Dieser eine Moment: Die Startup-Melodie der Original-PlayStation (Kolumne)

von Micky Auer (Montag, 22.01.2018 - 15:35 Uhr)

Jeder Moment, in dem man eine neue Konsole zum ersten Mal einschaltet, ist ein besonderer Moment. Doch kaum einer dieser Augenblicke ist mit so vielen Emotionen verbunden wie die Startup-Melodie der Original-PlayStation, wenn nach dem Einschalten das Logo eingeblendet wird.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Am 29. September 1995 brach ein neues Zeitalter in der Welt der Spielekonsolen an. Zumindest hierzulande, denn dieser Tag markiert den offiziellen Verkaufsstart der PlayStation. Und nein: Sie heißt nicht PlayStation 1, PS One oder PSX (das ist nur ein Projektkürzel). Sie heißt: "PlayStation". Der Name, die Marke, der damit verbundene Aufbruch in ein neues Zeitalter gehört nur diesem flachen, grauen Plastikgehäuse mit dem integrierten CD-Spieler. Die PlayStation braucht keine Nummerierung oder eine Klassifizierung im Namen, die sie sich mit anderen Konsolen teilen muss.

Die beiden ersten Spiele, die ich für die neue Konsole hatte, waren Rayman und Battle Arena Toshinden. Das eine, weil ich endlich mal grenzenlose Farbenpracht in einem Spiel erleben wollte, das andere, weil ich mir einen Street Fighter in 3D erhoffte. Es geht hier aber gar nicht um die Spiele und die damit verknüpften Erinnerungen. Es geht um diesen einen Moment an einem Samstag Vormittag, als ich voller Vorfreude die Konsole ausgepackt, aufgebaut und angeschlossen habe. Mit vielem habe ich gerechnet, jedoch nicht mit dem Gänsehautschub, der mich gleich darauf von den Lautsprechern ausgehend überrollen würde.

Es werde Licht ... tief in mir drin

Startup-Melodien gab es schon vorher. Das knarzige "Seeeeeegaaaaaa!" kannte man schon zum Beispiel vom Mega Drive. Nintendo hingegen hielt sich zurück. NES und SNES starteten jeweils das eingelegte Spiel, lediglich der Game Boy machte mit dem aus zwei Tönen bestehenden Jingle auf sich aufmerksam. Hier leistete Sony Pionierarbeit und erschuf eine 14 Sekunden andauernde Intro-Ikone, die niemand mehr vergessen wird, der zu diesem Zeitpunkt eine PlayStation besaß.

Zum Setup: Ich hatte damals einen dicken Röhrenfernseher mit 70 cm Bilddiagonale, daran angeschlossen einen Verstärker und vier Lautsprecher - zwei vorne, zwei in den hinteren Ecken des Raumes. Nach getaner Aufbau-Arbeit habe ich mich mit dem nagelneuen Controller in Händen (er hatte noch nicht mal Joysticks) auf die Couch gesetzt und auf den Start-Knopf der Konsole gedrückt. Ein kurzes rosafarbenes Flackern auf dem schwarzen Bildschirm, danach ging es los:

(Quelle: YouTube, Qualended Paficic Faction)

Eine synthetische Hymne wie Donner aus dem Herzen einer CPU rollte über mich hinweg. Der Ton war tief, volltönend und erinnerte mich spontan an die von Neonlicht erhellten Straßenschluchten aus dem originalen Blade Runner. Nach sieben Sekunden hat sich das Logo von Sony Computer Entertainment auf einem weißen Bildschirm aufgebaut, bevor der Hintergrund schwarz wurde und ich zum ersten Mal das PlayStation-Logo zu Gesicht bekam. Gleichzeitig wurde das Grollen durch akustische Funken zerstreut, die in einem geheimnisvollen und verheißungsvollen Hall-Effekt endeten. Die letzten Töne waren in loser Harmonie aufeinander abgestimmt, wurden graduell leiser und fadeten dann schnell aus.

Ich habe keine Ahnung, ob danach Rayman oder Toshinden angefangen hat. Das war mir auch vollkommen egal. Denn ich bin mir sicher: Hätte ich mich selbst gesehen, hätte ich ausgesehen wie auf einem Stock-Foto, nach dem man mit den Schlagworten "surprised man playing video game" sucht. Weit aufgerissene Augen, offen stehender Mund, regungslose Hände, die immer noch den Controller festhalten inklusive. Mir war, als hätte in dem Teil meines Verstandes, der sich mit Videospielen beschäftigt, jemand das Licht eingeschaltet.

Was war da geschehen?

Ein neues Zeitalter war angebrochen

Die PlayStation ist heute legendär. Sie kam quasi aus dem Nichts und hat sowohl Nintendo als auch Sega gezeigt, dass die fetten Jahre vorüber waren und ein neuer Spieler auf dem Feld aufgetaucht ist. Die beiden erstgenannten Firmen teilten sich den Konsolenmarkt als Konkurrenten. Sony brachte neue Technik, ein neues Image und auch eine neue Marktposition mit. Die PlayStation war kein Spielzeug mehr, sie war ein Lifestyle-Produkt. Als erster ernstzunehmender Vorstoß im Bereich Multimedia wies sie den Weg in eine neue Zukunft, die nicht ständig um Super Mario und Sonic herum aufgebaut wurde.

Die Werbekampagne für Wipeout zeigte ebenfalls, dass ein neues Zeitalter angebrochen war.Die Werbekampagne für Wipeout zeigte ebenfalls, dass ein neues Zeitalter angebrochen war.

Spiele wie Wipeout brachten pfeilschnelle 3D-Grafik und einen Soundtrack von bekannten Künstlern ins Wohnzimmer, Ego-Shooter in allen möglichen Szenarien griffen ein Genre auf, das bis zu diesem Zeitpunkt eine reine PC-Domäne war. Spiele mit düsteren, brutalen und erwachsenen Inhalten drückten klar aus: Die Zeit der ausschließlich familienfreundlichen Unterhaltung ist vorüber. Hier gibt's was für coole, junge Leute, die immer vorne mit dabei sind.

Und all dies war meisterlich im Startup-Jingle der Konsole zusammengefasst. Die Melodie - oder besser: Die Abfolge von Tönen, Geräuschen und Effekten - orientiert sich an den Kino-Intros großer Filmvertriebe. 20th Century Fox, United Artists, Universal, Metro-Goldwyn-Mayer, Paramount und wie sie alle hießen: Sie haben vielleicht Pate gestanden für das unvergessliche Intro der PlayStation. Sie sind genau so unvergesslich und wer sie hört, hat sofort die entsprechenden Bilder im Kopf und erinnert sich an die guten Zeiten mit den Filmen.

Das ist auch Sony gelungen. Das Lebensgefühl der Generation PlayStation mag an Spielen wie Ridge Racer Revolution, Tekken, Resident Evil, Final Fantasy 7 und Wipeout festgemacht werden. Doch müsste man es auf 14 Sekunden Akustik reduzieren, wäre es unausweichlich der Moment, in dem ihr zum ersten Mal die PlayStation eingeschaltet habt.

Eines der definierenden Spiele für die Ära "PlayStation": Final Fantasy 7

Jetzt stellt sich natürlich eine Frage: 14 Sekunden Intro, das sich nicht abbrechen lässt - Hängt einem das nicht irgendwann mal zum Hals raus? Dazu habe ich viele Leute befragt, die damals mit dabei waren. Kein einziger hat eine negative Erinnerung an diese Zeit. Stattdessen hat jeder sofort einen verklärten Blick aufgesetzt und gleich gesagt: "Ooooooh ... Das muss ich gleich mal auf YouTube suchen!"

Keine Wiederholung möglich

Man möchte meinen, dass diese ersten 14 Sekunden, mit denen sich Sony unauslöschlich in das kollektive Gamer-Gedächtnis eingebrannt hat, über die Jahre bis zum heutigen Tag weitergeführt werden. Dem ist aber nicht so. Die PlayStation 2 hatte mit ihrem futuristischen und eher "cleanen" Intro ein ganz anderes Bild vermittelt. Wir standen damals an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend, die 90er sollten schon bald Geschichte sein. So auch die erste PlayStation. Der Markt entwickelte sich, so auch die Position der Hardware. Das Image durfte nicht stillstehen, es musste sich dem Zeitgeist anpassen.

Gran Turismo: Weltweit das erfolgreichste Spiel auf der PlayStation

So erhielt auch die PlayStation 3 ihr eigenes Intro, das kurz und bündig mit atonalen Streicherklängen daran erinnert, wie Musiker im Orchestergraben vor dem großen Auftritt ihre Instrumente stimmen. Der Gedanke ist elegant und passt auch zum optischen Design des PS3-Intros. Die PlayStation 4 hingegen verzichtet gänzlich auf eine Erkennungsmelodie. Wir sind in einer Zeit angekommen, in der es den Usern nicht schnell genug gehen kann. Konsole einschalten und loslegen - Das sorgt zwar nicht für unvergessliche Momente, aber für Komfort.

Dieser eine Moment, der uns allen so sehr in Erinnerung geblieben ist, kann kaum wiederholt werden. Er wird vielleicht nicht für immer, aber vermutlich noch für sehr lange Zeit einzigartig bleiben. Vielleicht ist es irgendwann mal wieder an der Zeit, in der eine Sony-Konsole einen Aufhänger braucht, der auch über die Ohren geht. Ob und wann das der Fall sein wird, kann unmöglich mit Sicherheit behauptet werden.

Es ist natürlich unbestritten, dass mit dieser Erinnerung auch sehr viel emotionsgeladene Nostalgie mitschwingt. Die Intro-Melodie der PlayStation steht auch für die Erinnerung an die ganz großen Spiele dieser Zeit. Was immer es war, das jemand zu diesem Zeitpunkt auf der Konsole gespielt hat, er musste sich auf jeden Fall das Intro anhören. So entsteht vielleicht auch ein gewisser Pawlowscher Reflex (benannt nach einem Wissenschaftler, der die Konditionierung eines Hundes in einem Experiment nachgewiesen hat). Soll heißen: Ihr hört das Intro, schon flammt euer Wunsch nach Spielen auf.

Es ist Sony gelungen, eine ganze Generation von Gamern zu konditionieren, den Wunsch nach fantastischen Welten in grober 3D-Optik zu wecken, den Spieler durch ein Tor aus Geräuschen in eine virtuelle Existenz zu entführen, und das alles in diesem einen Moment, der nur 14 Sekunden andauert.

Tags: Retro-Tag  

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