Spielen Sie Deutsch? Ein Streitgespräch über synchronisierte Videospiele

(Kolumne)

von René Wiesenthal (14. Januar 2018)

Kulturbanausen und O-Ton-Nazis: Diese zwei Lager (aus Sicht der jeweils anderen Partei) geraten sich regelmäßig in die Haare, dabei könnte das Thema nicht harmloser sein - geht es doch lediglich darum, in welcher Sprache wir Videospiele zocken.

Ort: spieletipps-Büro, Zeit: Montag, 10:00 Uhr - Die Redaktion findet sich zur täglichen Themenkonferenz ein und es hätte alles so schön harmonisch wie immer werden können. Doch dann passiert es: Im Laufe des Meetings gibt ausgerechnet Chefredakteur Markus zu, dass er gelegentlich nichts dagegen hat, seine Videospiele auch auf Deutsch zu konsumieren. Ein Skandal, der Praktikant René noch tagelang so heftig beschäftigt, dass er es wagt, Kritik am Big Boss persönlich zu üben. Aber lest selbst ...

Auch bei uns in der Redaktion sind wir nicht immer einer Meinung - schockierend, nicht wahr? Wir präsentieren euch in dieser Reihe zwei Perspektiven zu einem Thema. Zwei Redakteure streiten sich, damit ihr euch eure eigene Meinung bilden könnt.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienen Artikel.

Zocken auf Deutsch: Why not?

René Wiesenthal:

Markus, wir müssen reden. Ich denke gerade wieder an das Redaktionsmeeting vom Montag. Erinnerst du dich? Micky hat die Idee vorgetragen, einen Artikel zu deutschen Synchros in Videospielen zu verfassen. Mir lässt etwas keine Ruhe, das du in dem Zusammenhang gesagt hast. Und zwar meintest du, dass du in vielen Fällen beim Zocken lieber auf die deutsche Tonspur zurückgreifst. Seitdem schlafe ich sehr schlecht. Wieso um alles in der Welt sollte man das tun?

Markus Rehmann:

Lieber René, da geht es doch schon los: Was soll denn bitte dieses elitäre Gehabe? "Warum sollte man das tun?" - Am liebsten würde ich darauf direkt antworten: "Warum zur Hölle denn nicht!?! Deutsch ist unsere Muttersprache, die wir nun mal alle am besten verstehen." Aber um es etwas sachlicher anzugehen: Ich kann verstehen, dass man Spiele (wie auch Filme oder Serien) am liebsten im Originalton genießt. Schließlich können wir nur so sichergehen, dass wir Story und Dialoge exakt so serviert bekommen, wie sie von den Schöpfern ursprünglich gedacht waren.

Auch ich spiele übrigens in der Regel auf Englisch, mir ist es aber überhaupt nicht peinlich zuzugeben: Bei einigen Ausnahmen schalte ich auf Deutsch um, weil das Spielerlebnis für mich dadurch runder wird. Plakativstes Beispiel sind wohl Actionspiele, bei denen ein großer Teil der Story nicht in Zwischensequenzen, sondern während der Action über Dialoge mit NPCs, Funksprüche oder auch Audio-Logs vermittelt wird. Denn auch wenn ich meine Englischkenntnisse als durchaus sehr gut bezeichnen würde: Um alles mitzubekommen, muss ich mich in gewisser Weise darauf konzentrieren, während ich Deutsch auch unbewusst wahrnehme und verstehe.

Man könnte in solchen Fällen sogar behaupten: Indem ich die deutschen Dialoge wie nebenher wahrnehme, genieße ich das Spiel viel mehr so, wie es von den Entwicklern gedacht war, als du, der sich während des Spielens mehr darauf konzentrieren muss, was da jetzt gerade wieder verzapft wird. Kannst du mir folgen, oder soll ich es dir nochmal auf Englisch verklickern?

René:

In deinen Worten zeigt sich mir das eigentliche Problem: Wir verstehen Deutsch am besten? Ich erwarte ja von niemandem Mandarin, aber es geht gerade um englische Sprachausgaben. Und ich denke, dass davon ausgegangen werden kann, dass ein Mensch, der in der Medienbranche tätig ist, Englisch in der Schule unterrichtet bekommen hat und der häufig Anglizismen benutzt, ein umfassendes Verständnis der englischen Sprache mitbringt.

Wie du selbst behauptest, hast du dieses und verstehst auch, dass O-Töne die besseren Töne sind. Gerade in den von dir beschriebenen actionlastigen Sequenzen sind die doch umso wichtiger. Da kochen Emotionen über und die Hitze des Gefechts bestimmt an Stelle der Vernunft, wie gesprochen wird. Da ist Authentizität gefragt und es muss auch mal etwas unsauber klingen.

Machen wir uns nichts vor: Die meisten deutschen Synchros sind nicht wirklich gelungen, manchmal nicht einmal so synchron wie sie sein sollten. Wie kann ich also eine Action-Sequenz genießen, wenn die Sprecher mit hölzernen und teilnahmslosen Sätzchen die Stimmung kaputt machen und die Brisanz aus dem Geschehen nehmen? Wenn etwas undeutlich ist, kann ich meist einen Untertitel zuschalten und verrauschte Durchsagen aus dem Walky Talky sind auch auf Deutsch nicht immer vollkommen eingängig, wenn um mich herum die Bomben einschlagen. Deinen sarkastischen Seitenhieb habe ich jetzt mal überhört.

Stolz und Vorurteil

Markus:

Ach René, du willst es nicht verstehen, oder? (<- Doppeldeutigkeit beabsichtigt!) Anders kann ich mir nicht erklären, warum du so gar nicht auf meinen Punkt eingehst, dass es einen Unterschied gibt, zwischen "eine Sprache verstehen" und "eine Sprache völlig unterbewusst aufnehmen" und sich dieser auf das Spielerlebnis auswirkt - selbst bei den krassesten Fremdsprachengenies, behaupte ich jetzt einfach mal. Darum lass uns auf zwei andere Punkte zu sprechen kommen, die du anführst.

Nummero uno (<- extra für dich Fremdsprachenhengst!): schlechte Synchronisation. Ja, die gibt es, klar. Aber bei weitem nicht (mehr) so oft, wie du hier tust. In Deutschland werden ja seit jeher Filme synchronisiert, was dazu führt, dass es hierzulande erstklassige Synchronsprecher gibt, die auch für Spiele ausgiebig genutzt werden.

Kommt auf Deutsch wahnsinnig gut und gut wahnsinnig rüber: Vaas, der Oberfreak aus Far Cry 3Kommt auf Deutsch wahnsinnig gut und gut wahnsinnig rüber: Vaas, der Oberfreak aus Far Cry 3

Ich habe zumindest im AAA-Bereich schon lange keine wirklich miese Arbeit mehr gehört. Manchmal übertreffen die deutschen Synchronsprecher sogar das Original: So fand ich zum Beispiel die deutsche Stimme von Matt Damon als Vaas in Far Cry 3 wesentlich stimmungsvoller als den englischen Sprecher. Was du hier nämlich auch übersiehst, lieber René: Wir reden hier ja nicht von Filmen, wo die originalen Stimmen untrennbar mit der Schauspielleistung der Akteure verbunden ist. Bei Spielen sind auch die Sprecher im Original einfach nur das: Synchronsprecher! Ob deren Performance gut oder schlecht ist, hat hier also mal so gar nix mit der jeweiligen Sprache zu tun.

Punkt zwei: Untertitel. Hier will ich eigentlich gar nicht mehr viele Worte verlieren, außer: Du starrst also im Zweifelsfall lieber auf Untertitel (und verpasst so einen Großteil des auf dem Bildschirm Gebotenen) als dir mal die Blöße zu geben, auf deutsche Sprachausgabe umzuschalten? Nun ... Außerdem würde ich gerne mal sehen, wie du in einem hitzigen Gefecht auf Gegner zielst, während du am Lesen bist.

Weiter mit: Man muss ja nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen

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Tags: Streitgespraech  

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