Passivzocken als Einstiegsdroge

(Kolumne)

von René Wiesenthal (03. Januar 2018)

Niemand muss Zocker sein. Aber wäre es nicht hin und wieder schön, wenn mehr nahestehende Menschen das Hobby mit euch teilen würden, anstatt es zu verurteilen? Das sollte kein Problem sein: Viele Spiele können schon beim bloßen Zusehen faszinieren und das Eis brechen.

Da sitzt ihr nun am Esstisch mit der Familie. Das Abendmahl ist verspeist, die Gesprächsthemen erschöpft – Zeit, sich die nächste Beschäftigung zu suchen. Die Eltern würden gern gemeinsam fernsehen, die Freundin oder der Freund eine Serie streamen, ihr eigentlich nur auf schnellstem Wege die Konsole oder den PC wieder einschalten. Aber ihr wisst, dass dieses Vorhaben nicht auf Gegenliebe stoßen wird. Was tun?

Verschwende deine Jugend

Sicher hat jeder Spieler Menschen in seinem engeren Freundes- oder Familienkreis, die auch nach Jahren des gemeinsamen Lebens kein Verständnis für das liebste Hobby aufbringen können. Videospielen sei ganz grundsätzlich ein tumber Zeitvertreib, sagen sie. Es stelle nur eine etwas bessere Alternative zur Langeweile dar. Wie oft musste ich schon hören, dass Spielen gar eine reine Zeitverschwendung sei? Dass solche Meinungen von wertgeschätzten Personen stammen, die selbst Bücherwürmer oder große Musik-, Serien- und Filmfans sind, ist ärgerlich und zeigt mir das mangelnde Verständnis vom Potenzial des Mediums.

Nun ist es nicht schlimm, dass nicht jeder Mensch in meinem Umfeld Videospiele mag und es liegt mir nichts daran, allesamt auf Biegen und Brechen davon zu überzeugen, wie toll sie sein können. Wenn es allerdings einen gemeinsamen Alltag gibt, kann es förderlich sein, zumindest ein besseres Verständnis fürs Gaming zu schaffen. Und es gibt Spiele, die sich genau dazu toll eignen und noch dazu aus einer ersten Berührung Begeisterung werden lassen können. Das Beste daran ist: Dazu müssen die Nicht-Zocker nicht einmal zwingend selbst Hand ans Pad oder die Tastatur anlegen. Besonders Spiele, die von einer guten Geschichte und einer spannenden Inszenierung leben, eignen sich perfekt, um den Horizont zu erweitern.

Der interaktive Filmeabend

Durch meine eigene Erfahrung aus medienpädagogischen Projekten weiß ich, wie schnell und stark sich Vorurteile in Neugier wandeln können, wenn man Nicht-Zocker abholt, anstatt sie herablassend zu belehren. Der Erstkontakt mit dem Medium sollte dabei freiwillig und ohne Druck stattfinden, was sehr gut funktioniert, wenn die Nicht-Spieler erst einmal zugucken können. Also ladet sie doch zum Videospielgucken ein!

Spiele wie Heavy Rain oder Beyond - Two Souls haben die filmreife Inszenierung soweit perfektioniert, dass der spielerische Anteil nur noch minimal ist. Dadurch funktionieren sie nicht nur übers Gameplay und der Zuschauer profitiert ebenso wie der Spieler selbst. Und die Nicht-Spieler lernen auch gleich die Komponenten kennen, die das filmische Spiel dennoch vom Film oder der Serie unterscheiden: Die erzählerische Freiheit, die Einflussnahme auf den Verlauf der Geschichte, die interaktive Dynamik zwischen den Anwesenden und das Erfolgserlebnis beim Bestehen von Prüfungen. Emotionale Kleinode wie What Remains of Edith Finch lassen wohl kaum einen Zuschauer kalt..

Gemeinsam Let’s Plays gucken

Es könnte natürlich sein, dass sich die Nicht-Zocker bevormundet oder in die Zuschauerrolle gedrängt fühlen, wenn ihr vorschlagt, euch beim Spielen zuzugucken. Dann versucht es doch zum Einstieg mit Let’s Plays! Vor allem lineare Horror-Games sind gute Kandidaten fürs gemeinsame Schauen. Wenn sich keiner der Beteiligten traut, das Spiel selbst zu spielen und ihr lieber ab und an zusammen unter der schützenden Kuscheldecke verschwindet, erlebt ihr das Spiel gemeinsam intensiv, ohne es kaufen oder selbst spielen zu müssen. Ich habe neben einem eigenen Playthrough mittlerweile zwei mal zugesehen, wie The Last of Us durchgespielt wurde und es war jedes Mal wieder faszinierend. Zu empfehlen sind auch die "The Walking Dead"-Spiele von Telltale Games oder der Popcorn-Horror Until Dawn.

Until Dawn bietet beste "Teenie Horror"-Unterhaltung

Das Zuschauen beim richtigen Spiel kann Nicht-Spielern die Augen öffnen. Sobald sie erkennen, welche erzählerischen und darstellerischen Gemeinsamkeiten mit anderen Medien bestehen und was darüber hinaus für videospielspezifische Möglichkeiten vorhanden sind, ist der Einstieg geschafft. Und irgendwann schaut der oder diejenige vielleicht sogar interessiert beim zeitintensiven Aufbessern des Charakters zu oder möchte es selbst einmal probieren.

Tags: Lets Play  

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