Netzneutralität in Gefahr: So macht man eine schlimme Situation noch schlimmer

(Special)

von Micky Auer (22. Dezember 2017)

Das immer noch junge Medium Internet läuft Gefahr, in seiner Zugänglichkeit stark beschnitten und kontrolliert zu werden. Die sogenannte Netzneutralität soll in den USA gekippt werden. Der Verantwortliche hinter dem Beschluss macht eine ohnehin schon schwierige Situation nicht besser.

Vor kurzem haben wir darüber berichtet, dass die Netzneutralität in den Vereinigten Staaten von Amerika gekippt werden soll. Was das eigentlich ist und wie es sich auf unser Leben vor allem als Gamer auswirkt, erfahrt ihr hier.

Zur Klarstellung: Noch ist der Beschluss nicht in Kraft getreten. Dazu muss er erst vom US-Senat abgesegnet werden. Allerdings wird der Beschluss von der republikanischen Partei unter dem amtierenden Präsidenten Donald J. Trump unterstützt und just diese Partei verfügt über die Mehrheit im Senat. Ein Votum für die Abschaffung der Netzneutralität ist also äußerst wahrscheinlich.

Die Entscheidung sorgt für jede Menge Ärger und Kritik, vor allem natürlich seitens der User sowie vieler YouTuber, die ihre Existenzgrundlage in Gefahr sehen. Auf allen Seiten formiert sich der Widerstand gegen einen Beschluss, der User grundsätzlich benachteiligt, großen Internet-Providern hingegen mehr Freiheit, Machtbefugnisse in der Steuerung ihrer Programme und letzten Endes auch mehr Profit einbringt. Kurzum: Ihr zahlt mehr, kriegt dafür aber weniger.

Ohne Netzneutralität könnten Zusatkosten entstehen, wenn ihr Online-Spiele wie TESO konsumiert:

Ein solcher Entscheid verursacht mitunter zum Beispiel für Steam höhere Kosten, die auf euch als Endnutzer übertragen werden. Services wie PlayStation Network und Xbox Live könnten ebenfalls darunter leiden, wie auch die Anbieter von Streaming-Diensten.

Los, machen wir uns über die Leidtragenden lustig!

Ajit Pai, der Vorsitzende der Federal Communications Commission (Kurz: FCC; eine Behörde, die Rundfunk, Satellit und Kabel regelt), rechtfertigt diesen Schritt durch die Finanzierung eines Ausbaus der Infrastruktur, die dem Endverbraucher - also euch - zugute kommt und in Folge auch die Kosten senken soll. Ob und wie sich das gestaltet, sei dahingestellt.

Ajit Pai geht noch einen Schritt weiter und will mit einem völlig verunglückten und peinlichen Video vor allem die jüngere Generation davon überzeugen, dass sie durch die Abschaffung der Netzneutralität auf nichts verzichten muss. Der Titel des Machwerks lautet in der Übersetzung: "Sieben Dinge, die ihr nach der Netzneutralität noch immer im Internet tun könnt"

Der Titel mag zwar für sich selbst sprechen, doch fängt er in keiner Weise die Dummheit ein, die hier bildlich dargestellt wird. Seht selbst:

(Quelle: YouTube, Daily Caller)

Pai versucht, ein junges Publikum anzusprechen, indem er die weitere uneingeschränkte Nutzung der unwichtigsten und stereotypsten Trends verspricht. Darunter zum Beispiel, dass ihr weiterhin Bilder von eurem Essen auf Instagram posten, Bilder von süßen Tieren ins Netz stellen und eure Lieblingsserien "binge watchen" könnt. Verdächtig abwesend ist hierbei übrigens die Nennung von Videospielen. Ob Pai dahingehend einfach ignorant ist oder schon weiß, welche Zusatzkosten auf den Konsumenten zukommen, diese aber nicht offen kommunizieren will, ist nicht bekannt.

Die Nutzung von Abkürzungen wie "gram" für "Instagram" und die Reduzierung des Internet-Gebrauchs auf die mit Abstand unwichtigsten Tätigkeiten beleidigt regelrecht die Intelligenz der Konsumenten, was nicht ohne Folgen blieb. Die User im Netz lachen nicht mit Aji Pai, sondern über ihn. Und das noch dazu aus Gründen, die ihm nicht gefallen dürften. Es ist jedoch ein bitteres Lachen, in das sich der Zorn darüber mischt, dass ein Bürokrat aus persönlicher Profitgier heraus die Meinung der Mehrheit des Volkes ohne Konsequenzen überschreibt. Zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Artikels hat das Video auf YouTube 9.000 positive Bewertungen erhalten.

Und 233.000 negative.

Doch es geht noch schlimmer.

Anwärter für den Goldenen Aluhut

Einem Leser der Kollegen von Gizmodo ist ein kleines Detail im Video aufgefallen, dass das Spektakel noch schlimmer macht. Während Pai irgendetwas über den übermäßigen Einsatz von Memes faselt, tanzt er zu "Harlem Shake". Neben ihm steht eine Dame namens Martina Markota. Sie erlangte traurige Bekanntheit dadurch, dass sie die Verschwörungstheorie rund um das sogenannte "Pizzagate" verbreitete und vehement vertrat. (Pizzagate basiert auf einer erwiesenen Falschmeldung auf 4chan und Reddit, in der 2016 behauptet wurde, Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sei in einen Kinderpornoring verwickelt, der im Keller einer Pizzeria in Washington tätig sein soll.)

Die Hinzuziehung solcher zwielichtigen Individuen lassen den ohnehin umstrittenen Plan nicht unbedingt in einem besseren Licht erscheinen.

Politischen Zunder bietet das Thema ohnehin zur Genüge. Ajit Pai ließ es sich aber nicht nehmen, im Intro des Videos noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Allerdings auf eher passiv-aggressive Weise, so dass ihm keine direkte persönliche oder gesteuerte Agenda seitens der US-Administration unterstellt werden kann. Ich tue es aber trotzdem!

Pai sagt: "Meine Pläne, die Internet-Freiheit wiederherzustellen, nachdem die Regeln aus der Obama-Ära abgeschafft worden sind ..."

  1. Die Abschaffung der Netzneutralität mit der Wiederherstellung einer Freiheit gleichzusetzen, die im gleichen Zug einfach weggenommen wird, ist ein Schlag ins Gesicht.

  2. Ein immer wiederkehrendes Konzept in der Trump-Administration ist, alles abzuschaffen, was von Präsident Obama in der vorherigen Amtsperiode etabliert wurde. Obamas Namen unnötigerweise im Intro fallen zu lassen, ist der Versuch, die bisher geltenden Regeln und damit die Arbeit der Demokraten zu diskreditieren.

Wir wollen doch nur all euer Gold

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die grundlegende Aussage, die Pai mit dem Video verbreitet. Sie lautet: Euch wird nichts weggenommen. Ihr könnt nach wie vor all das tun, was euch doch so total wichtig ist, wie zum Beispiel Essen fotografieren und Fidget Spinner online kaufen.

Katzen und Fidget Spinner: Laut Ajit Pai geht es euch im Internet in erster Linie darum.Katzen und Fidget Spinner: Laut Ajit Pai geht es euch im Internet in erster Linie darum.

Mal abgesehen davon, dass diese herablassende Darstellung der vor allem jüngeren Generation (und hier schreibt jemand, der näher an den 50 als an den 40 ist) von einer Arroganz gezeichnet ist, die klar darlegt, dass Mister Pai komplett die Bodenhaftung verloren hat oder ihm die Lebensqualität der Bevölkerung grad dreimal am Arsch vorbeigeht, ist diese Herangehensweise auch auf gefährliche Art und Weise irreführend.

Die Diskussion dreht sicht NICHT um den Verlust von Möglichkeiten. Es stand nie zur Debatte, dass Dinge, die ihr gewohnt seid und nutzen wollt oder müsst, nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Das Video versucht auf peinliche Weise davon abzulenken, dass ihr in Zukunft dafür bezahlen sollt.

Fassen wir zusammen: Ajit Pai drängt die Bevölkerung der Vereingten Staaten von Amerika dazu zu verstehen, dass sie immer noch nutzlosen Kram und Selfies im Internet posten kann, während sein Plan das Geld aus den Usern rauswürgt. Jedes Land hat seinen eigenen Ajit Pai, der seinen persönlichen Vorteil über die Bedürfnisse eines ganzen Landes stellt. Wie es hier in Deutschland weitergeht, werden wir vermutlich früher sehen als uns allen lieb ist.

Tags: Politik  

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