Fast jeder hat so ein Spiel: Die Liebe auf den vierten Klick

(Kolumne)

von René Wiesenthal (17. Januar 2018)

Denkt mal nach: Steht bei euch ein Spiel im Schrank, das ihr immer wieder mal anfangt, doch dann kommt ihr nie zum Ende? Und doch wird irgendwann dieser Staubfänger zur großen Liebe. Uns erging es genau so.

Ihr kennt diese Geschichte sicher: Ihr seid im Elektronikmarkt. Es ist Mitte des Monats. Folglich habt ihr zu diesem Zeitpunkt noch ein wenig Geld auf dem Konto. Ungeachtet der laufenden Kosten, die auf euch zukommen, tragen euch die Füße wie ferngesteuert zum Spieleregal. Dabei wolltet ihr doch nur Batterien kaufen. Die nächsten Sekunden erlebt ihr wie in Trance und als ihr wieder klar denken könnt, reicht euch der Kassierer schon den Kassenbeleg.

"Nun nehmen Sie schon mein Geld, bevor ich zu mir komme!""Nun nehmen Sie schon mein Geld, bevor ich zu mir komme!"

Die Honeymoon-Phase

Ist das Geld nun schon bezahlt, kann der Kauf ebenso gut genossen werden. Also ab nach Hause auf die Couch, eine Liaison beginnen. Das Auspacken und Einlegen eines frisch erworbenen Spiels ist auch nach all der Zeit, die ihr schon dem Hobby frönt, noch so spannend wie am Anfang. Die Vorfreude erreicht ihren Höhepunkt.

"Das mit uns wird ganz besonders.""Das mit uns wird ganz besonders."

Der Schock danach

Die ersten Stunden vergehen. Ihr seid darum bemüht, das Spiel zu genießen. Okay, hier und da ruckelt es ein bisschen. Ja, die Ladezeiten sind etwas lang, aber die Geschichte macht das sicher wieder wett. Wenn sie dann endlich mal erzählt wird. Auch wenn das schwer vorstellbar ist, so langweilig wie die Figuren sind. Das muss doch ein Irrtum sein, dafür habt ihr Geld bezahlt?

Ihr versucht es so gut ihr nur könnt. Aber immer wieder fallen euch Dinge auf, die ihr als störend empfindet. Nach dem ersten Anzocken widmet ihr euch also erst einmal anderen Dingen. An manchen Tagen versucht ihr es erneut, doch gebt ihr nach mehreren Fehlschlägen wieder auf. Macht euch nichts vor, es passt einfach nicht. Also Schluss mit der Trauer um die bereits vertane Zeit und das Geld und ab damit ins Regal. Soll es doch wenigstens die Sammlung etwas aufblähen, dieses nutzlose Ding.

Manchmal kommen sie wieder

Ein paar Jahre ziehen ins Land, Releases kommen und gehen mit den Gezeiten, und in stillen Momenten überkommt euch Rastlosigkeit. Da war noch etwas. Es ist Hochsommer, womit die nächsten Spiele-Highlights in weiter Ferne liegen, da blickt es plötzlich traurig unter einer Staubschicht zu euch rüber. Dieses Spiel von damals. Wieso habt ihr das nie weitergespielt? Wenn es ohnehin nichts Besseres zu tun gibt, kann es ja nicht schaden, es noch einmal einzulegen. Und siehe da: gar nicht mal so schlecht.

"... Kennen wir uns?""... Kennen wir uns?"

Bis dass der Code uns scheidet

Mittlerweile seid ihr einiges gewohnt. Neue Helden haben alte abgelöst, neue Trends verdrängen bewährte Mechaniken. Da wirkt das angestaubte Spiel plötzlich so erfrischend und innovativ. Ohne große Erwartungshaltung könnt ihr endlich auch über anfängliche Macken hinwegsehen und das Spiel so weit erschließen, dass sich sein Charme zeigt. Und dieser verwandelt sich mit zunehmender Spieldauer in pure Faszination, so dass es vor dem Abspann keinen Halt mehr für euch gibt.

Späte Liebe, ewiges Glück

So oder so ähnlich ist es euch sicher auch schon einmal ergangen. In meinem Fall ist Shin Megami Tensei - Lucifer’s Call eines der Spiele, bei denen es sich derart zugetragen hat. Das JRPG ist ein echt harter Brocken. Wären der hohe Schwierigkeitsgrad und der sperrige Einstieg nicht schon hinderlich genug, neigt Lucifer’s Call dazu, in Kämpfen einzufrieren. Ich habe mich ein ums andere Mal überwunden, es wieder zu versuchen und wurde dann nach Stunden ohne Speicherpunkt von einem fiesen Gegner überwältigt.

Da hieß es für mich erst einmal „Goodbye“. Doch mir ließ es keine Ruhe, irgendetwas setzte sich im Unterbewusstsein fest und gab mir das Gefühl, das Spiel sei es wert, geduldig zu sein. Als sich der Frust nach einigen Jahren gelegt hatte, erinnerte ich mich hauptsächlich daran, wie besonders es doch war, spielte es durch und verliebte mich dabei.

"Ab jetzt lass' ich dich nie mehr los!""Ab jetzt lass' ich dich nie mehr los!"

Geschichten aus der Redaktion

Auch unsere Redakteurin Chiara machte diese Erfahrung. Sie legte Overwatch mehrfach zur Seite, bis es endlich gezündet hat. Die Begeisterung anderer Spieler konnte sie vor allem wegen der Optik nicht nachvollziehen:

„Ich fand die Grafik zu Beginn irgendwie zu kindisch und hatte eher wenig Motivation zu zocken, bevor es das Ranked-System gab. Seit der Einführung der Rankings habe ich wieder Spaß daran gefunden und zocke es regelmäßig.“

Kollege David erinnert sich an seine ersten Stunden mit World of Warcraft. Das hat ihm auf eigene Faust nicht wirklich viel Freude bereitet. Erst nach längerer Zeit hat er die Stärken des Spiels erkannt:

„Ich habe das Spiel im Verlauf eines halben Jahres mehrfach angefangen und immer nach maximal zwei Tagen wieder aufgehört, weil das einsame Umherirren in der damals noch weit weniger mit Stützrädern gespickten Welt recht dröge war. Irgendwann fing ich mit ein paar Freunden an zu spielen und trat einer Gilde bei. Das Gemeinschaftsgefühl hat für mich alles verändert.“

Und auch Kollege Micky erlebt gerade eben wie es ist, in Form von Resonance of Fate eine Liebe zu entdecken, die ursprünglich an Hass bordete:

„Jahre ist es her, da haben mir ehemalige Kollegen den Mund mit dem Spiel wässrig gemacht. Was ich dann gesehen habe, hat mich erschüttert: Karge Optik, viel zu komplizierte Spielmechaniken, extreme Schwierigkeitsspitzen, unglaublich schlecht geschrieben. Doch vor kurzem hat es mich doch noch gepackt und siehe da: Ich bin dem Steampunk-Charme voll und ganz erlegen. Das hat mich dazu veranlasst, mich genauer mit den Mechaniken auseinanderzusetzen. Jetzt spielt es sich hervorragend! Nur eines bleibt: Es ist immer noch ganz grauenvoll geschrieben. Eine perfekte Liebe gibt es wohl nicht.“

Manchmal lohnt sich also doch der zweite (oder dritte oder vierte) Blick auf ein verdammt geglaubtes Videospiel. Und genau jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um eure Regale nach diesem Spiel zu durchforsten, das euch schon so lange im Kopf umhergeht. Welches findet ihr? Oder habt eine ähnliche Geschichte zu erzählen? Teilt sie mit uns und schreibt sie in die Kommentare!

Tags: Fun   Retro  

Die Meinung eines Noobs

Dark Souls - Remastered: Die Meinung eines Noobs

Ein paar Stunden habe ich Dark Souls - Remastered jetzt "genossen". Was halte ich als kompletter "Dark Souls"-Noob von (...) mehr

Weitere Artikel

Finanzielle Probleme scheinen kein Ende zu nehmen

GameStop: Finanzielle Probleme scheinen kein Ende zu nehmen

Bereits im März 2017 kündigte Gamestop an, weltweit Filialen zu schließen. Wie nun deutlich wird, schei (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

zurück zur Kolumne-Übersicht

* gesponsorter Link