Test Shadow of the Colossus: Alles richtig gemacht

von Micky Auer (30. Januar 2018)

Wenn man einen geliebten Klassiker in einer komplett neu aufgebauten Fassung veröffentlicht, ist damit ein großes Risiko verbunden. Im Falle von Shadow of the Colossus war Sony bereit, dieses Risiko einzugehen.

Das Original: Vor fast genau zwölf Jahren erschien auf der PlayStation 2 mit Shadow of the Colossus ein auf den ersten Blick gar nicht mal so Aufsehen erregendes Spiel. Äußerst zurückhaltende Farben im Bereich grau und blassgrün eröffneten das Abenteuer. Im Intro ist ein wenig detailliert dargestellter junger Mann zu sehen, der auf einem klobig animierten Pferd durch eine karge Landschaft reitet.

Keine Explosionen, kein Laser-Gewitter, keine Drachen, keine Funken sprühenden Magier ... Was will dieses Spiel denn überhaupt sein? Spätestens an der Stelle im Vorspann, wenn eine gigantische Brücke ins Blickfeld gerät, die auf ein großes Bauwerk zuführt, war der Moment erreicht, an dem den meisten Spielern das Herz geschmolzen ist. Ohne Vorwarnung vermittelt das Spiel eine majestätische Größe, die im Zusammenspiel mit der hervorragenden Musik Gänsehaut hervorruft, Emotionen weckt und - einfach so - unvergesslich wird.

Das Spiel erzählt die Geschichte des jungen Wander, der auszog, um ein Mädchen, das bei einer Opferzeremonie ihr Leben ließ, wieder vom Tode zurückzuholen. Dazu begibt er sich zu einem Tempel, von dem man sagt, dass er die Macht hat, Tote ins Diesseits zurückzuholen. Damit ist jedoch eine schwierige Aufgabe verbunden: Der Bittsteller muss 16 gigantische Kolosse zerstören, beseelte Wesen aus Fels und Stein, die durch die einsamen Lande streifen.

Wanda stellt sich dieser Aufgabe. Nur mit einem Schwert bewaffnet, das ihm per Lichtstrahl den Weg zum jeweils nächsten Koloss weist, bezwingt er die gigantischen Wesen. Dies gestaltet sich als Kletterpartie zu bestimmten Punkten am Körper der Kolosse, die Wander nach und nach zerstören muss, um den Sieg zu erringen.

Die Neuauflage: All das, nur in einer glorreichen optischen und technischen Darbietung, die mehr denn je zuvor den Unterschied zwischen PlayStation 2 und PlayStation 4 verdeutlicht. Shadow of the Colossus ist im Jahr 2018 angekommen, darf sich trotz seiner zwölf Jahre als modernes Spiel bezeichnen und hat nichts, absolut nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: Den Entwicklern von Bluepoint Games ist es gelungen, die Legende noch weiter auszubauen. Getestet wurde das Spiel sowohl auf PS4 als auch auf PS4 Pro mit Unterstützung eines entsprechenden HDR-Bildschirms.

Es gibt nicht genug Worte für ein Spiel fast ohne Worte

Shadow of the Colossus ist ein Werk, das man mit drei knappen Sätzen zusammenfassen, oder in Form einer ausladenden Doktorarbeit besprechen könnte. Die Geschichte benötigt nur wenige, einleitende Worte. So klar die Aufgabe definiert ist, so linear sie abläuft, so viele Geheimnisse, Mysterien und emotionale Momente vermittelt sie in den monumental aufgebauten Szenen und Bildern.

Inhaltlich und was die Spielmechanik betrifft gibt es keine Nennenswerten Unterschiede zum Original. Die neuen Elemente sind vordergründig optischer und technischer Natur. Ihr dürft nicht vergessen, dass es bereits eine Neuauflage von Shadow of the Colossus gibt. Die 2011 erschienene Variante für PlayStation 3 ist aber tatsächlich nur mehr oder weniger das Original in verbesserter Auflösung.

Hierbei handelt es sich um ein von Grund auf für die PlayStation 4 entwickeltes Spiel, das dem Original nachempfunden wurde. Die optischen Unterschiede sind offensichtlich. Besitzer einer PlayStation 4 Pro genießen noch weitere Vorteile. Es gibt im Spiel zwei Darstellungsoptionen, die sich langsam zum Standard etablieren. Sie lauten:

  • Cinematic: Dieser Modus unterstützt eine verbesserte Bildqualität. Vor allem auf 4K HDR-Monitoren läuft das Geschehen mit stabilen 30 Bildern pro Sekunde ab, während ihr alle Vorzüge einer HDR-Darstellung genießen könnt. Die Auflösung basiert auf einer Ausgabe von 1440p, die auf 1080p skaliert wird. Das Resultat ist eine flächige und stimmungsvolle Grafik, die den Design-Stil des Spiels stark unterstützt.

  • Performance: Mit einigen Einbußen, vor allem in Bezug auf dynamische Schatten und diverse Grafik-Details, sorgt dieser Modus dafür, dass das Spiel mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde läuft.

Grafisch hebt diese Version das Abenteuer auf ein neues und zeitgemäßes Niveau. Die karge Landschaft ist von so vielen Details erfüllt, die ihr gleichzeitig mehr Leben einhauchen, jedoch niemals die Stimmung durch zu viel Grafik-Tand und schmückendes Beiwerk verwässern. Vor allem die Momente, in denen nach dem Sieg über einen Koloss eine Art Portal im Himmel geöffnet wird, sind von einer geheimnisvollen Schönheit, die den Betrachter mit offenenm Mund vor dem Bildschirm verharren lassen.

Technik und Kunst vereint

Die neu erkenntlichen Details in der Umgebung mögen beeindruckend sein, sie werden jedoch locker durch die neu gestalteten Kolosse in den Schatten gestellt. "Neu gestaltet" soll in diesem Fall heißen: Sie sehen immer noch aus, wie man sie aus dem Original kennt, jedoch sind auch sie mit so vielen sinnvollen Details angereichert, dass ihr sie teils auf eine gänzlich neue Weise wahrnehmt.

"God Ray"-Effekt im Wald: Die neue Grafik ist der Atmosphäre äußerst zuträglich."God Ray"-Effekt im Wald: Die neue Grafik ist der Atmosphäre äußerst zuträglich.

ACHTUNG! KLEINER, ANGEDEUTETER SPOILER IM NÄCHSTEN ABSATZ:

Wer das Original kennt, weiß, was ihn mit den Kolossen erwartet. So zum Beispiel Koloss Nummer zehn, der Wander unterirdisch verfolgt und aus dem Sand hervorbricht. Der Fokus sei für dieses Beispiel auf die Augen des Kolosses gerichtet: Sie wirken unglaublich lebendig, beinahe menschlich. Das führt in der Auflösung der Geschichte natürlich zu noch mehr moralischen Zwickmühlen, denen ihr euch als Spieler stellen werdet.

SPOILER: ENDE

Ein guter Regisseur setzt Spezialeffekte in einem Film ein, um die Geschichte zu unterstreichen, nicht jedoch aus reiner Effekthascherei. Genau so könnten die grafischen Verbesserungen in dieser Version von Shadow of the Colossus betrachtet werden. Während sie spielerisch nichts Neues hinzufügen, verstärken sie jedoch die Eindrücke, die das Spiel vermittelt. Und seien wir uns ehrlich: Shadow of the Colossus lebt in erster Linie von seinen monumentalen Eindrücken.

Das zottelige Fell auf den Körpern vieler Kolosse wirkt um so vieles echter und greifbarer als in der originalen Fassung, das gleiche gilt auch für den prächtigen Bart eines bestimmten Kolosses. Ein Kampf über einer Wasserfläche wird durch Welleneffekte unterstrichen, die dem Geschehen so viel mehr Kraft und Naturgewalt verleihen.

In der Gesamtheit ziehen die Verbesserungen euch noch mehr ins Geschehen hinein. Wenn Wander sich nur noch mit einer Hand an einem Fellbüschel festhält, während er in luftigen Höhen beinahe von einem turmhohen Koloss geschleudert wird, ist es nicht er, dem der Atem stockt, dann seid ihr es. Ein weiterer starker Punkt, den Shadow of the Colossus damals wie heute beherrscht: Das Spiel braucht keine VR-Technik, um euch mitten ins Geschehen hineinzuziehen.

Jeder Kampf gegen die Kolosse ist absolut monumental.Jeder Kampf gegen die Kolosse ist absolut monumental.

Einen kleinen Kritikpunkt gibt es dennoch an der neuen Darstellung: Wander sieht auf eine Art und Weise seltsam aus, die sich schwer in Worte fassen lässt. Seine Gesichtszüge wirken weicher, unfertiger, unreifer. Es ist fast so, als wäre die Polygonfigur aus dem Original durch ein jüngeres Modell ausgetauscht worden (genau genommen ist das ja auch geschehen). Während die wenigen anderen Personen in der Geschichte durch die neue Darstellung durchaus gewonnen haben, steht Wander dem etwas hinten nach. Jedoch ist das im Endeffekt Ansichtssache und schon mal gar kein Problem für alle jene, die das Original nicht kennen. Spieler der ersten Fassung werden aber vermutlich einen ähnlichen Effekt bemerken.

Ein runder Rest

Es gibt noch eine Reihe kleinerer Neuerungen, die für sich allein keinen großen Unterschied machen, jedoch in der Summe für eine verbesserte Spielerfahrung sorgen. Allen voran die Neubelegung der Steuerelemente. Eine Verbesserung, da sich die originale Steuerung an japanischen Gewohnheiten in Bezug auf bestimmte Symbole orientierte (Kreis und X, allen voran; ein roter Kreis bedeutet in Japan Zustimmung, das sorgt hin und wieder für Verwirrung und nicht intuitiv gestaltete Steuerungs-Designs).

Dank der verbesserten Darstellung erstrahlen verborgene Stätten wie diese in neuem Glanz.Dank der verbesserten Darstellung erstrahlen verborgene Stätten wie diese in neuem Glanz.

Eine Schnellwahl, die auf das Steuerkreuz gelegt ist, ermöglicht jetzt einen schnelleren Wechsel von Bogen zu Schwert und umgekehrt. Auch eine kleine Design-Überholung der Ausdauerleiste macht es nun klarer, wie sich eine Verstärkung auswirkt. Hinzu kommt, dass sie weniger Platz am Bildschirm einnimmt, was einem Spiel, das so sehr auf seiner Bildersprache fußt, durchaus zugute kommt.

Eine Statistik gibt Aufschluss über diverse Aktivitäten im Spiel, wie zum Beispiel: Welche Strecke habt ihr zurückgelegt? Wie schnell habt ihr einzelne Kolosse bezwungen und ähnliches. Kein integral wichtiger Bestandteil des Spiels, aber auf jeden Fall nicht verkehrt und besser, es ist vorhanden als es wäre nicht vorhanden. Speziell Spieler, die sich gerne im Detail an Statistiken messen, werden dies begrüßen.

Nach einmaligem Beenden des Spiels könnt ihr auf Wunsch eine spiegelverkehrte Version des Abenteuers bestreiten. Damit ist die Liste der tatsächlichen Neuerungen auch schon wieder zu Ende. Manche mögen bemängeln, dass zu wenige wirkliche Innovationen in der Neuauflage vorhanden sind. Doch bedenkt dies: Die Arbeiten wurden mit dem Vorsatz begonnen, dem Original so treu wie möglich zu bleiben. Trotz der relativ kurzen Spieldauer von durchschnittlich zehn Stunden, braucht Shadow of the Colossus keine zusätzlichen Inhalte. Es wäre so, als würde man der Mona Lisa noch einen Hut aufsetzen wollen. Sprich: Unnötig.

Meinung von Micky Auer

Videospiele sind Kunst. Das war mir schon klar, bevor ich das Original von Shadow of the Colossus auf der PlayStation 2 gespielt habe. Währenddessen und danach wurde es mir nur noch bewusster. Mit etwas Angst, dass die Entwickler es verbockt haben könnten, habe ich mich an den Test der Neufassung gewagt. Doch es hat nicht lange gedauert, da war die Angst komplett zerstreut.

Shadow of the Colossus für die PlayStation 4 basiert auf einem zeitlosen Meisterwerk und erschafft ... ein hoffentlich ebenso zeitloses Meisterwerk. "Zeitlos" verwende ich dahingehend mit Vorsicht, denn ob es das wirklich ist, kann erst in der Zukunft beurteilt werden.

Jedoch ist alles vorhanden, was ein Meisterwerk auszeichnet. Die Verbesserungen sind allesamt sinnvoll und dem Gesamtbild zuträglich. Niemals werden Grafikeffekte oder Kamerafahrten aus reinem Selbstzweck eingesetzt. Es ist alles an dem Platz, wo es sein sollte. Die Damen und Herren von Bluepoint Games dürfen sich anerkennend auf die Schulter klopfen: Sie haben hervorragende Arbeit geleistet.

Wie ich schon erwähnte: Man kann Shadow of the Colossus mit drei knappen Sätzen oder in Form einer Doktorarbeit besprechen. Beides werde ich an dieser Stelle nicht tun, jedoch die klare Empfehlung aussprechen, dieses Spiel auszuprobieren. Es gehört zu dieser seltenen Spezies von Videospiel, die sich an kein Genre halten und Fans in allen Spektren der virtuellen Unterhaltung vorweisen können. Shadow of the Colossus mag nicht für jeden das richtige Spiel sein, jedoch erreicht es eine recht bunte Schar an Spielern, die sich unter dieser Flagge in keine Schublade stecken lassen.

Und wieder einmal beweist mir dieses Spiel, dass Videospiele Kunst sind. Es geht sogar noch weiter: Ein alter Meister in einem Museum kann nicht mehr verbessert werden. Ein Bild, das vor hunderten von Jahren entstand und als Meisterwerk gilt, wird in dieser Form stets unverändert bleiben. Ein Videospiel hingegen, das bei seinem Erscheinen als Meisterwerk gilt, hat tatsächlich die Chance, in der Zukunft noch verbessert zu werden. Shadow of the Colossus ist das beste Beispiel dafür.

91 Spieletipps-Award

meint: Ein Meisterwerk basierend auf einem Meisterwerk. Die Neufassung macht fast alles richtig und übertrifft sogar das Original von der PS2.

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Tags: Fantasy   Remake   Singleplayer  

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