So ist es als neuer Praktikant in einer Games-Redaktion

(Kolumne)

von René Wiesenthal (31. Dezember 2017)

Ich bin Frischfleisch in zweierlei Hinsicht. Zum einen, weil ich erst seit kurzem für spieletipps arbeite. Zum anderen, weil diese Arbeit meine erste Erfahrung in der Branche darstellt. Und die kommt vergleichsweise spät. Ist das ein Nachteil?

Es hat einige schlechte Entscheidungen, Fehler und persönliche Rückschläge gebraucht, bis ich zum ersten Mal einen Fuß in eine Videospielredaktion setzte. Die Leidenschaft für Videospiele und das Schreiben zum Beruf zu machen, erschien mir früher wie Tagträumerei. Das konnte doch unmöglich eine Profession sein, für die irgendwer tatsächlich bereit wäre, MIR Geld zu zahlen! Nachdem ich ein Studium, das mir wegen aussichtsreicher Möglichkeiten nahegelegt wurde, abgebrochen hatte und auch die danach abgeschlossene Ausbildung nicht zur beruflichen Erfüllung führte, begann ich umzudenken.

Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass der Teil meines Lebens, mit dem ich dieses finanziere und der dessen meiste Zeit in Anspruch nimmt, zur reinen Pflichterfüllung verkommt. Also ging ich nochmal an die Uni, um Kommunikationswissenschaft zu studieren; eine Fachrichtung, die für mich interessant war und gleichzeitig die Möglichkeit bot, im Spielejournalismus einzusteigen.

Nun bin ich seit einem Monat als Praktikant bei spieletipps. Ein Monat, der einem Leben gegenübersteht, in dem ich die Branche zum Großteil aus Konsumentensicht betrachtet habe. Die Geschwindigkeit, in der ich jetzt völlig neue Erfahrungen sammle, ist überwältigend. Jeden Tag knüpfe ich neue Kontakte, höre mir an, welche Wege die „alten Hasen“ und andere Frischlinge gegangen sind und mache mich mit täglichen Abläufen vertraut.

Das Wissen aus dem Studium erscheint mir sinnvoll. Die Kenntnis darüber, wie Medienunternehmen arbeiten und warum sie das so tun, haben die Startschwierigkeiten gemindert, Zusammenhänge innerhalb der Redaktion und zwischen ihr und ihrer Umwelt zu verstehen. Allerdings ist das Studium weder zwingende Voraussetzung noch hinreichend, um den Job gut zu machen. Die Bildungswege derer, die langfristig in der Branche bleiben, sind sehr verschieden. Das tatsächliche Handwerkszeug lerne ich erst hier. Dass mir das Schreiben liegt, ist von Vorteil, mich durch das Content-Management-System zu fuchsen aber eine ganz eigene Herausforderung.

Einen Stein auf den anderen: Das Handwerk wird durch Übung gefestigt.Einen Stein auf den anderen: Das Handwerk wird durch Übung gefestigt.

Abgesehen von den interessanten Blicken hinter die Kulissen der Redaktion und der Publisher, sind es vor allem drei Erfahrungen, die für mich bisher besonders bedeutsam sind, weil sie in Gegenrichtung zahlreicher vorheriger Berufserfahrungen laufen:

  1. Der Umgang im Team: Man kann bei der Arbeit motiviert sein, ohne permanentem Druck ausgesetzt zu sein. Was für eine Erkenntnis. Grund dafür ist, dass die Hierarchie bei spieletipps angenehm flach ist, ohne dass Weisungsbefugten auf der Nase herumgetanzt wird. Alle Mitarbeiter gehen (zum allergrößten Teil zwinker zwinker) respektvoll miteinander um. Das liegt auch daran, dass eine gewisse Gesprächskultur gepflegt und nicht jeder Mucks bestraft wird.

  2. Wertschätzung: Wer für spieletipps arbeitet, wird ernst genommen, sofern er oder sie selbst ernsthafte Bestrebungen zeigt. Das gilt nicht nur für mich, sondern für alle Teammitglieder. Ich habe schon am ersten Tag Arbeiten erledigt, deren unmittelbare Wirkung ich wahrnehmen konnte und die einen Unterschied machten. Kein Kaffeekochen, kein Aktenordnen und stummes Zugucken, sondern die Möglichkeit, mich einzubringen. Echter Hustle, wie manch jugendlicher Kollege wohl sagen würde.

  3. Die Arbeit macht Spaß: Ja, da steht es. Ich habe es geschrieben. Die Arbeit macht Spaß. Ich schaue nicht minutiös auf die Uhr, um zu erfahren, wann der Dienst endlich vorbei ist, sondern versuche eher, so viel wie möglich auf möglichst gute Art zu erledigen. Einzelne Schritte oder ganze Prozesse abzuschließen, ist erfüllend. Naheliegenderweise auch, weil ich mich täglich mit einem Herzensthema befasse. Natürlich bleibt das Ganze Arbeit. Das bedeutet, dass es anstrengend sein kann, Konflikte entstehen, kleinere und größere Dämpfer warten und ich mache nicht einfach jeden Tag, wonach mir der Sinn steht. Aber wer möchte über so etwas jammern?

Ich verfasse hier keinen Werbetext für die Redaktion. Neben Kleinigkeiten, die mich stören, bin ich tatsächlich einfach begeistert von der Zeit hier. Vielleicht auch deswegen, weil es hinter meinen Ohren grün leuchtet. Meine Eindrücke sind außerdem vergleichsweise frisch. Inwiefern sie sich noch relativieren, kann ich nicht abschätzen. Und natürlich wird aus dem Vorhaben, in der Branche Fuß zu fassen, nicht schlagartig Realität, nur weil ich mir das vorgenommen habe und ein Praktikum vorweisen kann. Wie es hiernach weiter geht, wird sich erst zeigen. Die bisherigen Erfahrungen rechtfertigen die Entscheidung aber schon jetzt.

Falls ich euch mit diesem Text etwas mitgeben kann, dann vielleicht das: Solltet ihr schon früh im Leben die ausreichende Entschlossenheit besitzen, dann wartet nicht zu lang und lasst euch, sofern es die äußeren Umstände zulassen, nicht verunsichern. Wenn ihr glaubt, die Fähigkeiten oder das Potenzial zu besitzen, dann versucht, in die Branche zu kommen. Und auch, wenn ihr glaubt schon zu alt zu sein, um diesen Schritt zu vollziehen: Die Bemühung kann es durchaus wert sein, wenn ihr euch mehr Zufriedenheit davon erwartet.

Tags: Schwerpunkt Jobs  

War früher wirklich alles besser?

Resident Evil 2 Remake: War früher wirklich alles besser?

Schon seit Jahren warten Horrorfans auf die Neuauflage der legendären Fortsetzung zu Resident Evil. Nun ist die (...) mehr

Weitere Artikel

Ehemaliger Mitarbeiter nennt Grund für Sonys Blockade

Crossplay-Debatte: Ehemaliger Mitarbeiter nennt Grund für Sonys Blockade

Mit der Veröffentlichung von Fortnite für die Nintendo Switch ist die Debatte rund um Cross-Play und Cross-Pr (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

zurück zur Kolumne-Übersicht

* gesponsorter Link