sache. Das Fehlen von magischen Schutzschilden und frei erfundenen Ninja-Ausweichfähigkeiten machen jeden abgefeuerten Pfeil zur tödlichen Bedrohung. Und es gibt auch keine Gegner, die vor lauter Pfeilen, mit denen sie gespickt sind, wie ein Mett-Igel aussehen, bevor sie zu Boden gehen. Ein einziger Treffer reicht meist schon aus. Dafür gibt es aber auf Seiten des Schützen eine entscheidende Einschränkung: Ihr habt kein Fadenkreuz.

Richtig, ihr müsst schätzen, Erfahrung sammeln, üben und probieren, um den Bogen zu meistern. Anstatt einfach nur Skill Points in das entsprechende Talent zu packen, steigt euer Können tatsächlich mit eurer wachsenden Erfahrung in der Steuerung des Spiels. Das ist gut so, denn ansonsten würde jeder Angriff mit dem Bogen schnell zu übermächtig werden und das Geschehen aus der Balance werfen.

Gänzlich ohne RPG-Standards geht es nicht

Das tödliche Schlachtengetümmel könnt ihr durch klugen Einsatz eurer Fähigkeiten erleichtern.Das tödliche Schlachtengetümmel könnt ihr durch klugen Einsatz eurer Fähigkeiten erleichtern.

Ganz verzichtet das Spiel jedoch nicht auf die rollenspieltypischen Erfahrungspunkte und Skills. Im Gegenteil, diese Aspekte sind sogar das Standbein, auf dem das Rollenspiel fußt. Taschendiebstahl und Überredungskunst bieten zum Beispiel alternative Routen, um die verschiedenen Szenarien zu meistern. Das ist speziell für Spieler geeignet, die lieber den subtilen Weg durch eine Geschichte wählen. Ganz auf Kämpfe verzichten können aber auch sie nicht, jedoch werden viele Situationen durch die entsprechenden Vorbereitungen viel leichter. Ein Beispiel:

Eine große Schlacht steht an. Meister des Schwertkampfes werden sich gut gerüstet in die Schlacht stürzen, dem Pfeilhagel trotzen und die Gegner von Angesicht zu Angesicht auseinandernehmen. Es geht aber auch anders. Brennende Strohballen sorgen zum Beispiel dafür, dass gegnerischen Bogenschützen die Sicht genommen wird. Das macht sie für den Fernkampf nutzlos, im Nahkampf stellen sie dann keine große Bedrohung mehr dar.

Seit der Ankündigung sehnlichst erwartet, jetzt nur noch zwei Monate vom Release entfernt:

Auch könnt ihr euch am Vorabend der Schlacht ins gegnerische Lager schleichen und die Vorräte vergiften. Wenn sich dann die feindliche Truppe am nächsten Tag aufgrund einer Arsenvergiftung in Krämpfen windet, habt ihr selbst als ungeübter Schwertkämpfer eine wesentlich leichtere Aufgabe zu meistern.

Noch ein Wort zur schweren Rüstung: Auch hier lautet das Stichwort Authentizität. Klar, so eine schwere Rüstung ist kaum zu durchdringen. Es gibt da aber eine Schwachstelle: Die meisten Helme lassen euer Gesicht frei, und das könnte für euch als Henry tödlich enden. Dieser Umstand kann natürlich durch entsprechende Visiere abgeschwächt werden, allerdings habt ihr im Kampf dann nur noch stark eingeschränkte Sicht. Von der verringerten Wendigkeit im Kampf mal ganz abgesehen.

Ein echtes Rollenspiel in jeder Hinsicht

Der Aspekt "Rollenspiel" wird von den Entwicklern ernst genommen. Reine Schlachterei und Punkte-Grinden wird es in Kingdom Come - Deliverance nicht geben. Es gibt auch Abschnitte, die auf Erforschung, Kombinationsgabe und Verhandlungsgeschick basieren. Wir durften ein solches Szenario ausprobieren, und zwar als Mönch verkleidet. So sollen wir in einem Kloster herausfinden, wer dort als Brandstifter sein Unwesen treibt. Wichtig dabei: 1403 war es so gut wie unmöglich, sich einfach frei hinter den Mauern eines Klosters zu bewegen. Eine gefälschte Identität muss an den Start. Dieser historische Umstand, auf den ja großen Wert gelegt wird, führte zum Beispiel erst zu der Gestaltung dieses Szenarios.

Umgebung, Lebensweise, Kampf und die Welt an sich: Kingdom Come basiert auf historischen Berichten.Umgebung, Lebensweise, Kampf und die Welt an sich: Kingdom Come basiert auf historischen Berichten.

Seid ihr erstmal am Zielort, müsst ihr eure Rolle aufrecht erhalten und euch als Novize bewähren. Dazu gehören so spaßige Dinge wie um 3 Uhr morgens aufstehen, um 4 Uhr zum Morgengebet antreten, Speisung mit den Brüdern absolvieren, im Garten arbeiten und so weiter. Und wagt es nicht, euch zum falschen Zeitpunkt im falschen Teil des Klosters rumzutreiben! Ihr müsst hier sofort Rede und Antwort stehen. Das ist kein JRPG, in dem ihr ungestraft in fremde Häuser gehen und die Schubladen durchwühlen könnt. Wichtig ist auch euer leibliches Wohl. Wenn ihr Schlafbedarf und Hunger nicht im Auge behaltet und entsprechend befriedigt, geht es abwärts mit Henry, bis hin zu seinem Tod.

Seid also vorsichtig in eurer Vorgehensweise, haltet euch an die Regeln und achtet auf Henrys Gesundheit. Das Kloster ist ein Hort von Geheimnissen und Intrigen, durch die ihr euch erstmal euren Weg bahnen sollt. Und als wäre das nicht schon komplexer Inhalt genug, gibt es auch noch eine edukative Komponente. Wisst ihr zum Beispiel, was ein Sühnekreuz ist? Oder wie lange der Bau eines Klosters dauerte? Auch solche Fragen beantwortet Kingdom Come - Deliverance im Laufe des Spiels. Wie gesagt, solche Elemente sind keine Fiktion, sondern basieren stets auf historischen Informationen.

Die Konzeptgrafiken für das Spiel sind oft Darstellungen von real existierenden Bauwerken.Die Konzeptgrafiken für das Spiel sind oft Darstellungen von real existierenden Bauwerken.

Das Geschehen findet in Böhmen statt. Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass viele der Bauten und Örtlichkeiten im Spiel real existierende Vorbilder haben. Das gilt auch für politische und geistliche Würdenträger. Laut Entwickler haben diese Personen alle tatsächlich gelebt. Bei so großer Wertlegung auf historische Korrektheit bleibt ein Hinweis offen, von dem wir selbst nicht glauben können, dass wir ihn geben. Er lautet: Haltet euch von Geschichtsbüchern fern, bis ihr das Spiel zu Ende gespielt habt! Denn dort könntet ihr den ultimativen Spoiler, nämlich den Ausgang des Krieges finden.

Jetzt eigene Meinung abgeben

Tags: Open World   Kickstarter  

Eine Spinne schlägt den Gott des Krieges

Spider-Man vs. God of War: Eine Spinne schlägt den Gott des Krieges

Eines vorweg, damit es keine Missverständnisse gibt: Sowohl das in diesem Jahr erschienene God of War als auch das (...) mehr

Weitere Artikel

Maus- und Tastatur-Support auf dem Weg

Xbox One: Maus- und Tastatur-Support auf dem Weg

Maus und Tastatur auf der Konsole - Ist das Cheating? Diese Frage wird demnächst wohl jeder für sich selbst b (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Kingdom Come - Deliverance (Übersicht)
* gesponsorter Link