Arbeiten in Japan: Kulturschock in 3 ... 2 ... 1 ...

(Special)

von Micky Auer (29. Dezember 2017)

Wenn ihr in der Spielebranche arbeiten wollt, ist der Umzug nach Japan für viele eine Option. Die wenigsten sind aber darauf vorbereitet, was sie dort erwartet.

Ah, Japan ... Das Land, in dem alle digitalen Träume wahr werden, wo Anime und Manga schon in der Schule unterrichtet werden, wo man stets freundlich ist und wo man die Emotionen des Gegenübers an den Symbolen erkennt, die über seinem Kopf erscheinen.

Ja, das ist natürlich kompletter Bullshit. Dennoch bin ich erschreckend vielen Leuten begegnet, deren Wissen über Japan sich ausschließlich aus dem Konsum von Manga und Anime sowie Videospielen rekrutiert. Schlimmer noch: Sie wussten alles besser als die Menschen, die tatsächlich in Japan gelebt und gearbeitet haben. Nun, die wenigsten davon haben es tatsächlich mal bis ins Land ihrer Träume geschafft und ...

... sind dann mit der harten Realität konfrontiert worden.

Der Kulturschock trifft doppelt hart, wenn man sich ein Land bewusst zusammenfantasiert. Was aber ist mit den Leuten, die der Job nach Japan führt und die nicht darauf vorbereitet waren, was sie dort erwartet? Das kann euch passieren, wenn ihr ernsthaft in Erwägung zieht, einen Job in der Spielebranche anzugehen. Vor allem Programmierer und Designer, die direkt im Entwicklungsprozess eines Spiels involviert sind, werden vermutlich einen Ortswechsel ins Land der aufgehenden Sonne planen müssen.

Vorsicht! Das Leben in Japan hat rein gar nichts mit der Darstellung in Manga, Anime und Spielen zu tun.Vorsicht! Das Leben in Japan hat rein gar nichts mit der Darstellung in Manga, Anime und Spielen zu tun.

Aber auch viele andere Jobs in der Spielebranche führen euch in Form von Geschäftsreisen nach Japan. Der damit verbundene Kulturschock findet in kleineren Dosierungen statt und lässt sich leichter verarbeiten, wenn man ein Ende des Aufenthaltes stets vor Augen hat. Denn eines steht fest: Japan ist anders. Und nicht jeder kommt mit den Eigenheiten der japanischen Kultur klar.

Japan ist anders, und ihr seid es auch

Die ersten paar Stunden meines ersten Japan-Aufenthaltes waren eine schnelle Abfolge von kulturellen Schockmomenten. Am Bahnhof in Osaka stand ich vor einem Plakat, auf dem ein gutaussehender, westlicher Mann im Anzug grinsend auf der linken Seite des Bildes stand, auf der rechten Seite waren mehrere japanische Frauen zu sehen, die mit erschrockenen Gesichtern das Weite suchten. Der Text darunter: "Schütze dich vor AIDS."

In Japan hat man als Ausländer oft mit unerwarteten Problemen zu tun.In Japan hat man als Ausländer oft mit unerwarteten Problemen zu tun.

Suche nach einem Taxi nach der Ankunft in Kyoto. Währenddessen fährt ein Wagen an mir vorbei, der für die bevorstehenden Wahlen für eine Partei wirbt. Ein Mann steht mit Megaphon darin und verkündet durch das offene Dach, dass das Volk von Japan für die Partei stimmen soll, die das "einzig wahre, reine, echte asiatische Volk" vertritt. Langsam wird mir schlecht.

Es ist kein Taxi zu finden, ich nehme die U-Bahn. Die ist recht voll, doch rund um mich bildet sich eine freie Fläche. Der Grund: Es ist siedend heißer Sommer, ich bin in T-Shirt und kurzen Hosen unterwegs. Tätowierungen an Armen und Beinen sind deutlich sichtbar. Mehrere Menschen, vor allem ältere, werfen einen kurzen, erschrockenen bis angewiderten Blick auf die bunten Bilder, wenden sich dann schnell ab und halten Distanz.

Aus dem gleichen Grund wird mir in den folgenden Tagen im Hotel sehr höflich aber bestimmt (und dann nochmal extra höflich) erklärt, dass es mir untersagt ist, den Hotel-Pool zu benutzen. Ich bin also mitten in einer Segregation. Gestern war ich noch (fast) die Norm, heute bin ich eine Minderheit. Wo bin ich hier bloß reingeraten?

Der Twist: All das ist zwar tatsächlich geschehen, jedoch liegen diese Ereignisse über zwanzig Jahre in der Vergangenheit. Seitdem hat sich auch in Japan einiges in Sachen Weltoffenheit getan. Zumindest in einem großen Teil der jüngeren Generation. Dennoch berichten viele Arbeitswillige aus verschiedenen Ländern auch heute noch, mit welchen rassistischen Problemen sie in Japan konfrontiert werden.

Der Rassismus richtet sich nach wie vor in erster Linie gegen die Bewohner anderer asiatischer Länder, vor allem China und Korea. Doch auch als Bewohner eines westlichen Landes solltet ihr mit Problemen bei der Wohnungssuche, bei Amtswegen sowie im Alltag rechnen. Um hier kein einseitiges Bild zu malen: Es ist durchaus möglich, als Ausländer in Japan ganz normal zu leben, neue Freundschaften zu schließen und problemlos mit seinen japanischen Kollegen zu arbeiten. Das Risiko, auf rassistisch geprägte Probleme zu stoßen, ist jedoch relativ hoch.

Ihr glaubt das nicht oder - und seid bitte ehrlich - wollt das vielleicht nicht glauben? Nun, die Problemaktik geht so weit, dass das japanische Justizministerium sich genötigt sah, eine Erhebung bezüglich diskriminierenden Verhaltens gegenüber Ausländern durchzuführen. Das erschreckende Ergebnis: 30 bis 40 Prozent der befragten Ausländer sahen oder sehen sich rassistischen Angriffen ausgesetzt, wie The Guardian berichtet.

Lost in Translation

Wenn ihr in der Spielebranche als Japanisch-Übersetzer arbeitet, seid ihr sicher schon auf das Leben in Japan vorbereitet und habt im Zuge eures Studiums schon Zeit dort verbracht. Für Übersetzer ist die Einstiegshürde also die Geringste. Allen anderen sei geraten: Informiert euch, bevor ihr euch dazu entschließt, nach Japan zu ziehen!

Um das Lernen von Kanji werdet ihr bei einem Leben in Japan kaum herumkommen.Um das Lernen von Kanji werdet ihr bei einem Leben in Japan kaum herumkommen.

Holt euch Erfahrungsberichte von Leuten ein, die bereits in Japan gelebt haben. Macht euch mit den Sitten des Alltags vertraut, lernt etwas über die Kultur. Auf diese Weise werdet ihr selbst nicht kalt erwischt, wenn ihr plötzlich mit Dingen konfrontiert werdet, die aus unserer Sicht außerhalb der Norm sind. Ihr habt auch bessere Chancen, von eurem Umfeld akzeptiert zu werden. Sowas nennt man Integration. Bedenkt: Niemand zwingt euch aufzugeben, wer ihr seid oder woher ihr kommt. Das ist auch nicht nötig und davon ist hier nicht die Rede.

Aber allein die Höflichkeit gebietet es, dass ihr euch zum Beispiel mit der Sprache auseinandersetzt. Ich habe im Laufe der Zeit und meines ehemaligen Jobs so viele Leute aus aller Welt kennengelernt, die viele Jahre in Deutschland gelebt haben. Einige sind auch geblieben. Die wenigsten haben es für nötig befunden, die Sprache zu lernen. Und so blieben sie immer etwas mehr im Abseits als es nötig gewesen wäre.

Japanisch zu lernen und zu beherrschen ist einerseits eine Aufgabe, die durchaus ein Studium erfordert, andererseits aber auch ohne Uni-Besuch zu bewältigen ist, wenn ihr entsprechend Zeit und Ausdauer investiert. Wer sich im Selbststudium, in Kursen und im Privatunterricht fortbildet sowie seine Sprachkenntnisse im Alltag anwendet, wird im Laufe der Zeit ein solides Wissen aufbauen. Oft bieten auch Firmen ihre Unterstützung beim Erlenen der Sprache an. Informiert euch bei eurem potenziellen Arbeitgeber! Und lasst euch nicht von der Komplexität der Schriftzeichen abschrecken. So anders das alles aussieht und sich anhört: Es ist nicht unlernbar.

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Hinzu kommt der Umstand, dass Fremdsprachen in japanischen Lehrplänen keine Priorität genießen. Soll heißen: Die meisten Japaner beherrschen wenig bis kaum Englisch. Zumindest nicht so, wie man es aus vielen europäischen Ländern kennt. Auch ist die Firmensprache in erster Linie Japanisch. Ich habe lange Zeit für Nintendo gearbeitet. Ein ehemaliger Kollege aus Großbritannien hat unseren Vorgesetzten mal gefragt, ob es denn nicht möglich wäre, dass man als Angestellter von Nintendo of Europe mal eine Zeit lang im japanischen Hauptquartier arbeiten könnte. Die Antwort lautete: "Sehr gerne. Jedoch müssen Sie in der Lage sein, Japanisch zu verstehen und zu sprechen. Denn die Mitarbeiter in Kyoto haben keine Zeit, extra deswegen Englisch zu lernen."

Die 10.000 Fallen des Alltags

Ich saß da mal in einem wichtigen Meeting in Japan. Nicht nur war es ein wichtiges Meeting, es war auch mein erstes in einer japanischen Firmenumgebung. Dementsprechend nervös und aufgeregt war ich, aber ich habe mich gut darauf vorbereitet, meine Themen ausgearbeitet und alle Situationen mit Gedanken und möglichen Antworten versehen. Das Meeting beginnt und zehn Minuten später schlafen einige der Teilnehmer am Tisch ein.

Selbst Premierminister Abe und Finanzminister Aso leisten sich auf offiziellen Anlässen nötigenfalls ein kleines Nickerchen.Selbst Premierminister Abe und Finanzminister Aso leisten sich auf offiziellen Anlässen nötigenfalls ein kleines Nickerchen.Quelle: CNN

Viel zu sagen hatte ich im Endeffekt nicht. Genau genommen gar nichts. Es wurden Beschlüsse vorgelegt, danach ging jeder wieder an seine Arbeit. Wie ich im Nachhinein erfahren habe, war diese Situation nicht besonders ungewöhnlich. Große Besprechungen dienen wohl in erster Linie dazu, nochmal allen mitzuteilen, was vorab beschlossen wurde. Kleinere Arbeitsgruppen hingegen sprechen wirklich gezielt darüber, wie zum Beispiel ein Projekt angegangen werden soll.

Dass man dann im großen Meeting einschläft ist zwar nicht unbedingt die Norm, aber so richtig dran stören tut sich auch niemand. Bei uns wäre das selbstverständlich undenkbar. Solche und viele andere Dinge zeichnen den Arbeitstag in einer japanischen Firma aus. Manche dieser Begebenheiten sind amüsant, andere wirken eher bizarr, bei manchen fragt man sich ernsthaft: "Was soll der Scheiß?"

Sich darauf vorzubereiten ist nicht immer leicht beziehungsweise gar nicht möglich, da gewisse Abläufe von Firma zu Firma unterschiedlich sind. Grundsätzlich kann gesagt werden: Seid bereit, so manch seltsamen Ablauf präsentiert zu bekommen. Schon vor Jahren stolperte ich über den Artikel "Japan - It's not funny anymore" von Tim Rogers auf Kotaku. Darin beschreibt er unter anderem eine Situation, die er während seiner Arbeit in Japan erlebt hat, nämlich das "Guten Morgen"-Protokoll der Firma. Eine Situation, die ich zwar so nicht erlebt habe, aber nur zu gut nachvollziehen konnte:

Eine HR-Mitarbeiterin erklärt Rogers die Verhaltensregeln in der Firma. So zum Beispiel die Vorgabe, dass jeder Mitarbeiter, der morgens das Büro betritt, sich stramm hinstellt, die Arme straff an der Seite anlegt und ein herzhaftes "GUTEN MORGEN!!!" (Ohayo gozaimasu!!!) in den Raum brüllt. Rogers stellte die scherzhaft gemeinte Frage, was denn wäre, wenn man der Erste im Büro ist. Die Kollegin fand das nicht so komisch und antwortete mit versteinerter Miene: "Sie müssen es dennoch ausführen. So lautet die Regel. Jeder Angestellte muss das tun. Deswegen heißt es ja auch Protokoll."

Auch das ist ein Aspekt in japanischen Firmen, der für Bewohner westlicher Länder problematisch werden könnte: Selbst wenn ihr erkennt, dass eine Regel sinnlos ist und ihre Einhaltung zu Problemen führt, müsst ihr euch dennoch daran halten. Es dauert eine Weile, bis ihr als Arbeitnehmer in Japan verstanden habt, wie der Hase läuft. Das ist etwas, das ihr in erster Linie nur aus Erfahrung lernen könnt.

Ja, und nun?

Wenn es euch in die Spielebranche zieht, ihr Erfolg habt und euch euer Weg nach Japan führt, solltet ihr euch davor nicht scheuen. Es ist eine Erfahrung, die euch niemand mehr nehmen kann. Japan ist ein Ort, der sich kulturell stark von europäischen Ländern unterscheidet. Das zu erforschen und auch zu erleben, kann ein spannendes Abenteuer sein.

Achtet auf die Hausschuhe! Straßenschuhe sind in privaten Räumlichkeiten nicht erwünscht.Achtet auf die Hausschuhe! Straßenschuhe sind in privaten Räumlichkeiten nicht erwünscht.Bildquelle: Wikipedia

Es gibt Hindernisse und Einstiegshürden, doch die meisten davon werdet ihr im Alltag schnell meistern. Sich zu verbeugen, anstatt die Hand zum Gruß zu reichen, Restaurants, Umkleidekabinen und Wohnungen ohne Schuhe zu betreten, auch beim auswärtigen Essen öfter zu knien als zu sitzen ... all das ist reine Gewöhnungssache.

Die Sprache ist zugegebenermaßen eine ganz andere Liga. Wenn ihr hier mithalten wollt, ist viel Arbeit erforderlich. Und wenn erst Wortschatz und Grammatik sitzen, ist da immer noch die Frage, wie ihr mit dem "Zwischen den Zeilen lesen" klarkommt, das in japanischer Gesprächskultur gerne angewendet wird. Doch wie bereits erwähnt: Japanisch ist alles andere als unlernbar.

Im Vordergrund steht natürlich der Umstand, dass ihr es geschafft habt, in der Branche Fuß zu fassen. Sollte euch dann der weitere Weg nach Japan führen, betrachtet dies Chance als Bonus Level.

Tags: Schwerpunkt Jobs  

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