Test Hello Neighbor: YouTube-Star oder Sternschnuppe?

von Emily Schuhmann (11. Dezember 2017)

Lernende Künstliche Intelligenz, außergewöhnliche Grafik und Erfolg auf YouTube - Dieses Spiel hat alles, was es zum Hit braucht, doch konnten die Entwickler den großen Erwartungen gerecht werden?

Was lange währt, wird endlich gut? Wie der beunruhigende Antagonist des Spiels lauert auch Hello Neighbor seit geraumer Zeit im Schatten. Sogar wenn ihr der Indie-Szene nicht folgt, habt ihr vermutlich schon mal davon gehört. Vielleicht ja sogar in unserem Special "Das Phänomen Hello Neighbor: Von der Freude bei eurem Nachbarn einzubrechen". 2015 versuchten es die russischen Entwickler Dynamic Pixels erfolglos bei Kickstarter, aber sie ließen sich nicht abschrecken. In den vergangenen zwei Jahren folgten mehrere Alpha- und Beta-Builds, die vor allem durch YouTuber für Bekanntheit sorgten.

Eine kleine, aber engagierte Fangemeinde nahm jede neue Version genau unter die Lupe, um neue Details zu erfahren und endlich herauszufinden, was der mysteriöse Nachbar in seinem verflixten Keller versteckt. Ursprünglich war bereits eine finale Veröffentlichung für August 2017 geplant, aber diese verschob sich ganze vier Monate nach hinten. Am 8. Dezember erschien das Spiel für PC und Xbox One und die Erwartungen waren groß. Aber konnte Hello Neighbor ihnen gerecht werden?

Werkzeuge gehören ins Gefrierfach

Der positivste Aspekt vorweg: Auf beiden Plattformen sieht die außergewöhnliche Grafik wirklich schick aus, gerade für ein Indie-Spiel. Zu Anfang schlüpft ihr in die Rolle einen kleinen Jungen, der unbedingt herausfinden will, warum der Nachbar seine Kellertür verbarrikadiert und dann weinend davor zusammenbricht. Die Geschichte überspannt mehrere Jahre und ist in drei Akte unterteilt. Völlig ohne Worte erfahrt ihr durch Körper- und Symbolsprache von der tragischen Vergangenheit des Mannes mit Schnurrbart, Pullunder und Gummihandschuhen, der gegenüber wohnt.

Den Großteil eurer Spielzeit verbringt ihr damit, euch vor dem übertrieben aggressiven Kerl zu verstecken ... wobei ihr ja eigentlich der Einbrecher seid, also solltet ihr hier vermutlich nachsichtig sein. Unaufmerksamen Spielern könnten einige Details der Handlung entgehen, da nicht alles offensichtlich ist.

Im Nachbarhaus hängen unzählige, oft schräge Bilder. Hinter manchen Gemälden verbergen sich geheime Schalter, andere verdecken Durchgänge.Im Nachbarhaus hängen unzählige, oft schräge Bilder. Hinter manchen Gemälden verbergen sich geheime Schalter, andere verdecken Durchgänge.

Die Rätselmechaniken von Hello Neighbor sind auch eher undurchsichtig. Um voranzukommen müsst ihr häufig extrem um die Ecke denken oder einfach raten. Wo sucht ihr den Schraubenschlüssel, den ihr unbedingt benötigt? Natürlich im Kühlschrank, ist doch klar, oder?

Nach dem zweiten Akt driftet das Geschehen immer weiter in albtraumhafte Absurdität ab und gipfelt in vollkommen deplatzierten Kämpfen. Leider ist auch euer Gegenspieler, der Nachbar, eine ziemliche Enttäuschung. Die Künstliche Intelligenz lernt aus eurem Verhalten, aber das macht es nur noch einfacher sie auszutricksen. Lasst euch beispielsweise ein paar Mal in der Küche fangen und schon steht euch das ganze Haus offen, denn der Nachbar legt seinen ganzen Fokus auf diesen Raum. Oder er versperrt sich in dem Versuch euch aus einem Zimmer fernzuhalten selbst alle Ausgänge.

Soll das so sein?

Das Haus verändert sich im Laufe des Spiels und die erste Version ist mit Abstand die angenehmste. Durch die geringe Größe sucht ihr euch nicht dumm und dämlich und gleichzeitig ergibt die Platzierung der Gegenstände hier auch noch Sinn. Gerade in diesem Spielabschnitt könnt ihr mit Hello Neighbor wirklich Spaß haben ... wären da nicht die unzähligen Bugs und Glitches.

So sollte die Künstliche Intelligenz ursprünglich funktionieren:

Texturlose Räume, verschwindende Böden, ein Nachbar-Kaugummi, das sich einmal um das ganze Haus zieht oder ganz besonders bizarr: die menschliche Kanonenkugel. Der Nachbar schaltete bei uns im ersten Akt den Strom wieder ein und aus unerfindlichen Gründen wurde er danach gen Himmel geschleudert und ward nie mehr gesehen. Manchmal bleibt der nette Herr auch einfach in einer Wand hängen oder rennt auf der Stelle und blockiert so des Öfteren wichtige Passagen. In solchen Momenten könnt ihr nur hoffen, dass er sich wegbewegt oder den ganzen Spaß von vorn beginnen. Juchu.

Meinung von Emily Schuhmann

Die Vorfreude auf dieses Spiel war riesig und ich will es doch eigentlich mögen, aber es funktioniert einfach nicht. Hello Neighbor ist kein fertiges Spiel. Fast zu jedem Zeitpunkt hat es sich angefühlt, als würde ich eine Beta spielen und traurigerweise war Alpha vermutlich die stabilste Variante.

Hoffentlich arbeiten die Entwickler weiter und bringen ihr Projekt zumindest auf einen akzeptablen Stand. Es wäre sonst wirklich schade, um ein zwar fehlerbehaftetes, aber im Ansatz doch interessantes Spiel. Im momentanen Zustand ist Hello Neighbor nur begrenzt empfehlenswert.

Wenn ihr die Prämisse spannend findet, dann kann ich euch empfehlen Hitchcocks "Fenster zum Hof" anzusehen oder die kostenlose Alpha-Version zu spielen; zumindest bis die ersten Updates raus sind oder der Preis angepasst wurde.

50

meint: Lernende KI, YouTube-Erfolg und sogar ein Roboter-Hai - alles sah zunächst so gut aus, aber Umfang und Bugs enttäuschen.

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Tags: Horror   Indie  

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