Dieser eine Moment: Meine Mutter ist ein kaltblütiger Killer

(Kolumne)

von Micky Auer (03. Februar 2018)

Manchmal sind es nicht die selbst erlebten Momente in einem Spiel, die euch auf ewig im Gedächtnis bleiben. Stellt euch einfach mal vor, eure Mutter verdient sich eine Platin-Trophäe, die euch selbst verwehrt bleibt. Undenkbar, findet ihr? Ja, das dachte ich auch mal ...

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

In ein paar Wochen feiert meine Mutter ihren 71. Geburtstag. Seit über zehn Jahren kämpft sie gegen eine schwere Augenerkrankung (Chorioretinopathie, Typ Birdshot), die mehrere Operationen und mitunter recht aggressive Behandlungen erforderte. Die Erkrankung gänzlich zu bekämpfen ist aktuell medizinisch nicht möglich, jedoch konnte ihr Fortschreiten gestoppt und erlittener Schaden teilweise zurückgebildet werden.

Mit der Erkrankung geht ein schleichender Verlust des Augenlichts vonstatten. Zuerst wurde ihr Blickfeld eingedämmt, dann wurde die Sicht unscharf, zuletzt verlor sie die Fähigkeit, blasse Farben zu erkennen. Es muss nicht extra betont werden, dass die gesamte Familie sehr betroffen von dieser Nachricht war. Jedoch gehört meine Mutter auch absolut nicht zu der Sorte von Leuten, die sich winselnd in einer Ecke zusammenrollen und sich ihrem Schicksal ergeben.

Sie hat sich nicht durch die Diagnose abschrecken lassen, sondern ist von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik gepilgert und hat sich teils experimentellen Medikationen ausgesetzt. Als sie vor ein paar Jahren im März in Richtung eines Waldrandes blickte und meinte: "Oh, sieh mal! Da drüben blühen schon die Leberblümchen," wurde uns allen mit großer Erleichterung klar, dass die Behandlung anschlägt: Sie konnte auf mittlere Entfernung kleine Blumen in einer blassen, schwer erkennbaren Farbe sehen. Heute liest sie an guten Tagen die Zeitung, ohne eine Brille aufzusetzen.

"Spielen Sie Videospiele!" - Hat der Onkel Doktor so verordnet!"Spielen Sie Videospiele!" - Hat der Onkel Doktor so verordnet!

Auf ihrem Genesungsweg wurde ihr von einem Arzt auch geraten, sie solle doch mal versuchen, sich mit Videospielen zu befassen. Es gäbe zwar seines Wissens keine wissenschaftlich belegte Studie darüber, ob der Genuss von Videospielen in diesem Fall einen medizinischen Nutzen trägt, jedoch meinte er, es würde auf jeden Fall die Hand-Auge-Koordination fördern.

Das hat meiner Mutter nicht gefallen, da sie Videospiele in etwa so interessant fand wie ein gebrauchtes Papierhandtuch in der Toilette einer Autobahnraststätte. Jedoch wollte sie keine Möglichkeit auslassen und hat sich an ihren ältesten Sohn gewendet, weil "der sich mit so Zeug auskennt". Ich schnürte ein Spielepaket und machte mich auf den Weg zu ihr.

PlayStation 3 ist interessanter als Nintendo Wii

Ich riet ursprünglich zum Kauf einer Nintendo Wii, da die Art der Steuerung speziell für Leute geeignet ist, die keine Erfahrung mit Videospielen haben. Auch wären inhaltlich Spiele wie Wii Sports sicher eine kurzweilige Erfahrung, die auch in kleinen Dosen genossen werden konnte. So zogen wir gemeinsam aus, um den nächsten Elektromarkt zu inspizieren. Mein Plan war, sie sollte dort einfach mal die Wii an einem Display probieren, wie sie damit klarkommt und ob ihr das gefällt. Nach einiger Zeit im Markt fiel ihr Blick auf etwas anderes.

"Ist das eine PlayStation? Die habe ich aber anders in Erinnerung." - Bei diesem Satz zeigte meine Mutter auf einen Stapel PS3-Kartons. Es hat mich etwas verwundert, dass sie mit dem Begriff überhaupt etwas anfangen konnte und (und das noch viel mehr) dass sie sich an die PlayStation überhaupt erinnern konnte. Eine hatte ich, jedoch wohnte ich schon lange nicht mehr zu Hause. Eine meiner Schwestern und mein Bruder hingegen haben sich gemeinsam eine zugelegt und geteilt. Doch das war Jahre her.

Ich erklärte ihr, dass es sich um die PS3 handelte. Etwas, was ich skeptisches Interesse nennen würde, huschte kurz über ihre Gesichtszüge, als sie - den Blick immer noch auf die PS3 haltend - die Hand aus der Halteschlaufe der Wii-Fernbedienung zog. Nachfolgend sollte ich ihr alles über die PlayStation 3 erklären, was ich wusste. Nun, wie oft wird man das schon von seiner Mutter gefragt? Ich war nicht mehr zu bremsen. Am Ende meines Monologes meinte sie: "Gut, dann kaufe ich die." Trotz meines Abratens, dass sie damit überfordert sein würde, ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Ihr Begründung: "Seit Jahren höre ich von euch [Kindern] immer nur: PlayStation dies, PlayStation das. Irgendwas muss der Kasten doch taugen. Ich will das jetzt mal probieren."

So kam es, dass eine PlayStation 3 in den Haushalt meiner Eltern einzog.

Dieser eine Moment ist schon bemerkenswert genug, jedoch sollte es noch "schlimmer" kommen. Was als Versuch begann, meine Mutter bei ihrem Genesungsprozess zu unterstützen, endete damit, dass ich ein Monster schuf. Ein Monster, das keinen Bock auf kunterbunten Kinderkram und weichgespülte Märchenwelten hat, sondern ein Monster, das lieber Gegnern zwischen die Augen schießt.

Ein Talent für Ego-Perspektive

Gut, dass ich neben den angedachten Wii-Spielen noch ein paar für PS3 im Gepäck hatte, weil ich die Zeit des Besuches bei meinen Eltern natürlich auch mit Besuchen bei alten Freunden und damit verbundenen Spiele-Sessions nutzen wollte. Die Auswahl war jedoch so gar nicht Mama-konform.

Erste Schritte in Fallout 3: Das Ergebnis war überraschend.Erste Schritte in Fallout 3: Das Ergebnis war überraschend.

Im Gepäck hatte ich Resistance 2, Killzone 2, Fallout 3 und diverse Beat 'em Ups. Aber vor dem ersten Versuch mussten wir erstmal die grundlegenden Funktionen durchgehen, den Anschluss einer Konsole, wie man sie richtig ein- und ausschaltet, das PSN-Profil erstellen und so weiter. Ich habe versucht, das so schnell wie möglich zu erledigen, denn ich merkte, dass sich Langeweile breit machte.

Dann ging es um den Controller. Wie hält man das Ding am besten? Wozu dienen die Knöpfe und Tasten? Wie erkennt man, dass die Peripherie geladen werden muss und noch so viele andere Kleinigkeiten, die unsereins vollkommen selbstverständlich erscheinen, aber für jemanden, der noch nie ein Spiel gespielt hat, totales Neuland sind. Ich habe schon gemerkt, dass meine Mutter ein paar mal versucht war, alles hinzuschmeißen. Aber sie wusste, dass ihr das vielleicht helfen würde. So biss sie die Zähne zusammen und hielt tapfer durch.

Die Beat 'em Ups hab ich gleich links liegen lassen. Zu schnell, zu viel Controller-Akrobatik, zu viel reaktionsbasierendes Gameplay. Das hätte nicht funktioniert und hätte sie nur frustriert. Also erstmal Fallout 3, da der erste Abschnitt eher ruhig abläuft und sie mal mit der Steuerung experimentieren kann. Dabei sind mir ein paar erstaunliche Dinge aufgefallen:

Meine Mutter hat ein natürliches Talent für Videospiele. Sie hat sofort verstanden, wie man sich in einer 3D-Umgebung bewegt, wie man die Kamera unabhängig vom Charakter steuert und ... dass sie die Y-Achse lieber invertiert. Ganz klar: Superrund lief das natürlich nicht ab. Oft blieb sie an Objekten hängen, manchmal hat sie die Kurve nicht gekriegt, jedoch hat sie sich zum Beispiel kein einziges Mal auf der Couch selbst in die Richtung gelehnt, in der sie die Figur steuert. Das hat mich beeindruckt.

Die ersten Gehversuche in Fallout 3 waren ein voller Erfolg, doch die vergleichsweise komplexe RPG-Mechanik war ihr dann zu langweilig. Na gut, versuchen wir mal einen Ego-Shooter. Ich glaubte bloß nicht, dass das funktionieren würde.

Oh, wie sehr ich mich doch getäuscht habe ...

Weiter mit: Ein kackn00b beißt sich durch

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Tags: Dieser eine Moment  

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