Der Singleplayer darf nicht sterben!

(Kolumne)

von René Wiesenthal (22. Dezember 2017)

Mehrspielermodi - früher eine Dreingabe - könnten nach aktuellen Entwicklungen zur Norm werden oder Einzelspielerkampagnen sogar ablösen. Das käme einer Herzamputation des Gaming gleich.

Beim Online-Multiplayer werden Gemeinschaften aufgebaut und an Spiele gebunden. Das birgt die Möglichkeit zur langfristigen finanziellen Ausschöpfung einzelner Spiele und macht sie besonders attraktiv für Publisher.

Mehrspielermodi in Videospielen haben eine enorme Entwicklung hinter sich. Die Verbreitung und Verbesserung des Internets hat sukzessive dafür gesorgt, dass einzelne Multiplayer-Spiele, vor allem auf dem PC, ein riesiges Publikum haben. Auf Konsolen, deren Online-Anbindung etwas länger auf sich warten ließ, erinnere ich mich noch freudig an die Möglichkeit, gemeinsam mit Kumpels auf dem Splitscreen zu zocken. Heute bereitet mir die Entwicklung von Multiplayer-Spielen eher Sorgen.

Kürzlich wurde bekannt, dass der Publisher EA, eines der größten Unternehmen in der Branche, kein Interesse mehr daran hat, Singleplayer-Spiele entwickeln zu lassen. Es lässt sich spekulieren, dass eine erste Konsequenz dieser strategischen Ausrichtung die Schließung des Studios Visceral Games war.

Die damit verbundene Einstampfung des auf Singleplayer ausgerichteten „Star Wars“-Spiels, an dem das Studio arbeitete, lässt trotz offiziellen Dementi seitens EA zumindest die Vermutung zu. Nähmen sich andere Publisher ein Beispiel an dieser Ausrichtung, wäre das fatal für Videospiele als Hobby und Kulturgut. Denn Multiplayer-Spiele können oft nicht leisten, was für viele Spieler - wie zum Beispiel mich - beim Spielen essenziell ist.

Keine Immersion - Kein Deal

Ich weiß den Spaß an Netzwerkspielen zu schätzen. Im Kern bedeutet Zocken für mich aber, mich allein oder im privaten Kreis in einer Fantasie zu verlieren. Mir war es nie möglich, im gleichen Maß in einer MMO-Spielwelt zu versinken, wie in einer guten Singleplayer-Kampagne. Wenn es nicht gerade Match-orientierte Spiele sind, wird Online-Multiplayer von einem Publikum mitgestaltet, das vielleicht nicht exakt meine Ansprüche an die jeweilige Spielwelt teilt. Sobald zum Beispiel ein Avatar in einem Online-RPG aus der Rolle fällt, die ich ihm gedanklich zugeschrieben habe, werde ich daran erinnert, dass ich gerade einfach nur spiele.

Namenseinblendungen über Spielfiguren stören die Immersion. Hier: The Division.Namenseinblendungen über Spielfiguren stören die Immersion. Hier: The Division.

Ich kann nicht völlig individuell erleben, sondern teile meine Erfahrung automatisch mit anderen. Wen ich davon ausschließe, ist nicht immer bestimmbar. Diese virtuelle Öffentlichkeit ist für mich hinderlich, wenn ich mich auf die Spielwelt einlassen möchte. Im schlimmsten Fall werden die albernen Spitznamen anderer Spieler über den Köpfen ihrer Avatare eingeblendet. Wenn dann das Clipping der Figuren verhindern soll, dass Spieler mit ihnen enge Passagen verstopfen, bricht das endgültig mit der Fantasiewelt und macht sie unglaubhaft und ungenießbar für mich.

Handlung kann, muss aber nicht

Vielleicht gibt es einen Teil der Spieler, der sich auch für die Handlung in Online-Games interessiert, sofern sie eine besitzen. Manche MMOs wie Final Fantasy 14 werden durchaus für ihre Story gelobt. Aber sind wir ehrlich: Das Gameplay und die Möglichkeit der Interaktion sind hier wichtiger. Die Handlung dient den meisten auf Multiplayer ausgerichteten Spielen nur als Basis für ein bestimmtes Setting oder Design oder fügt sich letztlich auch nur der Form.

Viele MMOs und Shooter verzichten ganz auf eine Handlung. Star Wars Battlefront 2 wurde sie als verzichtbares Goodie beigelegt, um die Handlung von Destiny erzählt zu bekommen, müsst ihr außerhalb des Spiels nachlesen. Die großartigsten Spielemomente in meiner Erinnerung stammen aus ergreifenden Handlungswendungen oder Ereignissen in Spielen, in die ich dank interessanter Charaktere und spannender Erzählung völlig abgetaucht bin. Die möchte ich in Zukunft nicht missen.

Ins Netz gegangen

Ein weniger subjektiver Grund, warum wir Multiplayer-Spielen ohne brauchbare Einzelspielerkampagne nicht das Feld überlassen dürfen: Sie müssen nicht zwangsläufig richtig gut sein, um großen Erfolg zu haben. Ich weiß, das lässt sich auch von einigen Singleplayer-Spielen sagen, aber bei einem Multiplayer-Fokus ist die Dimension eine andere.

Das Wichtigste aus Sicht der Publisher sind bei Multiplayer-Spielen nämlich so genannte Netzwerkeffekte. Das bedeutet, dass sich der Erwerb solcher Spiele besonders dann lohnt, wenn eine große Zahl an Menschen sie bereits nutzt. Ist eine kritische Masse an Spielern erreicht, sind weitere Käufe garantiert.

Battlefront verkaufte sich trotz großer Mängel gut - dank Multiplayer und "Star Wars"-Bonus. Battlefront verkaufte sich trotz großer Mängel gut - dank Multiplayer und "Star Wars"-Bonus.

Natürlich kann diese kritische Masse auch wieder unterschritten werden, wenn ein Spiel für die meisten Käufer vollkommen witzlos ist. Oft passiert das gerade bei eher mittelmäßigen Spielen aber nicht. Durch einen Hype, einen starken Markennamen oder gelungenes Marketing finden zahlreiche Vorbestellungen und frühzeitige Käufe statt. Bei genügend Nutzern erfüllt das Spiel seinen Zweck trotz etwaiger Schwächen.

Einfach auszusteigen, bedeutet nicht nur, Geld und Zeit investiert zu haben, ohne einen langfristigen Nutzen aus dem Kauf zu ziehen. Es heißt auch, ein neues Spiel finden zu müssen, das ein ähnlich großes Netzwerk hat und dieses möglicherweise auch kaufen zu müssen. Spieler einigen sich also stillschweigend darauf, das Spiel trotz seiner Macken zu spielen und sichern ihm damit einen Erfolg. Studios müssen sich dann nicht mehr die Mühe machen, Spiele überdurchschnittlich gut werden zu lassen.

Vielfalt ist die Antwort

Der Fairness halber: Multiplayer-Spiele haben natürlich ihre Reize. Die können sehr verschieden sein und ich verstehe sie in vielen Fällen. Deshalb sind sie für einen großen Teil der Spieler attraktiv und haben eine Daseinsberechtigung im Kanon der Videospiele. Aber sie sollten eine Ergänzung des Angebots bleiben und nicht andere ersetzen. Denn Spiele sind nicht nur wirtschaftliche, sondern auch Kulturgüter. Verengt sich das Angebot zunehmend, werden Menschen vom Medium ausgeschlossen, die andernfalls vielleicht ein Interesse daran gehabt hätten. Und irgendwann bestimmt nur noch die Anbieterseite, was gespielt wird.

Durch eine breite Auswahl an Spielvarianten wird Vielfalt gewährleistet. Sie ist essenziell dafür, dass es weiterhin liebevoll erzählte und gut geschriebene Geschichten in Videospiele schaffen. Für viele Spieler sind diese Elemente ebenso wichtig, wie eine gute Spielbarkeit, mitunter sogar wichtiger. Videospiele können die Fantasie der Nutzer anregen und dazu einladen, Welten über digitale Grenzen hinaus im Kopf weiterzuspinnen.

Beschränkt sich der Fokus nur noch auf Vernetzung, verlieren solche Faktoren an Bedeutung, welche überhaupt erst dafür gesorgt haben, dass Videospiele als Erzeugnis kulturellen Schaffens anerkannt und ernst genommen werden.

Noch ist die Lage auch nicht aussichtslos. Die Verantwortlichen bei EA haben in diesem Jahr schon einiges an Gegenwind für ihre Entscheidungen bekommen. Und so stellten sich Studios wie Eidos, Sony und Bethesda gezielt auch gegen die „Multiplayer only“-Politik von EA. Zudem zeigte das Jahr 2017, dass nach wie vor großartige Singleplayer-Spiele geschaffen werden. Oder hättet ihr auf diese verzichten können? Schreibt uns eure Meinungen in die Kommentare!

Tags: Koop-Modus   Multiplayer   Online-Zwang   Singleplayer   Splitscreen  

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