Test Monster Hunter - World: Größer, Schöner, Besser?

von Thomas Nickel (25. Januar 2018)

Schärft die Morphaxt, poliert die Lanze und streichelt euer Kinsekt: Capcom bläst dieses Mal exklusiv auf den großen Konsolen zur opulenten Monsterjagd!

In Japan ist Monster Hunter ein Gigant - eine Serie mit Verkaufszahlen auf einem Niveau, das sonst Serien wie Pokémon, Super Mario oder Dragon Quest vorbehalten ist. Und auch in Europa und den USA hat Monster Hunter tatsächlich eine gar nicht mehr so kleine und noch dazu enorm eingefleischte Fan-Gemeinde, ein Massenphänomen ist die Reihe aber noch nicht. Das könnte Capcom jetzt mit Monster Hunter - World ändern.

Auf in die neue Welt!

"Aufbruch" ist das Motto des zunächst für PS4 und Xbox One, voraussichtlich im Herbst dann auch für PC erscheinenden Monster Hunter - World. Mit einer großen Flotte segelt die fünfte Jagdkompanie, ein Truppe erfahrener Jäger, der ihr auch angehört, über den Ozean in eine neue Welt, wo andere Jäger bereits einen Brückenkopf errichtet haben. Ziel ist nicht unbedingt die Besiedelung, hier geht es um Entdeckergeist.

Alle zehn Jahre ziehen die gigantischen Drachenältesten in diese Welt, und die Jäger wollen herausfinden, warum dem so ist. Für Monster Hunter ist das überraschend viel Geschichte, wie auch Kollege Daniel in seiner Kolumne: "Monster Hunter World: Handlung - muss das sein?" durchaus anerkennend bemerkt. Und diese interessante, in gut vertontem Deutsch erzählte Geschichte ist auch ein Faktor, der Monster Hunter - World überraschend stark zum Vorteil gereicht: Eure Jagden sind nun in eine Handlung eingebettet, was direkt zu Beginn für eine Extraladung Motivation sorgt.

Aber keine Angst: Capcom schwenkt mit Monster Hunter nicht auf einmal auf narrative "Film/Spiel"-Kost Marke Uncharted 4 - A Thief's End um. Monster Hunter bleibt seinem scheinbar zeitlosen Spielprinzip treu. Ihr nehmt einen Auftrag an, stärkt euch an der örtlichen Katzen-Bar, zieht raus in die Wildnis und vermöbelt ein großes Tier mit Schuppen, Zähnen, Zacken und Klauen, optional auch mal mit Feueratem oder anderen Unannehmlichkeiten. Aus den erbeuteten Teilen lasst ihr beim Schmied neue Ausrüstung zusammenhämmern. Und dann merkt ihr, dass ihr ja auch noch nützliche Pflanzen anbauen könnt. Oder der Poogie gestreichelt werden will. Oder Versorgungsaufträge auf euch warten, die das hiesige Nahrungsangebot erweitern ... Und ehe ihr es euch verseht seid ihr komplett im spielerischen Ökosystem von Monster Hunter - World versunken.

Großschwert, Morphaxt, Insektengleve ...

Außerhalb des Lagers interagiert ihr in erster Linie mit 14 sehr unterschiedlichen, meist scharf geschliffenen Argumentiereisen mit der gefährlichen Fauna. Die Wahl der Waffe hat dabei großen Einfluss auf das Spielerlebnis, bieten die zahlreichen Klingen, Hämmer und Distanzwaffen doch hochgradig unterschiedliche Herangehensweisen. Jagdmesser oder Zwillingsklinge sind für Einsteiger eine gute Wahl, erinnern sie doch mit hoher Angriffsfrequenz noch an klassische Actionspiele.

Mit der richtigen Waffe und der passenden Ausrüstung fühlt ihr euch gleich viel wohler.Mit der richtigen Waffe und der passenden Ausrüstung fühlt ihr euch gleich viel wohler.

Wer dagegen zum Großschwert greift und glaubt, die Klinge wie Kratos und Co. einhändig herumwirbeln zu können, der schaut sich um: Ja, die Waffe ist durchschlagend, aber das Ausholen dauert eine gefühlte Ewigkeit und es gehört einiges an Können dazu, Treffer gezielt und effektiv zu platzieren. Und dann gibt es noch Lanzen, archaische Schusswaffen, die coole Morph-Axt und exotisches Handwerkszeug wie das Jagdhorn oder die Insektengleve, mit der ihr akrobatische Sprungmanöver ausführt und eurem Gegner einen dicken Käfer auf den Pelz hetzt.

Keine Frage, eure Ausrüstung ist ein großer Faktor, der das Jagdglück ebenso zu euren Gunsten wie zu euren Ungunsten beeinflussen kann. Wer in Lederrüstung mit der normalen Anfangswaffe dem großen Anjanath in den vorlerenen Wäldern seinen Namen in die Klauen ritzen will, der darf schnell die Beine in die Hand nehmen. Wer hingegen die Element-Eigenschaften von Rüstung, Waffe und Beute beachtet, der hat gegen andere XXL-Kreaturen gleich viel bessere Chancen. Aber die Ausrüstung ist nur ein Faktor von vielen; da Monster Hunter seit jeder auf Charakterstufen verzichtet, hängen Sieg oder Niederlage in erster Linie von eurem Können, eurer Aufmerksamkeit und dem korrekten "Lesen" eurer Widersacher ab.

Godzilla wird neidisch

Diese kommen in allen Größen, Formen und Farben daher und sind (neben euren katzenartigen Begleitern) die absoluten Stars des Spiels. Anjanath, Barroth, Kulu Yaku und Co. sind nicht einfach nur Beute und Feinde, sie sind Kreaturen, die sich in ihr Ökosystem einfügen, die nicht einfach nur stumpf warten bis ihr vorbeikommt, um euch dann einen Kampf zu liefern, sondern selbst umherstreifen, auf die Jagd gehen und sich sogar mit anderen Kreaturen heftige Revierkämpfe leisten. Die haben es dann in sich. Der Jyuratodus wickelt sich um den Barroth, der Rathalos hebt den riesigen Anjanath in die Lüfte und lässt ihn zu Boden krachen ... Wenn das passiert, dann haltet ihr lieber einen gewissen Sicherheitsabstand, um nicht zwischen die Fronten zu geraten.

Der Anjanath reißt das Maul auf - gut, dass euch sein Mundgeruch erspart bleibt.Der Anjanath reißt das Maul auf - gut, dass euch sein Mundgeruch erspart bleibt.

Allen Kreaturen gemein ist aber neben der famosen Darstellung die Natürlichkeit ihrer Bewegung und ihres Verhaltens. Monster haben keine Lebensleiste, stattdessen solltet ihr Bewegungen und Verhalten beobachten: Nimmt ein Gegner hunmpelnd Reißaus, dann könnt ihr davon ausgehen, dass der Sieg nahe ist. Aber wer sich vorschnell in Sicherheit wiegt, dem kann das teuer zu stehen kommen. All eure Gegner haben verheerende Aktionen und Manöver, die sie gerade in der letzten Phase des Kampfes zum Einsatz bringen - zum Glück werden auch solche Angriffe durch Animationen und Verhalten angekündigt - behaltet eure Beute als stets im Blick!

Für Solisten und Teamspieler

Einen schwierigen Spagat muss Monster Hunter - World bei der Frage nach der Spielerzahl hinlegen. Seit der ersten Episode auf PlayStation 2 ist die Jagd im Viererteam das zentrale Element von Monster Hunter, je nach Episode wurden Solisten mal besser und mal schlechter versorgt. Nun, Monster Hunter - World ist von allen Episoden wohl die, mit der Mehrspieler-Muffel den meisten Spaß haben werden. Die nett erzählte Geschichte motiviert und euer hilfreicher Begleiter, ein katzenartiger Palico, steht euch auf der Jagd zur Seite und sorgt mal für Heilung wenn nötig, oder er lenkt den Gegner ab während ihr schnell wieder eure Waffe schärft. Und natürlich sind die Kampfwerte eines Monsters für Solisten entsprechend skaliert, so dass ihr euch nicht die Finger wundprügeln müsst.

Gemeinsam wird der mächtige Barroth beharkt.Gemeinsam wird der mächtige Barroth beharkt.

Trotzdem muss man sagen: So richtig dreht Monster Hunter - World vor allem mit einer Gruppe gleichgesinnter auf. Ist man ein eingespieltes Team, dann flutscht die Jagd einfach nur so, Stunde um Stunde vergeht und Mission um Mission wir gemeistert - wenn nicht im ersten Anlauf, dann sicherlich im zweiten oder dritten. Da ihr jetzt ausschließlich online gemeinsam loszieht, geht das nun einfacher denn je. Aber trotzdem, der lokale Mehrspielermodus der Vorgänger war schon immer etwas Besonderes, und gerade in Japan wird diese Option sicher der eine oder andere Spieler vermissen. Trotzdem: Seid ihr erst einmal mit ein paar Gleichgesinnten auf der Jagd, dann ist das schnell vergessen - außer, ihr wollt dem unvorsichtigen Mitstreiter, der sich zum dritten Mal vom Rathalos hat beißen lassen, eine Kopfnuss verpassen - Das geht eben doch nur im lokalen Modus.

Monströse Technik

Durch den Sprung auf die aktuelle Konsolengeneration hat Monster Hunter - World den lokalen Mehrspielermodus zwar verloren, dafür hat das Spiel gerade im Vergleich zur letzten 3DS-Episode Monster Hunter Generations dramatisch mehr technische Möglichkeiten hinzugewonnen, die Capcom auch redlich nutzt. Zum Beispiel HD-Grafik, die je nach Einstellung die hohe Auflösung der PS4 Pro nutzt, mehr Details zeigt oder die Bildrate erhöht. Zwar erreicht das Spiel nie die stets geschätzen 60 Bilder pro Sekunde, aber unter den drei Einstellungen sollte jeder Spieler etwas Passendens finden, und auch auf einer normalen PS4 läuft Monster Hunter - World ziemlich ordentlich.

Die Darstellung der Monster ist technisch oft fantastisch.Die Darstellung der Monster ist technisch oft fantastisch.

Die wichtigste Nutzung der hinzugewonnenen Ressourcen sind aber die stark verminderten, teilweise sogar komplett entfernten Ladezeiten: Wo frühere Inkarnationen noch zwischen jedem Gebietswechsel Ladebildschirme einblendeten, da bewegt ihr euch nun frei in den umfangreichen Arealen, geladen wird nur zu Beginn des Spiels und vor einer Mission. Ein "Open World"-Spiel ist Monster Hunter - World jedoch nicht. Die Szenarien sind dennoch groß, detailliert und spannend gestaltet und fühlen sich dabei nie leer oder unnötig gestreckt an. Ein paar technische Altlasten der Serie trägt Monster Hunter - World aber trotzdem noch mit sich herum: Im Nahkampf kann es schonmal zu Clipping-Problemen kommen, und auch wenn ihr nach einem Sieg eure Beute ausnehmt verschwindet ihr mitunter komplett im Polygonkörper des gerade erlegten Schuppentiers.

Und dann ist da noch die Sache mit den Lootboxen. Kurz gesagt: Es gibt keine! Und das ist bei einem Spiel wie Monster Hunter, das doch tatsächlich von der Jagdbeute lebt, und das durch seine grundlegenden Mechaniken extrem an die Konsole fesselt, eine großartige Sache! Die Entwickler selbst haben erklärt, dass sie kein Interesse haben, die gelungene Balance des Spiels durch Mikrotransaktionen und kostenpflichtige Glücksspielelemente zu verderben und zu verwässern, stattdessen sollen in den kommenden Monaten viele neue Monster kostenlos nachgereicht werden - alleine dafür schon gebührt Capcom Applaus und Respekt.

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Tags: Fantasy   Multiplayer  

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