Ob ihr es glaubt oder nicht: Videospiele machen immer noch Spaß

(Kolumne)

von René Wiesenthal (27. Januar 2018)

Lootboxen und fragwürdige DLC-Politik. Dazu die ständigen Kontroversen um Missbrauch und Diskriminierung. Was ist nur aus den geliebten Videospielen geworden? Zwischen all der berechtigten Kritik sollten wir eines nicht vergessen: Sie machen immer noch Spaß.

Wenn ihr durch unsere Seite stöbert, dauert es sicher nicht lange, bis ihr auf den ersten Artikel stoßt, der sich kritisch mit Entwicklungen innerhalb der Videospielbranche beschäftigt. Die Aufgabe von Journalisten ist es eben nicht nur, bunte Bildchen zu zeigen und darüber zu staunen, sondern auch eine Kontrollfunktion zu erfüllen. Das mag beim Thema Videospiele im ersten Moment etwas ulkig wirken, ist aber vor allem angesichts der politischen, wirtschaftlichen und allgemein gesellschaftlichen Dimensionen des Mediums immer wieder geboten. Gerade in jüngerer Vergangenheit haben viele Themen Aufmerksamkeit erregt, die die Gemüter erhitzt und für kontroverse Diskussionen gesorgt haben.

Es wird immer schlimmer!

Da gibt es die Aufregung um Lootboxen zum Beispiel, die Videospiele zum Online-Casino verkommen zu lassen drohen, oder Publisher, die meinen, uns Spiele häppchenweise zu unverschämten Preisen verkaufen zu müssen. Das stößt sauer auf und erhält mehr Raum, je weniger wir uns darüber beschweren. In Zeiten von Web 2.0 braucht es manchmal aber nicht einmal fragwürdige Geschäftsmodelle oder aufmerksame Journalisten, die sie aufzeigen, um Skandale zu generieren: Geschmäcker sind verschieden, der nächste ausufernde Shitstorm nur einen Steinwurf entfernt. Und eh ihr es euch verseht, zankt ihr euch in YouTube-Kommentaren zu einem Ankündigungs-Trailer darüber, wie hart das Teil von der Konkurrenz zerlegt werden wird.

Aber auch Themen, die von größerer gesellschaftlicher Relevanz sind, stehen immer wieder im Fadenkreuz von Journalismus und Spielergemeinden: Rassismusvorwürfe, veraltete Geschlechterrollenbilder von Gamern, Diskriminierung am Arbeitsplatz – das sind Dinge, auf die aufmerksam gemacht werden muss. Und zwar nicht erst, seit Videospiele keine kauzige Ausnahmebeschäftigung mehr darstellen, aber im Besonderen deswegen.

So ist es nur logisch und wichtig, dass Spieler und Redakteure diese Themen ansprechen. Videospiele müssen sich an gesellschaftlichen Maßstäben messen lassen und somit in deren Wandel inbegriffen sein, da sich die aufgezählten Probleme sonst ungestraft in weite Teile der Bevölkerung schleichen und versuchen, sich dort einzunisten.

Ihr sucht doch nach dem Haar in der Suppe

Aber ist das denn alles, was vom Konzept "Videospiele" übrig bleibt? War früher alles besser, gibt es heute nur noch Zank und Aufreger? Lest ihr manche Kommentare auf unserer Facebook-Seite könnte euch der Verdacht überkommen, Journalisten und eine Vielzahl von Spielern würden nichts Gutes mehr an Spielen finden. Und längst nicht alle Leser sind dankbar über Kritik am Gaming. Uns wird oft vorgeworfen, wir würden nach jedem noch so kleinen Strohhalm greifen, um uns beschweren zu können.

Der einzige, der ständig sauer ist, ist Kratos. Obwohl er im nächsten God of War auch ruhiger zu sein scheint.

Lasst euch nicht täuschen: Auch früher rümpften Menschen die Nasen über manch aufkommenden Trend und auch Diskriminierung ist nicht erst heute ein Problem. Nur bietet das Internet ein immer größer werdendes öffentliches Netzwerk für Spieler und Journalisten, das in wahnwitziger Geschwindigkeit die vielfältigsten Informationen und Meinungsspektren zu Tage fördert. Das macht Kritiker aber nicht zu Profi-Schlechtredern, die sich die Hände reiben, wenn sie irgendwo eine Kontroverse wittern - ihr bekommt es nur häufiger und schneller mit, wenn etwas passiert. Kritiker sind immer noch Spieler und ich denke, dass ich nicht der einzige bin, der Videospiele nach wie vor mag.

Spaß und Kritik - beides muss drin sein

Und Videospiele bieten heute wie gestern mehr als nur Streitpotenzial – Spaß nämlich, unter anderem. Warum sonst haben wir nach all dem Gemecker das scheinbar sinkende Boot noch nicht verlassen? Weil wir das Hobby nicht nur noch in der Retrospektive genießen können, sondern jedes Jahr aufs Neue tolle Spiele kredenzt bekommen. Nach jeder Couleur wird auch heutzutage Erstklassiges geboten: Fesselnde RPGs für westliche und fernöstliche Geschmacksnerven wie The Witcher 3 – Wild Hunt oder Dragon Quest 11, spannende Action-Adventures wie Uncharted – The Lost Legacy und Assassin’s Creed – Origins, die sowohl Gelegenheits-, als auch Vielspieler überzeugen, atmosphärische Kleinode wie Firewatch und What Remains of Edith Finch sind geachtete Spiele.

Super Mario Odyssey: Mario weiß, wie Spaß funktioniert!Super Mario Odyssey: Mario weiß, wie Spaß funktioniert!

Der vor einigen Jahren durch neuartige Vertriebsplattformen wie Steam vom Aufschwung ergriffene Indie-Markt beschert uns ohnehin immer wieder einfallsreiche Konzepte und nostalgische Leckerbissen. Orwell und Papers, Please zeigen sich innovativ, Owlboy und Steamworld Dig reichern Bewährtes mit Modernem an. Selbst einige alte Hasen, die schon vor Jahrzehnten Maßstäbe setzten, spielen heute noch in der obersten Liga: Super Mario, der kleine dickliche Klempner (oder Ex-Klempner) aus der „guten alten Zeit der Videospiele“, ist in seiner zigsten Reinkarnation in Super Mario Odyssey so spaßig wie schon beim ersten Pixel - die Switch, auf der das Spiel läuft, ist ein Symbol für modernen Spielspaß. Das freut uns und darüber berichten wir auch.

Am Ende alles gut?

Scheinbar ist also nicht alles verloren. Es gibt noch immer Entwickler, die es schaffen, uns trotz wachsamer Augen mit dem zu beglücken, wofür wir uns die Mühe machen, zu kritisieren: Tolle Videospiele. Trotz der berechtigten Kritik gegenüber Spieletrends und Branchenvorkommnissen möchte ich also daran erinnern, dass es bei Videospielen eigentlich um den Spaß geht und dies Spielejournalisten und kritischen Spielern durchaus bewusst sein dürfte.

Diskriminierung und Missbrauch müssen wir weiterhin mit scharfem Blick im Auge behalten und anprangern, genauso wie wirtschaftliche Machenschaften, die zum Leidwesen der Spieler geworden sind. Und natürlich bleiben auch Trends nicht unerwähnt, die sich einfach nur negativ aufs Spielerlebnis auswirken. Spaß können wir an Videospielen trotzdem noch haben. Niemand sollte dem Irrglauben verfallen, dass Spielejournalisten und Gamer nur olle Meckerlieschen sind. Wenn es keine Probleme gäbe, würde zumindest ich sehr gern aufs Meckern verzichten.

Tags: Indie   Politik   Retro   Steam  

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