Innere Ruhe: Zwischen all dem Krawall die stillen Momente genießen

(Kolumne)

von René Wiesenthal (10. Februar 2018)

Shadow of the Colossus lebt wie kaum ein zweites Spiel von der Ruhe und Einsamkeit der Welt, in der ihr euch bewegt. Auch in anderen Spielen können stille Momente - bewusst eingesetzt oder nicht – zu ganz neuen Eindrücken und Erlebnissen führen. Oft lohnt es sich in die Stille einzutauchen. Sie kann sehr tief sein.

Sicher habt ihr es schon erlebt, dass eine aufregende Sequenz im Videospiel zu Ende geht und nach dem Höhepunkt der aktuellen Mission oder einem nervenaufreibenden Kampf plötzlich Stille einkehrt - sowohl in akustischer Form wie auch in Bezug auf das Geschehen auf dem Bildschirm. Ihr solltet in solchen Momenten nicht zum nächsten Questgeber hetzen. Manchmal kann es sehr erfüllend sein, sie einfach zu genießen.

In Shadow of the Colossus zum Beispiel passiert meist nicht viel. Das könnte ich spöttisch sagen. Aber genau hierin liegt eine große Stärke des Spiels. Stille birgt mitunter eine besondere Faszination.

Oft fühlt sie sich so an, als habe die Crew, die das Spiel inszeniert, das Set verlassen und ich bin noch etwas länger geblieben. Als wüsste ich, dass die Handlung an einem anderen Ort weitergeht und ich wurde zurückgelassen. So kann ich den Schauplatz ohne Inszenierung erleben, wodurch Dinge klarer werden, von denen ich zuvor abgelenkt wurde - beispielsweise von einer akuten Bedrohung, einer dringlichen Aufgabe oder rasanter Action. Die Musik fehlt oder ist unauffällig, so dass ich mich auf alles andere konzentrieren kann.

Dem Großteil von euch ist GTA 5 sicher nicht für seine ruhigen Momente bekannt

In Grand Theft Auto 5 zum Beispiel gibt es Missionen, an deren Ende ihr irgendwo im Nirgendwo angekommen seid. Sobald das Action-Spektakel mit dem Abschluss des Auftrags zu Ende geht, befindet ihr euch in völliger Abgeschiedenheit der Spielwelt. Haltet in diesen Momenten kurz inne. Lauscht der Umgebung, betrachtet das Wetter oder bewundert die Landschaften des Spiels. Euch könnten Details auffallen, die ihr vorher nie wahrgenommen habt, wie das atmosphärische Rauschen des Windes und Tiere, die durch das Gras laufen. Zudem bietet die Stille eine gute Gelegenheit, die Mission ausklingen zu lassen. Nur durch längere Ruhemomente bekommt der Aufruhr überhaupt erst seine Bedeutung.

Der gekonnte Wechsel aus Stille und Action ist eine Stärke der Zelda-Spiele.Der gekonnte Wechsel aus Stille und Action ist eine Stärke der Zelda-Spiele.

In The Legend of Zelda – Ocarina of Time ist es ähnlich. Wenn es Nacht wird während ihr die Steppen von Hyrule erkundet, tritt völlige Stille an Stelle der Musik. Plötzlich hört ihr Umgebungsgeräusche viel klarer, wie beispielsweise die Schritte von Link oder das Klappern seiner Ausrüstung. Eulen rufen aus den Wäldern und Frösche quaken, eine bedrohliche Stimmung kommt auf. Umso schreckhafter werdet ihr gegenüber Feinden, die sich euch aus der Dunkelheit nähern. Mit der aufgehenden Sonne, klingen die ersten vorsichtigen Töne der Musik dann wieder an und ihr seid erlöst. Den Wechsel aus Action und Stille beherrschen die Macher der Zelda-Spiele perfekt.

Mit den Sorgen alleingelassen

Entwickler, beziehungsweise im Speziellen die Autoren, machen sich in der Stille aufkommende Gefühle oft zu Nutze und spielen mit ihr, um dramaturgische Akzente zu setzen. Das gelingt besonders in The Last of Us sehr gut. Zwischen Action- und Horrorsequenzen sind bewusst ausgedehnte Verschnaufpausen eingebaut, die den Emotionen des Spielers Raum geben. Beispielsweise in Folge einer der wohl dramatischsten Szenen im späteren Verlauf des Spiels.

Ihr werdet nach einer drastischen Wendung im Geschehen nicht aufgeklärt, wie die gezeigte Situation zu Ende ging. Stattdessen findet ein Zeitsprung statt und ihr werdet in einem verschneiten, kalten Wald mit euren Sorgen zurückgelassen. Es ist nahezu zerreißend, diese in der Stille auszuhalten, die hier zu einem Teil der Erzählung wird.

In The Last of Us lohnt es sich, öfter innezuhalten.In The Last of Us lohnt es sich, öfter innezuhalten.

Die Stille muss aber nicht zwingend nur nach einem aufbrausenden Ereignis kommen, um effektvoll zu sein. Mitunter ist sie der Vorbote einer sich anbahnenden Bedrohung oder die Fessel einer bereits bestehenden, die sich jeden Moment befreien könnte. Das funktioniert in Horrorspielen, ebenso wie im stimmungsvollen "Science Fiction"-Werk Prey.

Die ganze Zeit über bekommt ihr über Notizen und Sprachaufzeichnungen Hinweise auf eine abstrakte lauernde Dunkelheit. Verfolgt ihr die Nachrichten aufmerksam, verdichtet sich im Laufe des Spiels die Annahme, dass das nicht einfach leere Worte sind, sondern irgendetwas auf euch zukommt - in welcher Form auch immer. In stillen Momenten schaut ihr furchtsam durch Fenster der Raumstation hinaus in die Tiefen des Alls. Durch die in euren Kopf gepflanzten Vorahnungen wird die Stille zum Stilmittel.

Die Sehnsucht nach Hoffnung

Das wissen auch die Entwickler von The Last Guardian, das ohnehin regelmäßig dazu einlädt, die Umgebung zu bestaunen und sich Zeit für das Wirken der schönen Areale zu lassen. Oder denkt an das Indie-Kleinod Limbo: Ein Spiel, das fast vollkommen still ist. Eine bedrückende Stille, die den Wunsch in euch aufkommen lässt, ein Hoffnungsschimmer würde sich zeigen. Von allen Seiten kriecht die Stille hier bedrohlich an euch heran und versucht euch zu verschlucken. So wie die Figur im Spiel sich auf den Weg macht, ihre ewige Ruhe zu finden.

Ihr seht, es gibt zahlreiche Gründe dafür, die Stille in Videospielen einfach mal zuzulassen. Wenn ihr wieder die Gelegenheit dazu habt, dann tut sie nicht vorschnell als Langeweile ab und genießt, was ihr mit euren Sinnen aufnehmen könnt. Kennt ihr die beschriebenen Eindrücke von euren eigenen Spielerfahrungen? Schreibt es uns in die Kommentare!

Tags: Indie   Open World   Science-Fiction  

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