Gaming Promo-Bilder: Was wird uns da eigentlich vorgehalten?

(Special)

von Spieletipps-Team (21. Dezember 2017)

Niemand vermag mit so viel Feingefühl den Kern des Videospielspaßes bildlich in Szene zu setzen wie die Werbeindustrie. Eric Jannot widmet sich daher in einer semiotischen Bildanalyse Dynamik, Wirkung und Bedeutung klassischer Fotostock-Motive des 21. Jahrhunderts. Und ja: Es ist Satire.

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe des Magazins "WASD", das sich in Essays mit Games beschäftigt. Die neue Ausgabe behandelt das Thema "Müssen Videospiele Spaß machen?".

„Playful family playing video games together in a living room“ gelingt eine meisterhafte Synthese von christlicher Motivik und der sinnlichen Ausdruckskraft barocker Malerei. Die junge Familie wendet sich strahlend von den wenigen Büchern im Hintergrund ab. In erhöhter Position, aber unscharf gezeichnet, wird die Ohnmacht klassischen Wissens gegenüber der Strahlkraft des neuen Mediums dargestellt.

Diesem huldigt die Familie in Prostratio Perfecta: Dieser Akt des Niederwerfens symbolisiert im Christentum die Ganzhingabe des Menschen in tiefdemütiger Ergebenheit. Diese Ergebenheit wird in Ekstase aufgelöst, die zügellose Freude erinnert an das Gemälde des Vermeer-Zeitgenossen Dirck van Baburen, "Die lockere Gesellschaft". Unterwerfung durch Unterhaltung hält für den Konsumenten sinnliche Freuden jenseits seiner Vorstellungskraft bereit.

Selten wurde mit den Mitteln der Fotografie eine solche einprägsame Kritik am Geschäftsmodell von "Free to Play"-Videospielen formuliert. Ein junger Mann hält andächtig ein Handy zwischen seinen Händen, die fast in Gebetshaltung zusammenfinden. Es gibt keine ablenkenden Elemente im Hintergrund, mit verschlossenen Augen und verträumtem Lächeln widmet er sich ganz dem Akt des Spielens.

Das ihn umgebende Halo in Verbindung mit der Leere des Raums mutet wie eine spirituelle Erfahrung an, die effektvoll durch die ins Bildzentrum hineinkaskadierenden Geldscheine konterkariert wird. Die Geldscheine werden von unsichtbaren Händen in Richtung des vermeintlich transzendentalen Mediums Spiel gelenkt und gierig aufgesogen, der Mann scheint es in seiner Versunkenheit nicht zu merken. Er steuert so auf einen Zustand völliger materieller und geistiger Verarmung zu.

„Joy Activities with VR Headset“ verbindet gekonnt den Anspruch eines philosophischen Diskurses mit der Bildsymbolik klassischer Tarotkarten. Eine junge Frau, attraktiv und gesund, gibt sich den Freuden virtueller Welten inmitten eines sonnigen Herbstwaldes hin. Von strahlendem Licht umgeben, ist sie doch vollkommen in einer Schein-Welt eingetaucht: Platons Höhle und die in ihr projizierte Schattenwelt ist hier digital und mobil. Sie könnte die Brille ablegen und das Wahre und Schöne des warmen Herbsttages erkennen, müsste aber dazu die virtuelle Höhle verlassen. Die Bildkomposition suggeriert jedoch ein schmerzhaftes Erwachen: Wie der Narr in der klassischen Darstellung der großen Arkanen hat sie sich vom Licht abgekehrt. Sie läuft glücklich und sorglos, mit erhobenen Armen in Richtung eines schmerzhaften Ereignisses, auf dem Bild vermutlich gegen den nächsten Baum.

Der Autor

Eric Jannot entwickelt Serious Games im Bereich der politischen Bildung, thematisch gerne zu Klassismus und Geschlechterrollen in Videospielen. Bevorzugt trifft man ihn bei Game Jams und in Bars mit guten Whiskey Sours an.

Inhalt

  • 1. Der Weiße Traum und Familienglück

Tags: Fun  

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