Seelen, schwarz wie Kaffee: Deadly Premonition machte mich zum "Twin Peaks"-Fan

(Kolumne)

von René Wiesenthal (09. Februar 2018)

Twin Peaks ist eine einmalige Kreation in der Welt der Fernsehserien, unabhängig davon, ob ihr sie gut oder schlecht findet. Um auf sie zu stoßen, habe ich Umwege über eines der "schlechtesten Spiele aller Zeiten" genommen, und zwar Deadly Premonition. Heute zählen beide zu meinen Allzeitlieblingen.

Ich bin riesiger "Twin Peaks"-Fan. Zugegebenermaßen keiner der ersten Stunde, aber die kam für Twin Peaks auch zu einer Zeit, als ich noch Spaß daran hatte, in Sandförmchen zu pinkeln. Mein kindliches Hirn hätte die Serie wohl ohnehin nicht vertragen. Somit ist es wohl gar nicht so verkehrt, dass das Organ Zeit hatte zu reifen, bevor ich auf Twin Peaks aufmerksam wurde. Es hat in etwa 20 Jahre seit der Erstausstrahlung gebraucht, damit ich David Lynchs Serienepos kennen und lieben gelernt habe – über ein Videospiel, das manche für eines der schlechtesten seiner Zunft halten.

Das Spiel um das es geht, ist Deadly Premonition. Ob das wirklich so schlecht ist wie behauptet wird, liegt ganz im Auge des Betrachters. Um es wirklich genießen zu können, ist ein Knoten im Sehnerv beispielsweise zuträglich. Es muss erstmal einer auf die tollkühne Idee kommen, ein schon für damalige Verhältnisse so grundhässliches Spiel zu kaufen. Metacritic ist zu entnehmen, dass Destructoid im Test 10 von 10 Punkten vergab, während IGN das Spiel nur 2 von 10 Punkten wert war.

Es spaltet augenscheinlich. Mein Weg zu Deadly Premonition führte vor ungefähr sieben Jahren über einen Artikel auf No High Scores mit dem Titel "Deadly Premonition: The best worst game of 2010".

Als Freund der Kuriositäten und Hochglanzgrafik-Ignorant weckte das sofort meine Neugier. Ich konnte nicht anders als mich tagelang zum Spiel zu belesen und wer Deadly Premonition kennt, weiß, dass Twin Peaks zwangsläufig dabei auftaucht. Zu behaupten, das Spiel sei eine Hommage an die Serie, wäre eine wohlwollende Untertreibung.

Entwickler Swery65 bedient sich darin derart dreist an der offensichtlichen Vorlage, dass es nach seiner ersten öffentlichen Präsentation einige gravierende Veränderungen gab. Denn Kritik, es sei ein Plagiat, wurde laut und so fügte sich Swery dem Druck und veränderte beispielsweise die Hauptfigur, damit sie Agent Dale Cooper, dem Protagonisten aus Twin Peaks, weniger stark ähnelte. Auf die direkte Frage jedoch, ob das Spiel von der Fernsehserie inspirierit worden sei, antwortet er knallhart: "Nein, das Spiel basiert auf einer ganz eigenen Idee." Darauf ein dickes: Na ja!

"Mind Fuck" ohne Ansage

Die ersten Staffeln der Serie stammen vom Anfang der 90er-Jahre, einer Zeit, in der Vertriebe noch nicht "mind fuck" als Label an ihre Produkte hefteten. Twin Peaks ist genuin schrullig, verwirrend und aufwühlend. Und mit Deadly Premonition, das ich mir schlussendlich kaufte, verhält es sich ganz ähnlich: Es gehört nicht viel dazu, die allzu offensichtlichen Mängel aus den schlechten Kritiken zu erkennen, aber daran hielt ich mich nicht auf. Es sollte ja dennoch toll sein.

Es störte mich tatsächlich nicht weiter, dass im Grunde keine der Spielmechaniken richtig funktioniert. Der Sound ist zudem furchtbar abgemischt, die Technik bestenfalls unausgereift und aus irgendeinem Grund gibt es eine billige Coverversion von Green Days American Idiot im Spiel. Doch mit dem richtigen Blick lassen sich im Detail faszinierende Tiefen erblicken und immer wieder bricht schiere Genialität durch das Chaos durch. Am Ende erlebte ich eine ebenso abgedrehte wie bewegende Geschichte mit interessanten (gut gesprochenen!) Figuren, an die ich mich noch heute gern erinnere.

Von Deadly Premonition erschien sogar ein Director's Cut

Nachdem ich nun also geimpft war, versuchte ich mich auch an Twin Peaks. Ich kannte zuvor nur den Namen der Serie und hatte keine konkreten Vorstellungen davon. Und siehe da: Deadly Premonition hatte mich gut auf Twin Peaks eingestimmt. Es gibt hier ebenfalls Punkte, die sich kritisieren lassen und einen gewissen Trash-Faktor musste ich einfach akzeptieren, aber das hatte mich das Spiel auch schon gelehrt. Ebenso die Tatsache, dass sich das am Ende lohnen kann. Und so fand ich unter der kuriosen Oberfläche von Twin Peaks noch so viel mehr als Deadly Premonition bereits versprochen hatte.

Deadly Premonition lehrte mich, Twin Peaks zu lieben

Twin Peaks bietet neben seinen liebenswürdigen und kauzigen Figuren eine Illustration der Dunkelheit in der menschlichen Seele, der Ängste und des Hasses, die fortwährend unser Leben bestimmen. Mit der letzten Staffel ist die Serie zum Monster herwangewachsen, das in seiner Form wohl für immer einmalig bleiben wird, und so hinkt der Vergleich von Deadly Premonition mit Twin Peaks mittlerweile. Aber die grundlegende Stimmung der Serie, diese Mischung aus Humor, Seifenoper und tiefer Dunkelheit, fing es gut ein. Es war also der perfekte Einstieg für mich in eine Serie, der ich womöglich niemals Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Meine absolute Lieblingsserie.

Habt ihr Deadly Premonition gespielt oder Twin Peaks geschaut? Wennn nicht, dann solltet ihr beides nachholen. Oder kennt ihr beides und habt eine andere Meinung dazu? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

Tags: Film   Horror   Indie   Retro  

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