Dieser eine Moment: Sehnsucht nach meinem Leben

(Kolumne)

von Micky Auer (02. Januar 2018)

Kennt ihr das? Ihr erhascht einen einzelnen Blick eines Mitmenschen und lest darin die Geschichte seines Lebens, wie es gerade verläuft. So ging es auch mir. Was ich dabei gesehen habe und was das mit GTA 5 zu tun hat, erfahrt ihr aus den folgenden Zeilen.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Die Ausgangssituation: Ich wohne in einer Fußgängerzone in der Frankfurter Innenstadt. Von meinem Fenster aus blicke ich direkt auf das gegenüberliegende Haus. Abends, wenn die Lichter an sind, kann ich auch direkt in fremde Wohnungen reinschauen, ob ich nun will oder nicht. Es lässt sich kaum vermeiden. Natürlich können das die Nachbarn auch bei mir. So haben wir über die Jahre hinweg eine gewisse wortlose Bekanntschaft und Vertrautheit aufgebaut, weil vermutlich jeder von uns schon einmal zu oft ohne nachzudenken nackt aus dem Badezimmer spaziert ist. Nun gut, wir sind ja erwachsen.

Hinter einem dieser Fenster sah ich früher abends und nachts, gerne auch mal bis in die frühen Morgenstunden, grelle Lichtblitze hinter den Gardinen aufleuchten. Klassischer Fall von "Da zockt jemand!". Seit knapp einem Jahr ist aber Schluss damit, obwohl ich weiß, dass die beiden Bewohner - ein junges Paar - nicht ausgezogen sind.

Ich glaube aber den Grund für das Ende der durchzockten Nächte zu kennen: Die beiden haben eine Familie gegründet und sind nun stolze Eltern eines Babys. Oft sehe ich vor allem den jungen Vater mit dem Kleinen auf der Straße, beim Einkaufen oder am Fenster. Ein Kind erfordert nun mal die volle Aufmerksamkeit seiner Eltern und ich kann es tatsächlich nur unterstützen, dass sich - hoffentlich beide - so sehr um ihren Nachwuchs kümmern und dabei ihre eigenen Interessen hinten anstellen.

Aber ... ist das auch in seiner Gänze gut so?

Erst vor ein paar Tagen kam es zu einem kurzen Vorfall, der mich arg zum Nachdenken angeregt und mein Mitleid entfacht hat. Ich saß abends vor meinem gigantischen Fernseher und habe mich gerade durch Resonance of Fate gegrindet (es ist schon ein paar Jahre alt, aber es stand schon zu lange bei mir im Schrank; Und siehe da: Ich finde es äußerst unterhaltsam!).

Auch wenn er keine Ahnung hat, was es ist: Der Anblick von Resonance of Fate löste in meinem Nachbarn Sehnsucht aus.

Während ich so vor mich hin zockte, fühlte ich mich beobachtet. Oder aber ich habe eine kleine Bewegung im Augenwinkel wahrgenommen. Ich wende mich nach links und schaue aus dem Fenster. Was sehe ich im Haus gegenüber? Da steht er, der junge Vater, zwar ohne sein Baby, aber gewandet in einem T-Shirt mit "GTA 5"-Motiv. Er blickt direkt in mein Wohnzimmer und sieht, dass ich ein Videospiel spiele. Sein Blick war herzzereißend.

Als ob man ihm etwas weggenommen hätte

Dieser eine Moment hat mich irgendwo dort getroffen, wo normale Menschen ein Herz haben. Er tat mir so leid! Sein Blick hat gesagt: "Ich will das auch. Nur einmal. Es fehlt mir so sehr. Wie ich dich doch um deine Freiheit beneide." Zu diesem Zeitpunkt war es kein zufälliger Blickkontakt mehr, wir haben uns offen angesehen. Er hob die Hand und hat mir unsicher zugewunken, ich hab ebenso unsicher gegrinst und ihm freundlich zugenickt. Danach haben wir beide so getan, als wäre das alles bedeutungslos gewesen und jeder ging wieder seinen eigenen Angelegenheiten nach.

Aber ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Wie gesagt, die beiden jungen Eltern sind in erster Linie das: Sehr jung. Was sie beruflich machen, ob sie noch Studenten sind - ich weiß es nicht. Doch entsteht der Eindruck, dass sich zumindest der männliche Teil dieser Beziehung nicht so ganz darüber im Klaren war, was es in Hinblick auf seine persönliche Freizeit bedeutet, eine Familie zu gründen.

Ich unterstelle ihm in keiner Weise, ein schlechter Vater zu sein. Das Gegenteil davon kann ich ja oft genug bezeugen. Aber er wirkt auch, nun ja, nicht unreif, aber auch noch nicht wirklich erwachsen. Ihm sind nach wie vor Dinge sehr wichtig, die nun mal nicht mehr im vollen Umfang möglich sind, sobald ein Kind in der Familie ist. Zu diesen Dingen gehören nun mal auch Videospiele. Klar, ich habe keine Ahnung, ob das Kind geplant war, ob es ein Glückskind ist oder wie auch immer die Hintergründe lauten mögen. Der Kerl ist auch stolz auf sein Baby und bereut alles zusammen unterm Strich sicher nicht.

Nintendo wusste es schon immer: Spiele sind für die Familie da! (Die Frisuren sind ein Verbrechen.)Nintendo wusste es schon immer: Spiele sind für die Familie da! (Die Frisuren sind ein Verbrechen.)

Dennoch bringt er gerade ein Opfer, mit dem er nicht gerechnet hat. Kinder sind teuer. Da bleibt nicht mehr so viel Kohle für Konsolen, Spiele und neue Peripherie. Spiele benötigen Zeit. Auch die ist Mangelware, wenn vor allem ein kleines Kind einen wichtigen Platz im Leben einnimmt. Krachende Explosionen und brüllende Drachen sind auch keine Option mehr, wenn ihr nicht wollt, dass für die nächsten paar Stunden die kleinste, aber leistungsfähigste Sirene der Welt aus dem Schlaf geschreckt wird. Doch welche Lehre lässt sich aus all dem ziehen?

Weiter mit: Einschränkung: Ja, Opfer: Nein

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Tags: Dieser eine Moment  

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