Vorschau Ni no Kuni 2: Ein neuer Standard für JRPGs?

von Micky Auer (08. Februar 2018)

Bandai Namco ruft die Presse zum großen Anspieltermin von Ni no Kuni 2 - Das Schicksal eines Königreichs nach Großbritannien. Die dabei gewonnenen Eindrücke haben uns teilweise selbst überrascht.

"Jetzt mal ehrlich: Ni no Kuni - Der Fluch der Weißen Königin ist doch auch aus heutiger Sicht noch hübsch anzusehen. Was will man denn bei diesem ganz speziellen Grafikstil auf einer neuen Konsole noch großartig verbessern? Da geht doch maximal nur noch eine bessere Auflösung."

Zu dieser Aussage habe ich mich gegenüber Kollegen vor der Anspiel-Session von Ni no Kuni 2 - Das Schicksal eines Königreichs hinreißen lassen. Bevor Missverständnisse entstehen: Das war durchaus positiv gemeint! Denn das erste Ni no Kuni zeigt mit jedem Pixel die Handschrift des schon beinahe legendären Studio Ghibli, eine Filmschmiede, die mit Werken wie "Chihiros Reise ins Zauberland" oder "Mein Nachbar Totoro" wunderschöne und zauberhafte Filme geschaffen hat, die Menschen wirklich aller Altersklassen begeistern.

Was also sollte daran jetzt noch großartig verbessert werden? Nun, kurze Zeit später, als ich selbst an der PlayStation 4 saß und spielen durfte, wurde mir sehr schnell klar, was die Künstler von Studio Ghibli sowie die Entwickler von Level 5 tun, um sich ihre andauernde Achtung zu verdienen. Ni no Kuni 2 legt in so gut wie jeder Hinsicht eine Schippe im Vergleich zum Vorgänger drauf und vermittelt mit jedem Bild, jeder Einstellung, jeder Szene genau den Zauber, mit dem sich die kreativen Köpfe hinter dem Spiel schon seit langem einen guten Namen gemacht haben.

Bilder und Klänge wie aus einem Märchen

Ni no Kuni 2 ist von einer Farbepracht, die sich in wundervoll ausgewogener Art und Weise präsentiert. Zum Anspielen durften wir eine Stadt betreten, in der so gut wie alles auf Glück basiert. Die Höhe der Steuern, die Entscheidung über Schuld oder Unschuld, Kleinigkeiten des täglichen Lebens ... alles basiert auf Glück, das oft mithilfe von Würfeln auf die Probe gestellt wird.

Licht und Schatten vereinen sich wunderschön in der Stadt des Glücks.Licht und Schatten vereinen sich wunderschön in der Stadt des Glücks.

Wer hier verliert, der steckt ganz schnell bis zum Hals in Schulden. Konsequenterweise holt ihn dann der Pleitegeier. Und das war nicht sinnbildlich gemeint: Schuldner im Spiel holt wirklich der Pleitegeier! Wer sich verschuldet, der muss ab diesem Zeitpunkt damit leben, dass ihn ein schräger, schwarzer Vogel auf Schritt und Tritt begleitet, der ununterbrochen mit lauter Stimme verkündet, dass hier eine Schuld noch nicht abbezahlt wurde. Erst wenn die Schuld getilgt ist, herrscht wieder Ruhe.

Das alles wird in kräftigen Farben mit hohen Kontrastwerten dargestellt. So wirkt jede Szene bunt, ohne aufdringlich zu sein, knallig, ohne die Ästhetik zu verlieren. Darin eingebunden sind Anime-Figuren, die aus einem typischen Ghibli-Film entsprungen sein könnten. Auf den ersten Blick mögen sie beinahe generisch wirken, jedoch zeigt sich schnell, dass sie alle liebenswert und unvergesslich sind.

Das gilt nicht nur für wichtige Charaktere im Spiel, sondern auch für die zahlreichen NPCs, die keinen größeren Zweck erfüllen. Die Animationen vermitteln Zeichentrick-Charakter, laufen aber mit 60 Bildern pro Sekunde und wirken auf diese Weise flüssiger und plakativer als so manch handgezeichneter Film. Die "Cell Shading"-Grafik bewegt sich auf einem so hohen Niveau, dass die Optik sowohl als flacher 2D-Eindruck als auch als lebendige 3D-Welt funktioniert. Hut ab vor den Designern, Ni no Kuni 2 darf sich auf jeden Fall schon mal als wunderschön gestaltetes Spiel bezeichnen.

Wie es sich für ein klassisches JRPG gehört, gibt es auch eine Oberwelt, die Dungeons und Städte miteinander verbindet. Anders als in älteren Produktionen ist das jedoch keine vergleichsweise karg dargestellte Verbindung zwischen Story-Punkten, sondern eine bunte und hübsch anzusehende Welt, die es sich lohnt zu erforschen. Die Figuren werden dabei zu "Chibis", also kleine Charaktere mit großen Köpfen, die zwar ein wenig leblos wirken, jedoch mindestens so knuddelig aussehen wie ihre "Ganzkörper-Versionen" in Städten, Zwischensequenzen und Kämpfen.

Untermalt wird das Geschehen stimmungsvoll durch die Klänge aus der Feder des Komponisten Joe Hisaishi, der von Verspieltheit bis Dramatik jeder Szene eine ganz eigene Seele verleiht. Jede einzelne Melodie, der wir im Zuge des Anspieltermins lauschen durften, passte hervorragend zum Geschehen und vermittelte den Eindruck, direkt aus einem Film zu stammen.

Effektgewitter und spaßige Action im Kampf

Wenn ihr den Vorgänger kennt und ihr den zweiten Teil spielen wollt, erwarten euch im Kampf ein paar positive Überraschungen. Anstatt Monster in die Schlacht zu schicken, die ihr zuvor gefangen und trainiert habt, greifen die Hauptfiguren diesmal direkter ins Geschehen ein. Ihr steuert einen Anführer, zwei weitere Mitglieder eures Teams agieren eigenständig im Kampf.

Das wird wehtun! Die Kämpfe sind äußerst effektvoll inszeniert.Das wird wehtun! Die Kämpfe sind äußerst effektvoll inszeniert.

Gegner bevölkern Oberwelt und Dungeons. In beiden Fällen sind sie sichtbar und ihr könnt gezielt einen Streit mit ihnen vom Zaun brechen, oder aber ihnen aus dem Weg gehen. Dabei fällt angenehm auf, dass die Monster nicht mehr ganz so aggressiv auf die Nähe eurer Truppe reagieren. Das macht die Navigation leichter und das Prinzip, dass ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr kämpfen wollt oder nicht, erst richtig sinnvoll.

Dennoch: Irgendwann kommt ihr zu einem Boss. Und wenn ihr vorher nicht wenigstens ein Mindestmaß an Kämpfen ausgefochten habt, werdet ihr zu schwach sein, um die Stelle zu passieren. So funktioniert ein Rollenspiel nun mal. Es gibt auch keinen guten Grund, sich nicht in die zahlreichen Kämpfe zu stürzen. Denn sie machen Spaß und stellen definitiv einen der stärkesten Punkte von Ni no Kuni 2 dar.

Wenn ihr die Spiele der "Tales of"-Reihe kennt, wisst ihr in etwa, was euch erwartet. Anfangs noch verhaltene Attacken und übersichtliches Geschehen weichen mit steigenden Charakterstufen so richtig aufwändig animierten Spezialattacken, bis alles auf dem Bildschirm bebt, brennt, zu Eis erstarrt oder von Dunkelheit umhüllt wird.

Neu ist der fliegende Wechsel von drei Nahkampfwaffen pro Charakter. Mit jedem erzielten Treffer steigt die Waffe in ihrer Effektivität. Sind 100 Prozent erreicht, könnt ihr eine Spezialattacke eurer Wahl in verstärkter Form anwenden. Danach wird der Zähler zurückgesetzt, aber durch das "Drei Waffen"-System könnt ihr auch immer aufgeladene Waffen in Reserve behalten. Auch Fernwaffen kommen zum Einsatz, jedoch in vereinfachter Form. Ihr wählt zwischen schnellen Einzelschüssen und aufgeladenen starken Angriffen. Wann ihr was einsetzt, bleibt euch überlassen und ihr solltet die Angriffe der jeweiligen Situation anpassen.

Neben Standards wie Ausweichen und Blocken gibt es eine weitere Neuerung: Die Waldgeister. Dabei handelt es sich um kleine, mystische Kreaturen, die stark an die Waldgeister aus dem Film "Prinzessin Mononoke" erinnern. Sie bilden mitten in den Kämpfen kleine Gruppen, die jeweils einem bestimmten Element zugeordnet sind. Wenn ihr euch ihnen nähert, könnt ihr ihre Hilfe anfordern. Das äußert sich dann zum Beispiel in Heilzaubern, verbessertem Schutz oder Kanonenfeuer. Kein Witz: Kanonenfeuer. Die kleinen Kerlchen stellen eine dicke Kanone auf und feuern damit auf die Gegner.

Diese niedlichen Kerlchen unterstützen euch im Kampf.Diese niedlichen Kerlchen unterstützen euch im Kampf.

Drückt ihr (auf PS4) die R2-Schultertaste, habt ihr Zugriff auf vier Spezialattacken, die besonders viel Schaden verursachen. Diese Fähigkeiten könnt ihr natürlich mit fortschreitender Erfahrung austauschen und eurem Kampfstil anpassen. Spammen bringt euch hier jedoch nicht weiter, denn die nötige Energie für diese Attacken müsst ihr euch erst durch geschickte reguläre Angriffe verdienen. Das Kampfgeschehen bleibt auf diese Weise gut ausbalanciert.

Ganz klar: Was wäre ein klassisches Rollenspiel ohne eine Tonne Ausrüstungsgegenstände und Waffen? Auch hier legt Ni no Kuni 2 ordentlich nach. In Schatzkisten auf der Oberwelt, als Belohnung für erfüllte Quests und als Trophäe nach schwierigen Kämpfen fliegt euch der Loot nur so um die Ohren! Übersichtliches Mikro-Management bringt eure Charaktere auch außerhalb der Stufenanstiege voran.

Neu Modi: Aufbau und Echtzeit-Taktik

Neben den klassischen und linear aufgebauten Story-Missionen gibt es zwei weitere Modi, die sich als gierige Zeitfresser herausstellen könnten. Es handelt sich dabei um die Scharmützel und den Kingdome-Mode. Ersteres sind strategisch angehauchte Echtzeit-Schlachten, letzteres ist ein Aufbau-Part, der zwar etwas schabloniert daherkommt, dafür aber regelrecht ausufernde Möglichkeiten bietet.

Anderen Königreichen gefällt euer Fortschritt nicht. So kommt es zu Scharmützeln.Anderen Königreichen gefällt euer Fortschritt nicht. So kommt es zu Scharmützeln.

Leider blieb nicht allzu viel Zeit, um diesen beiden Modi ausführlich auf den Zahn zu fühlen. Die Scharmützel sind nicht gerade selbsterklärend und wir hatten nur Zugriff auf Spielstände, die bereits nach einem guten Stück der Geschichte ansetzen. Der Kingdom-Mode hingegen ist zeitabhängig. Soll heißen: Gebt ihr zum Beispiel eine Forschung in Auftrag (für neue Waffen oder Zauber beispielsweise), muss erst Echtzeit verstreichen, bis die Forschung abgeschlossen ist.

Die Scharmützel scheinen auf dem "Stein-Schere-Papier"-Prinzip aufgebaut zu sein. Verschiedene Einheitentypen haben einen Vor- oder Nachteil gegenüber anderen Einheiten. So ist es wichtig, dass ihr vorbereitend eure Truppen entsprechend aufbaut und mit einem guten Schlachtplan ins Gemetzel schickt, ansonsten kommt ihr nicht weit.

Der Aufbau-Teil mag versierten Sim-Spielern vielleicht ein wenig zu linear vorkommen, allerdings bietet dieser Modus so viele Möglichkeiten, dass so schnell keine Langeweile aufkommt. Um euer Königreich aufzubauen, benötigt ihr Geld, Ressourcen und viel Zeit. Noch nicht errichtete Gebäude haben bereits einen fixen Platz. So gibt es zum Beispiel nur eine Stelle, an dem eine Forschungseinheit für Magie eingerichtet werden kann. Wie gesagt: Es mag manchen zu trocken vorkommen, andere werden zu schätzen wissen, dass sie nichts falsch machen können. Denn es besteht so zum Beispiel nicht die Gefahr, mal etwas ungünstig zu platzieren.

Der Aufbau-Teil des Spiels wirkt zwar etwas vorgegeben, macht das aber durch schieren Umfang wieder wett.Der Aufbau-Teil des Spiels wirkt zwar etwas vorgegeben, macht das aber durch schieren Umfang wieder wett.

Im Laufe eures Abenteuers rekrutiert ihr immer mehr Bewohner für euer Königreich. Die bringen individuelle Talente mit, die ihr entsprechend den einzelnen Gebäuden zuordnen könnt. Wem nicht klar ist, dass ein Bäcker vielleicht nichts in einer Waffenschmiede verloren hat, dem helfen leicht verständliche Charakterwerte weiter. Und wem das auch zu viel ist, der kann sich per Knopfdruck vorschlagen lassen, wer am besten wo hingehört. Zugänglichkeit steht hier wohl klar im Vordergrund.

Beide Modi sind zwar grundlegend anders als der klassische Part des Spiels, jedoch sind sie auch keine autarken Anhängsel. Speziell der Kingdom-Mode bietet viele Möglichkeiten, euch Vorteile im Spiel zu verschaffen, indem ihr hier neue Waffen und Ausrüstung erforschen und herstellen lasst. An manchen Stellen ist er auch direkt an den Spielfortschritt gekoppelt. Ein Beispiel:

Ihr braucht einen speziellen Zauber, um im Spiel voranzukommen. Dazu rekrutiert ihr eine Magie-Expertin. Die braucht erstmal ein Gebäude, in dem sie ihre Forschungen vorantreiben kann. Ist das errichtet und sie dem Gebäude zugewiesen, gebt ihr die Forschung in Auftrag. Nach einer vorgegebenen Zeit (die ihr auch boosten könnt), ist die Forschung abgeschlossen und der Zauber steht euch zur Verfügung. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn die noch leeren Menüs, die wir in diesem Modus gesehen haben, sind ganz schön umfangreich.

Meinung von Micky Auer

Ich kann kaum leugnen, dass ich mich schon seit langem auf Ni no Kuni 2 freue. Dementsprechend nervös war ich dahingehend, dass es meinen hohen Erwartungen nicht gerecht werden könnte. Nach dem Anspieltermin sind meine schlimmsten Ängste ausgeräumt. Für mich steht jetzt schon fest: Ni no Kuni 2 - Das Schicksal eines Königreichs könnte ein Spiel der Sorte: "Lass es bitte niemals enden!" sein.

Die Grafik zeigt sich in einer Pracht, die mich gerne mal im Spiel verharren und die Umgebung bestaunen lässt. Ich wünschte, das könnte ich auch in den Kämpfen, aber da geht es richtig ab und es bleibt keine Zeit, auf alle Details zu achten. Als ich zum ersten Mal einen Feuerwirbel auf dem Bildschirm entfesselt habe, der vier Gegnern gleichzeitig den Hosenboden versengte, habe ich mich einfach nur tierisch gefreut.

Ebenso wie bei der Erzählung. Zwar scheint die Geschichte noch immer einer eher gemächlichen Gangart zu folgen, jedoch konnte ich in den gezeigten Szenen keine redundaten und stetig wiederkehrenden Wiederholungen feststellen, die den ersten Teil ein paar Mal zu oft geplagt haben.

Der Charme der Figuren und dieses Gefühl, ein ebenso stilles wie aufregendes Märchen zu erleben, sind immer präsent. Die farbenfrohe Umgebung und die schönen Figuren haben mich ganz gefangen genommen. Und spätestens wenn ihr seht, wie ein Rotzpopel in Bullet Time einen versteckten Schalter betätigt (nein, das war jetzt nicht übertrieben), ist klar, dass auch der Humor nicht zu kurz kommt. Ein feiner, oft kindlicher, jedoch niemals kindisch wirkender Humor, der gänzlich ohne Schenkelklopfer und Altherrenwitze auskommt.

Es würde mich schon sehr wundern, wenn bis zum geplanten Release am 23. März (und WEHE es folgt eine weitere Verschiebung!) die Entwickler alles komplett verkacken und das Spiel in schrottreifer Form präsentieren. Das würde an Sabotage grenzen. Denn nach dem, was ich gesehen und gespielt habe, ist meine Vorfreude nicht nur gerechtfertigt, sondern auch noch angefacht.

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Tags: Fantasy   Anime  

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