Abgestaubt: Wie würde sich Final Fantasy 9 heute schlagen?

(Special)

von Micky Auer (26. Januar 2018)

Als zum neunten Mal die "letzte Fantasie" erschien, überraschte und bezauberte das farbenfrohe und verspielt wirkende JRPG nicht nur die Fans der Reihe. Doch seitdem sind fast 17 Jahre vergangen. Ist das einst so schöne Rollenspiel in Würde gealtert?

Wenn wir in die Vergangenheit blicken, tragen wir oft die tiefrosa gefärbte Nostalgie-Brille. Viele der Spiele, an die wir uns erinnern, sind absolut grandios, unvergesslich und stellen einen Meilenstein für das Medium dar. Doch was geschieht, wenn wir diese Brille für einen Moment absetzen? Was kommt da zum Vorschein? In dieser Reihe betrachten wir die schönen Erinnerungen der Vergangenheit mit der nötigen Kritik.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Am 16. Februar 2001 erschen Final Fantasy 9 für die PlayStation in Europa und setzte die klassische und äußerst erfolgreiche JRPG-Reihe fort. Serientypisch nimmt das umfangreiche Abenteuer zahlreiche Anleihen bei Namen, Figuren und Konzepten, die bereits in Vorgängern vorhanden waren, kann jedoch problemlos ohne jegliche Vorkenntnisse alleinstehend gespielt werden. Die Hauptteile der Serie hängen nämlich nicht zusammen.

Nach dem großen Erfolg von Final Fantasy 7 wurde auch Final Fantasy 8 in einem Stil präsentiert, der sich in der Darstellung der Charaktere und Figuren etwas mehr Realitätsnähe und Sci-Fi-Elemente erlaubt. So war es überraschend, als der neunte Teil ein märchenhaftes, verspieltes und beinahe kindlich anmutendes Szenario bot. Jedoch nur auf den ersten Blick. Denn unter der bunten Oberfläche lauert eine Geschichte über Ethik, Machtmissbrauch und die Auslöschung allen Lebens.

Auch dieses Spiel wurde zu einem Erfolg. Damals zumindest. Vor fast zwei Jahrzehnten und drei Hardware-Generationen. Wie würden wir es wahrnehmen, wenn wir das Original heute in die Konsole legen und an der Seite des Diebes Zidane und der Prinzessin Garnet durch die Straßen von Alexandria streifen? Tatsächlich erfüllt uns der Gedanke ein wenig mit Sorge. Nämlich die Sorge darum, dass uns nicht mehr gefallen könnte, was wir da sehen. Wir wagen den Sprung in die Vergangenheit dennoch.

Grafik und Sound: Immer noch märchenhaft?

Mit satten vier CDs als Trägermedium und der von Publisher und Entwickler Square Enix gewohnten Grafikpracht im Hintergrund, präsentierte sich Final Fantasy 9 als absoluter Grafiktraum. Die Darstellung in Städten und Dungeons basiert auf vorgerenderten Hintergründen, die klassische Oberwelt wirkt etwas detailarm, ist dafür in 3D begehbar. Wichtige Knotenpunkte der Erzählung werden durch aufwändig inszenierte Render-Sequenzen dargestellt.

Die Figuren sind charmant und liebevoll inszeniert. Hier zu sehen ein Ausschnit aus einer Rendersequenz.Die Figuren sind charmant und liebevoll inszeniert. Hier zu sehen ein Ausschnit aus einer Rendersequenz.

So geht es auch los. Noch bevor auch nur ein Knopf auf dem Controller gedrückt wird, erfolgt eine Montage aus stimmungsvollen Render-Filmchen, unterlegt mit einem mittelalterlich anmutenden Arrangement aus Schalmeien, welches das im Spiel stets wiederkehrende musikalische Thema zum ersten Mal darbietet. Aus heutiger Sicht fällt natürlich sofort ins Auge, dass die Auflösung nicht mehr mithalten kann, ebenso wie das leicht ruckelnde Videoformat. Beides ist jedoch in keiner Weise so schlimm, dass man sich entsetzt davon abwenden würde. Hier zeigt sich, dass Design, Komposition und Präsentation so zeitlos inszeniert sind, dass alles in seiner Gesamtheit auch heute noch funktioniert.

So geht es dann auch im Spiel weiter. Im Vergleich zu den beiden anderen Serienteilen auf der PlayStation, sind die Figuren wesentlich expressiver dargestellt. Teil 7 verließ sich auf blanke und - bis auf die Augen - gesichtslose, äußerst grob umgesetzte Polygonfiguren für die Geschehnisse außerhalb der Kämpfe. In den Kämpfen zeigten sich die Figuren viel detaillierter, jedoch stotterten die Handlungen bei 16 Bildern pro Sekunde herum.

Letzteres ist auch in Final Fantasy 9 der Fall, jedoch ist das Gesamtbild während der Kampfhandlungen immer noch zu weiten Teilen eine Augenweide. Gegner und Kämpfer sind farbenprächtig, liebevoll animiert und erstaunlich detailliert. Hinzu kommt, dass die Entwickler die Polygongrafik in den Kämpfen mit fortschreitendem Spielverlauf immer aufwändiger und effektvoller gestalten. Aus einfachen Feuerzaubern werden gigantische Explosionen, knallende Blitze werden zu mächtigen, kosmischen Gewitterstürmen.

Alexander wird beschworen und schützt die Stadt vor Bahamut.Alexander wird beschworen und schützt die Stadt vor Bahamut.

Besonders imposant sind die Auftritte der Bestias inszeniert. Dabei handelt es sich um mächtige Wesen, die im Kampf herbeigerufen werden können. Diese Auftritte sind stets der Höhepunkt in den Kämpfen des FF-Universums, und FF9 gehört dabei zu den Teilen mit der schönsten Darstellung. Besonders auffällig ist dabei die Nutzung von Partikeleffekten, die in dieser Form und Frequenz auf der PlayStation selten zu sehen waren.

Der Soundtrack leistet ebenfalls einen großen Beitrag zur märchenhaften und oft geheimnisvoll und abenteuerlich wirkenden Atmosphäre. Nobuo Uematsu, der der bereits alle vorhergehenden Teile der Reihe mit Musik versorgt hat, unterstreicht durch seine Kompositionen das Gefühl, ein großes Abenteuer in einem Märchenkönigreich zu erleben. Dynamisch und treibend während der Kämpfe, leichtfüßig und unaufdringlich bei einem Spaziergang durch die Hauptstadt, verheißungsvoll und gefährlich auf der Oberwelt und in den Dungeons. Die Musik bewegt sich auf höchstem Niveau, so auch die satten Soundeffekte, die jeden Schwertstreich und jede magische Attacke mit dem nötigen "Bumms" unterlegen.

Unvergesslich: In den Abschnitten, in denen ihr Ritter Adelbert Steiner steuert, scheppert seine Rüstung bei jedem Schritt wie eine alte Konservendose.

Damals technisch kaum zu überbieten, doch heute?

Ein Punkt, in dem fast alle älteren Spiele mit damals üppiger Präsentation gegenüber dem heutigen Standard verlieren, ist natürlich die Technik. Es gibt wenige, löbliche und wirklich beeindruckende Ausnahmen. Jedoch ist die Technik als Zeichen der Zeit schwer aus der Vergangenheit heraus einzuhalten. Das betrifft auch Final Fantasy 9, jedoch nicht so schlimm, wie es im ersten Moment erscheinen mag.

Die Oberwelt wirkt aus heutiger Sicht etwas karg.Die Oberwelt wirkt aus heutiger Sicht etwas karg.

Die dramatischen Rendersequenzen verlassen sich auf den Stil, der sich durch das gesamte Spiel zieht. Das heißt, die charaktere haben einen gewissen Comic-Charakter und erheben keinerlei Anspruch auf Realismus. Das gilt auch für die Kulissen, in denen das Geschehen dargestellt wird. Die CG-Technik von damals kann sich natürlich auf keinen Fall mit der von heute messen, jedoch leidet FF9 nicht unter der Schwäche, die so viele CG-Szenen aus jener Zeit heimsucht: Die Zwischensequenzen in Final Fantasy 9 wirken nämlich nicht lächerlich.

Selbst die verspielt wirkenden Figuren sind so umgesetzt, dass sie in gefährlichen Situationen nicht "lustig" wirken, sondern wie denkende, fühlende Wesen, deren Emotionen in Gestik und Mimik deutlich ausgedrückt werden. Stürmische Meere, von Licht durchflutete Räume in einem prächtigen Palast, die Notlandung eines Luftschiffs in einem stets von Nebel verhangenen Wald ... all das wirkt vor allem im Zusammenspiel mit der Musik wie sorgfältig aufgebaute Szenen direkt aus einer teuren Hollywood-Produktion.

(Quelle: YouTube, Alexander Bittner)

Der Bombast, der hier zum Einsatz kommt, baut sich immer weiter auf. Spätestens, wenn die Bestia Alexander ihre Engelsschwingen ausbreitet, um die Stadt Alexandria vor dem Angriff von Bahamut zu schützen, bleibt auch Betrachtern aus heutiger Sicht der Mund offen stehen.

Die Render-Hintergründe in Dungeons und Städten entsprechen ebenfalls dem Märchencharakter des Spiels. Alles wirkt bunt, geheimnisvoll und liebevoll detailliert. Der Auflösung der PlayStation ist es geschuldet, dass die Pracht sich aus heutiger Sicht etwas zurückhält. Denn all die Details konnte die Hardware natürlich nicht so knackscharf darstellen, wie es ein 4K-verwöhnter Gamer heute gewohnt sein mag.

Vor allem die Bildwiederholrate in den Kämpfen und die etwas karg wirkende Oberwelt könnte Technik-Puristen sauer aufstoßen. Das alles hindert zwar nicht den Spielfluss, jedoch erwartet man in einer Zeit, in der viele Spieler es bemängeln, wenn ein Spiel unter 60 FPS läuft, natürlich einen ganz anderen Standard. Das sind die Punkte, die das Original-Spiel aus heutiger Sicht noch am ehesten unattraktiv erscheinen lassen. Dafür gibt es aber Abhilfe, wie ihr gleich erfahren werdet.

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Tags: Fantasy   Retro   Singleplayer   Abgestaubt  

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