Geschichten, die das Leben schrieb: Unsere absurdesten Erlebnisse in der Branche

(Special)

von Micky Auer (30. Dezember 2017)

In der Gaming-Branche trifft man mitunter auf illustre Gestalten. Damit verbunden sind auch ebenso illustre Geschichten. Ein paar alte Redaktionshasen berichten von ihren absurdesten Erlebnissen.

Ständig kreischende YouTuber, überdreht wirkende Entwickler und kreative Köpfe, charismatische, weniger charismatische und absolut nicht charismatische Firmenchefs und PR-Sprecher ... Ihre Auftritte sind meist öffenlicht, vorgeplant und geskriptet. Aussetzer gibt es immer wieder, doch selten wird es richtig bizarr.

Den dieses Attribut ist meist mit den Geschichten verbunden, die hinter den Kulissen stattfinden. Momente, in denen man sich fragt: "Geschieht das jetzt grad wirklich?" oder "Alles klar, irgendwer filmt das von einem Versteck aus für die Weihnachtsfeier."

Und doch handelt es sich um tatsächlich so stattgefundende Begebenheiten, ohne Skript, ohne Plan, ohne Absicht. Setzt euch doch mit uns ans Lagerfeuer und lauscht ein paar von den Geschichten, die wir im Laufe unseres Berufslebens mitbekommen haben und über die wir bis heute noch nicht so ganz genau wissen, ob da nicht doch jemand im Hintergrund stand, der sich über unsere Reaktionen schier weggeschmissen hat.

Bad Hair Day eines Kokiri

Micky Auer, stellvertretender Chefredakteur:

In jungen Jahren habe ich mein Geld als Übersetzer bei Nintendo verdient. Bei besonders großen Projekten wurden Übersetzer für alle geplanten Sprachen in ein Flugzeug gepackt und nach Kyoto geschickt, wo ja Nintendo of Japan seinen Firmensitz hat. Dort haben wir dann direkt mit den Entwicklern an den Texten gefeilt, Grafiken besprochen und über Limitationen verhandelt.

Es hat schon was, wenn man vor einer großen Gruppe von Menschen von Eiji Aounuma mit "Oh, I know you!" freudig begrüßt wird.Es hat schon was, wenn man vor einer großen Gruppe von Menschen von Eiji Aounuma mit "Oh, I know you!" freudig begrüßt wird.

Nicht selten kam es vor, dass wir dort mit den etwas bekannteren und ranghöheren Nintendo-Angestellten zu tun hatten. Von diversen Anzugträgern mal abgesehen, die zwar in der Firma eine hohe Position einnehmen, nach außen hin aber gänzlich unbekannt sind, waren für uns natürlich die Zusammenkünfte mit gewissen Entwicklern immer ein Höhepunkt. Wenn zum Beispiel die Tür aufgeht und Shigeru Miyamoto hereinspaziert, um eine unvorhergesehene Frühstückspause auszurufen, weil er ein wenig mit den Übersetzern quatschen will, bleibt einem auch erstmal das Wort im Hals stecken.

Im Laufe der Zeit und nach mehreren Besuchen und gemeinsamen Projekten, entsteht natürlich eine etwas lockerere Atmosphäre zwischen allen Beteiligten, sofern sie miteinander können. Zu den Höhepunkten gehörten immer die zwanglosen Ausflüge in abgelegene, kleine und sehr gute Restaurants, in denen traditionelle japanische Küche dargeboten wird. Diese Abende halfen sehr, uns einander näher zu bringen und das Teamgefühl zu stärken. Besonders, wenn weltweit bekannte Persönlichkeiten mit am Tisch knieten. Bei solchen Gelegenheiten lernt man, dass sie auch nur Menschen sind.

Und als solche haben sie auch menschliche Schwächen und kleine Aussetzer. An einem besonders lustigen Abend hat der Producer eines Spiels (aus diversen Gründen soll sein Name ungenannt bleiben), das einen der drei größten Namen von Nintendo im Titel führt, mehrfach zu tief ins Glas geschaut. Kann vorkommen. Jedenfalls wurde er anfangs immer lauter, dann immer stiller, zum Ende hin wurde er grün.

A Link Between Worlds - Bei all den Dimensionswechseln kann einem schon mal übel werden.

Beim Verlassen des Lokals haben wir nur einige Schritte geschafft, da fiel er einfach auf mich drauf. Ich stolperte über eine kurze Steintreppe, so richtig schön mit beiden Schienbeinen auf die Kante, doch er fiel weich (auf meinen Bauch). Dennoch war seinem glasigen Blick und seiner bleichen Hautfärbung anzusehen, dass sein Magen die Schnauze voll hatte. Er murmelte noch: "Bitte hilf mir ...", dann ging es schon los.

Während sein Mageninhalt bereits fontänenartig aus seinem Mund schoss, schnappte er sich meine Hand und legte sich diese auf seine Stirn, um anzudeuten: Ich soll ihm doch bitte die Haare beim Kotzen aus dem Gesicht halten. Ja, da stand ich nun an einem heißen Sommerabend in einem Außenbezirk von Kyoto, umgeben von Schreinen in einer schon beinahe ländlichen Umgebung. Die Nacht war erfüllt vom Zirpen der Grillen und dem sanften Licht bunter Papierlampione. Und dem röhrenden Gereihere eines der bekanntesten Spieleentwickler der Welt.

Frogger mit echten Krokodilen

Markus Rehmann, Chefredakteur:

Wenn ich so zurückdenke, fallen mir auf Anhieb einige fantastische bis absurde Momente in meiner Karriere ein, etwa wie ich in meinen ersten Wochen als Redakteur zufällig und schon ziemlich angetrunken in ein Abendessen mit Lorne Lanning (Erfinder der Oddworld-Serie) geraten bin. Oder wie ich mal nicht trotz sondern WEGEN meiner Tattoos zu einem Meeting mit dem obersten Chef einer mittlerweile nicht mehr existenten Airline geschickt wurde. Und noch so manche Geschichten, die hier leider aus diversen Gründen nicht erwähnt werden können. Die Wahl des absurdesten Erlebnisses fällt mir trotzdem sehr leicht:

Das war schlicht und ergreifend meine Nepal-Reise mit Gronkh und Sarazar. In meinem letzten Job bei einem großen YouTube-Netzwerk hatte ich mir eine Werbekampagne für Far Cry 4 ausgedacht, für die wir zwei Wochen nach Nepal reisten, um dort Videos für Eriks und Valentins Reise-Channel “Die Superhomies” zu drehen.

Macht der mir grade Hasenohren?Macht der mir grade Hasenohren?

Was wir in diesen 14 Tagen alles erlebten, spottet jeder Beschreibung. Eine Reise, an deren erstem Tag du mit den größten YouTubern Deutschlands in einem Tempel sitzt und dabei zusiehst, wie Leichen feierlich verbrannt werden, während neben dir ein Dreadlock-Mönch die Asche eben jener Toten raucht, kann nur interessant werden! Und so war es dann auch: Von kopulierenden Affen auf dem Hotelbalkon, über Frühstück am Nebentisch der ranghöchsten Politiker Nepals, bis hin zum Helikopterflug auf den Mount Everest war das alles so absurd, wie es sich jetzt anhört.

Dabei werde ich einen ganz bestimmten Moment mit Sicherheit niemals vergessen: Es begab sich, dass wir spontan noch eine kleine Safari in den Dschungel buchten, weil wir vormittags beim Elefantenreiten nicht die Bilder in den Kasten bekamen, die wir uns erhofft hatten. Was uns vorher keiner verraten hat: Um in den Dschungel zu kommen, mussten wir vorher noch einen Fluß überqueren, in Einbaum-Kanus.

Und so fanden wir uns völlig unvermittelt in dem wackligsten Zahnstocher-Bötchen wieder, das ich jemals gesehen habe - MITTEN IN EINEM FLUSS VOLLER KROKODILE! Die Situation wurde nicht besser durch die Tatsachen, dass das Wasser bis eine Handbreit unter der Reling stand und unser Fremdenführer lediglich mit einem Stock bewaffnet war (und uns später übrigens noch erzählte, dass die Krokodile hier gerne mal einen der riesigen Büffel reißen, die wir bei der Flussdurchquerung beobachtet haben).

Aber seht es euch am besten selbst an, denn zum Glück hatten wir ja Kameras dabei und Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte. Nur soviel noch: Mein “Können wir umkehren, bitte?” war in dem Moment nicht als Witz gedacht.

(Quelle: YouTube, Superhomies)

Vermeintlicher Slapstick beim Business Dinner

Micky Auer, stellvertretender Chefredakteur:

Ein ehemaliger japanischer Kollege von mir ist ein Phänomen. Er hat es abgelehnt, mit Computern zu arbeiten. Dennoch nahm er eine recht hohe Position in der Firma ein und war dafür bekannt, die komplexesten Abläufe und Planungen komplett im Kopf und mit Stift und Papier auszuführen. Dazu noch ausgesprochen zügig und so gut wie fehlerfrei.

Vom Wesen her ist er ein eher ruhiger, sehr unauffälliger Mensch, der mit seiner sanften und entgegenkommenden Art komplett überspielte, dass er in der Firmenhierarchie sehr weit oben stand. Er hat sich mit kleinen Lichtern wie mir über alles Mögliche unterhalten, wusste die Meinung von Spieletestern zu schätzen und gab den Aussagen der kleinen Angestellten oft mehr Gewicht als den abgehobenen Prognosen irgendwelcher Marketing-Fritzen.

Kann vorkommen ...Kann vorkommen ...(Quelle: Imgur, bulenthasan)

Bei einem großen Abendessen mit knapp 30 Teilnehmern war auch ich geladen, ebenso wie besagter Kollege. Es war der Abend nach einem geglückten Hardware-Launch und alle Team- und Abteilungsleiter, die direkt beteiligt waren, wurden in ein Restaurant geladen, das ich mir weder leisten könnte, noch jemals freiwillig leisten würde. Dementsprechend war auch die Atmosphäre etwas steif, keiner wollte sich irgendwelche Aussetzer erlauben, die Gespräche am Tisch waren still und gemurmelt, kein Lachen war zu laut und zu ordinär.

Da macht es "PENG!!! gefolgt von "SCHEPPER!!!" Alles verstummt. Was ist geschehen? Besagter Kollege sitzt da und liegt mit dem Gesicht voran im Schnitzel. Die Beilagen hat der Aufprall links und rechts vom Teller verdrängt, die Sauce wirft Blasen, er atmet noch. Ich wollte gerade wahlweise aufspringen, um ihm zu helfen oder in Panik geraten - ich weiß es nicht mehr - jedenfalls hielt mich die Kollegin links von mir zurück.

Ein weiterer Kollege fasste den armen Mann an der Schulter, rüttelte sanft und nach ein paar Sekunden war er wieder voll da. Etwas verschlafen vielleicht, aber ansonsten unversehrt (abgesehen vom Essen im Gesicht). Er entschuldigte sich kurz, verschwand, kam nach einer Weile halbwegs gesäubert wieder und der Abend nahm seinen Lauf. Niemand erwähnte den Vorfall. Und ich??? Ich saß da, total verwirrt, inmitten einer Gruppe von leitenden Angestellten, die alle so taten, als wäre das eben absolut nicht passiert! Hallo? Paralleluniversum? Zeitloch? Was soll das?

Erst nach dem Abend habe ich erfahren, dass der Kollege an einem schweren Fall von Narkolepsie leidet. Betroffene sind ständig schläfrig, in schweren Fällen - so wie diesem - sind sie mitunter auch plötzlichen Schlaf-Attacken ausgesetzt. Ich war arg schockiert, das zu erfahren. Denn so gern ich irgendwie darüber lachen wollte, das blieb mir dann doch im Hals stecken.

Der Zaubertrick mit einem Musikinstrument

Daniel Kirschey, "Social Media"-Redakteur:

Es wäre so schön gewesen ...Es wäre so schön gewesen ...

Stellt euch vor, ihr betreut für eine bekannte deutsche Zeitschrift ein Gewinnspiel. Es soll ein beliebtes Musikinstrument mit den Unterschriften einer beliebten Punk-Band verlost werden. Also setzt man sich zusammen, überlegt sich mit einem großen Publisher eine Gewinnspielmechanik, bereitet Artikel und Posting vor, zieht nach Wochen einen Gewinner und dann ...

... passiert nichts weiter.

Das hat einen Grund. Klarerweise fragt man nach. Man hat den Teilnehmern am Gewinnspiel ja einen bestimmten Preis versprochen. Der soll auch entsprechend verschickt werden. Die Aktion fördert den Bekannheitsgrad, steigert die Interaktion und der Gewinner freut sich. Nach einigem Rumgedruckse seitens des Veranstalters und bohrenden Nachfragen meinerseits kam raus, dass die Gitarre schlicht und einfach verschlampt wurde.

Nicht verwechseln: Sie ging nicht auf dem Postweg verloren, sie wurde nicht beim Transport schwer beschädigt, sie wurde nicht an die falsche Adresse zugestellt. Nein, sie war einfach nicht mehr da. So eine Gitarre ist nun nicht gerade eine Blockflöte, die eventuell verschütt gehen könnte. Man kann sie auch nicht so einfach aus dem Haus schmuggeln. Vor allem dann nicht, wenn alles von Kameras überwacht wird.

Die sinnvollste Erklärung ist wohl die, dass sie in ein spontanes Wurmloch gesaugt wurde und nun die Bewohner eines fernen Planeten vor große Rätsel stellt. Der Gewinner erhielt übrigens sozusagen als Entschädigung eine Konsole seiner Wahl mit ein paar Spielen oben drauf, damit der Schmerz nicht so schwer wiegt. Zumindest eines war am Ende offensichtlich: Der Gewinner war glücklich - und darauf kommt es ja an.

Disneys größtes Problem mit mir und zu viel Körpernähe

Micky Auer, stellvertretender Chefredakteur:

Ich habe mal an der Lokalisierung eines Spiels von Disney Interactive gearbeitet, das über einen großen Publisher vertrieben wurde, bei dem ich angestellt war. Mit Disney-Spielen ist das immer so eine Sache. Man muss darauf achten, dass die Namen korrekt übersetzt werden, dass die Schreibweise richtig ist, dass alles mit Comics und Filmen gleichlautend ist. Verständlich, denn Disney hat teure Trademarks, die die Firma auch entsprechend schützt.

Links im Bild: Minnie Maus. Rechts: Angeblich ich.Links im Bild: Minnie Maus. Rechts: Angeblich ich.

So war jedes Disney-Projekt auch für das Legal Department immer eine dauerhafte Alarmstufe Rot. Jeder verwendete Begriff in einer Übersetzung wurde besser dreimal zu oft als einmal zu wenig überprüft. Auch in die andere Richtung. Denn wenn ein geschützter Begriff eines anderen Unternehmens in einem Disney-Produkt vorkommt, kann das gerade für einen großen Konzern schnell sehr teuer werden.

Es lief dann mehr oder minder alles glatt, als zum Ende hin noch eine dringende Anfrage von Disney kam, die da lautete: "Sagen Sie dem deutschen Übersetzer, dass er seinen Namen ändern muss. Das ist nämlich sonst ein Copyright-Verstoß."

WIE BITTE???

Ja, ich heiße Micky. So heißt auch eine gewisse Maus aus dem Hause Disney in der deutschen schreibweise (Original: Mickey). Dennoch werde ich den Teufel tun und meinen Namen ändern, und sei es nur für die Credits, nur weil bei Disney jemand ein spitzes Haar am Arsch hat. Vollkommen absurd! Doch Disney bestand darauf. Ich jedoch auch. Bevor es zu rechtlichen Schritte seitens des Mäusekonzerns gegen mich kam, war eine Delegation von stocksteifen Angestellten von Disney bei uns im Haus, um den weiteren Vertrieb und die Produktion von Verpackung und Manual zu besprechen. Mit denen wollten wir die Situation gleich klären.

Ich wurde zum Meeting hinzugeholt und fand dort drei mir unbekannte Leute vor, die alle so aussahen als hätte man ihnen die Gesichter durch Ziegelsteine ersetzt. Welche Sorte Vampir Humor und Lebensfreude aus einem raussaugt, ist mir nicht bekannt, aber er war definitiv bei den Dreien zu Besuch. Von Anfang an war klar: Sie würden nicht von ihrem Standpunkt abweichen.

Senran Kagura - Peach Beach Splash: Nur das Leben ist peinlicher.

Da ging die Tür auf, eine japanische Kollegin betritt den Raum, zeigt sich überrascht und entschuldigt sich, weil sie dachte, der Raum sei leer. Sie müsste nur schnell was holen, was sie vorhin vergessen hatte. Gesagt - getan. Sie schnappt sich ihren Kram, macht Anstalten zu gehen, blickt im Vorbeigehen auf die Oberweite einer Kollegen aus der Abteilung Artwork, fasst ihr herzhaft an die Brust und drückt zweimal kräftig zu und sagt: "Oh, you got big breasts."

Und geht.

Nach diesem Vorfall und knapp fünf Sekunden des lautesten Schweigens aller Zeiten, haben die Leute von Disney keine Fragen mehr gestellt.

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Tags: Fun  

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