Diese Vermarktungsstrategien sind ein Schlag ins Gesicht

(Special)

von Micky Auer (19. Januar 2018)

Kostüme, besondere Waffen, ganz normale Patches ... Was früher als Selbstverständlichkeit im Gesamtpaket eines Spiels galt, wird heute Länge mal Breite verkauft. Wo ziehen wir endlich mal eine Grenze?

Dragon's Dogma - Dark Arisen: Wollt ihr die Erweiterung spielen, müsst ihr das Spiel neu kaufen.Dragon's Dogma - Dark Arisen: Wollt ihr die Erweiterung spielen, müsst ihr das Spiel neu kaufen.

Der ehemalige Capcom-Chefentwickler Keiji Inafune hat mehr als einmal ein paar harsche, aber ehrliche Worte über die japanische Spieleindustrie verloren. Zum Beispiel, dass die Geschäftskultur in Japan vollkommen veraltet sei und japanische Entwickler dem Rest der Welt fünf Jahre hinterherhinken. Zwar bezog er sich damit weitestgehend auf die innerbetrieblichen Verhältnisse in großen Firmen, jedoch erkennt man auch als zahlender Kunde auf der anderen Seite der Welt, dass da was nicht stimmen kann.

Bleiben wir kurz bei Capcom. Für den Klassiker Street Fighter 2 gab es im Laufe der Zeit sieben Mal Generalüberholungen, die in insgesamt 40 verschiedenen Versionen ausgeliefert wurden. Dabei handelt es sich jedoch immer um mehr oder weniger das selbe Spiel, nur mal mit einem Kniff hier, einem Upgrade da. Während zu Zeiten der 16-Bit-Konsolen ein Upgrade per Download noch nicht möglich war, mag hierdurch der Verkauf einer neuen Version zum vollen Preis noch irgendwo gerechtfertigt sein.

Doch als Marvel vs. Capcom 3 - Fate of Two Worlds im Frühjahr 2011 auf den Markt kam, hat wohl kaum jemand damit gerechnet, dass knapp ein halbes Jahr später mit Ultimate Marvel vs. Capcom 3 quasi das gleiche Spiel nochmal erscheint, jedoch mit Verbesserungen, die den Besitzern des Originals verwehrt blieben. In der Gesamtheit handelte es sich um Änderungen, die maximal einen kostenlosen Patch rechtfertigen würden. Capcom entschied sich jedoch dazu, die neue Version abgekoppelt vom Original neu zu vermarkten. Und das nach so kurzer Zeit.

Nochmal die Kurve gekriegt: Das Upgrade für Street Fighter 5 gibt es kostenlos.

Die Kritik an dieser Geschäftstaktik kam von Seiten der Konsumenten ebenso wie von der Fachpresse. Repräsentanten von Capcom zeigten sich jedoch verwirrt, denn in Japan, der Heimat des Publishers, ist das Gang und Gäbe. Ebenso wie gesperrte Inhalte auf dem Datenträger, die vom Spieler erst freigekauft werden müssen. Auch das sorgte in unseren Breiten schon für viel Ärger und Kritik.

Aktuell ist mit Street Fighter 5 - Arcade Edition erneut eine verbesserte Fassung auf den Markt gebracht worden. Doch siehe da: Wer das Original besitzt, erhält ein kostenloses Update per Download, wer sich das Spiel neu kauft, zahlt nicht den vollen Preis. Ob Capcom sich nun eines Besseren besonnen hat? Oder wollte der Publisher nur Schadensbegrenzung betreiben, weil die erste Fassung des Spiels weithin als "unfertig" kritisiert wurde? Es sei dahingestellt.

Das Urteil lautet: Schuldig im Sinne der Anklage

Jene unter euch, die zumindest noch die "PlayStation 2"-Ära erlebt haben, wissen, was bis zu diesem Zeitpunkt Standard in Videospielen war. Zum Beispiel Belohnungen, die ihr euch durch genaues Erforschen des Spiels oder das Meistern schwieriger Passagen verdient habt. Seien es neue Kostüme, Waffen oder einfach nur witzige Spielgegenstände, die eben nur das sind: witzig - sie waren stets im Spiel vorhanden und nur euer Geschick oder eure Ausdauer waren nötig, um an sie heranzukommen.

Die Zeiten sind vorbei.

Ein besonders fieser Vertreter: Der "Day 1"-DLC, hier aus Mass Effect 3.Ein besonders fieser Vertreter: Der "Day 1"-DLC, hier aus Mass Effect 3.

Neue Kostüme oder Accessoires sind "nur kosmetische Gegenstände", die euch im Spiel keinerlei Vorteile verschaffen. Deswegen braucht ihr sie auch gar nicht. Wenn ihr sie trotzdem wollt: Hier, sie stehen zum Download als kostenpflichtiger DLC bereit! Das gilt auch für die schicke Waffe, die nur Vorbesteller erhalten. Ooooh, ihr habt das verpasst? Macht nichts. Es gibt noch welche als Download. 4,99 Euro, bitte!

Jedes Fitzelchen an Spielspaß, das über das rohe Gerüst eines Videospiels hinausgeht, wird mit einem Preisschild versehen. Seit das Internet auch auf Konsolen virtuelle Ladentheken eingerichtet hat, klingeln die Kassen umso süßer. Erst vor kurzem hat mir ein PR-Mitarbeiter eines Publishers gesagt: "Natürlich wird es zu Spiel XY Mikrotransaktionen geben. Ohne geht das heutzutage gar nicht mehr. Das ist nun mal die Welt in der wir leben."

Nein, Hase, das ist die Welt, die uns Publisher wie der, für den du arbeitest, aufgezwungen haben. Und die Welt, die erst durch brav zahlendes Konsumentenvieh ihre Existenz gefestigt hat. Schuldig sind also nicht nur die Publisher, die solche Dinge anbieten, sondern im Grunde auch die Massen an Konsumenten, die von diesen Angeboten Gebrauch machen. Schuldig im Sinne der Anklage sind beide Parteien.

Train Simulator 2016 - Steam Edition: Kauft ihr alle DLCs, seid ihr über 3.000 US-Dollar ärmer.Train Simulator 2016 - Steam Edition: Kauft ihr alle DLCs, seid ihr über 3.000 US-Dollar ärmer.

(Quelle: Kotaku)

Es gibt aber auch Entwickler und Publisher, die bleiben bislang schuldfrei. Zum Beispiel CD Projekt Red, die zwei wirklich große Erweiterungen zu The Witcher 3 - Wild Hunt anbieten, die ihr Geld auch wirklich wert sind und die die Bezeichnung "Erweiterung" auch verdienen. Die 16 zusätzlichen DLCs für das Spiel gab es kostenlos. Und glaubt mal nicht, dass dem so gewesen wäre, würde das Spiel unter der Flagge von EA, Ubisoft oder Activision erscheinen! Alternative Outfits für Yennefer und Triss, ein Kartenpack, Frisuren und Bärte für Geralt oder neue Finisher hättet ihr dann nämlich schön bezahlen müssen.

Die übelsten Beispiele

Neue Kostüme für Zangief in Street Fighter 4? Klar, gibt es! Bloß nicht umsonst.Neue Kostüme für Zangief in Street Fighter 4? Klar, gibt es! Bloß nicht umsonst.

Dinge, die einfach falsch sind und für Spieler als Konsumenten die Frage aufwerfen: "Was soll der Scheiß?" Es gibt sie, solange sich dafür Abnehmer finden. Wenn ihr euch daran stört, gibt es nur eine Möglichkeit, das zu ändern: Kauft sie nicht! Denn nur, wenn etwas nicht mehr lukrativ ist, wird ein Publisher aufhören, genau das anzubieten. Hier einige Beispiele von DLCs, die ihr hoffentlich in dieser Form nicht mehr angeboten bekommt.

Der "Day 1"-DLC

Stellvertretend Angeklagter: Mass Effect 3, Electronic Arts

Der DLC rund um den letzten Protheaner in Mass Effect 3 enthielt nicht nur eine wichtige Figur, sondern auch einen integralen Teil der Geschichte. Der gesamte Part wurde absichtlich aus dem Spiel entfernt, um als DLC gleich am Verkaufstag zusätzlich zum Vollpreisspiel verkauft zu werden. Ausrede: Für Vorbesteller wäre das doch schon enthalten gewesen. Ein Schlag ins Gesicht der Fans.

Nutzlose Upgrades

Stellvertretend Angeklagter: The Elder Scrolls 4 - Oblivion, Bethesda

Die legendäre Pferderüstung. Muss dazu noch was gesagt werden? Ein vollkommen überteuertes Stück Skin für euren Gaul im Spiel, der überhaupt nichts bringt. Die Pferderüstung gilt heute noch als der Einstieg für regelrecht ruchlose Geldmacherei im Bereich der DLCs.

Riecht nach Pixel und kann nichts: Die Pferderüstung war zumindest ein guter Meme-Lieferant.Riecht nach Pixel und kann nichts: Die Pferderüstung war zumindest ein guter Meme-Lieferant.

Map Packs

Stellvertretend Angeklagter: Call of Duty, Activision

Mal sehen ... Vier Mehrspieler-Karten als DLC zu einem stattlichen Preis ist schon mal recht frech. Zwei davon nur als Updates von bereits vorhandenen Maps ... Haja, da schrauben wir den Preis gleich nochmal höher! Dieses Modell ist besonders fies, weil im Hauptspiel ohnehin nur eine überschaubare Anzahl an Maps vorhanden war. Was früher von zehn Maps aufwärts Standard in Spielen war, ist seitdem nur noch für zusätzliche Kohle zu haben.

Kostüme

Stellvertretend Angeklagter: Street Fighter 4 und seine beiden Upgrade-Versionen, Capcom

Ja, Capcom, schon wieder ihr. Jetzt mal ehrlich: Kostüme? Seit jeher gehört es in Beat 'em Ups zum guten Ton, dass neue Farb-Schemata und Outfits nach und nach freigespielt werden können. Das gehört mit zum Spaß.

Als Unterkategorie seien hier auch alle Publisher an den Pranger gestellt, die für teils horrende Summen Waffen-Skins zum Download anbieten. Waffen-Skins! Ernsthaft, jetzt?

Fortschritte

Stellvertretend Angeklagter: Tales of Vesperia, Bandai Namco

Klar, wer möchte nicht in einem Spiel vorankommen? Manchmal gestaltet sich das aber als schwierig, mitunter sogar als zu schwierig. Sofort ist ein Publisher zur Stelle, der dann Level-Aufstiege für Geld anbietet. Früher gab es dafür eine wesentlich elegantere Lösung: Man konnte den Schwierigkeitsgrad umstellen.

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