Eine stille Legende: Was ist aus dem Vater von Final Fantasy geworden?

(Special)

von Micky Auer (11. Februar 2018)

Wenn ihr Final Fantasy hört, dürfte euch das sofort ein Begriff sein. Geht es euch auch so, wenn ihr den Namen Hironobu Sakaguchi hört? Sollte es, denn er hat die Serie erfunden. Was ist aus ihm geworden?

(Quelle: Gamerscore Blog via Wikipedia)

Am 25. November 1962 im fernen Hitachi in Japan kam der kleine Hironobu Sakaguchi auf die Welt. Zu diesem Zeitpunkt konnte natürlich noch niemand ahnen, dass er in einer Branche, die zum Zeitpunkt seiner Geburt noch nicht mal existierte, etwas von bleibendem Wert erschaffen würde.

Nachdem Sakaguchi die Universität verließ, wurde er bei einer unbekannten Firma namens Square als Teilzeitkraft eingestellt. Square war damals eine neu gegründete Zweigstelle eines Eleketro-Konzerns namens Denyūsha Electric Company. 1986 wurde das Unternehmen eine unabhängige Firma. Sakaguchi avancierte zum Angestellten und wurde zum Chef der Planungs- und Entwicklungsabteilung befördert.

Nachdem er mehrere Spiele für das erfolgreiche NES produzierte, stellte sich leider heraus, dass trotz der Beliebtheit der Konsole keines seiner Spiele ein Hit wurde. Trotz seiner Leidenschaft für das noch junge Medium musste sich der junge Herr Sakaguchi eine Gewissensfrage stellen: Hat er sich wirklich für den richtigen Karriereweg entschieden?

Es sollte ein Abschied sein

Die Antwort auf diese Frage lautete: Nein. Die ausbleibenden Erfolge waren für ihn Zeugnis dafür, dass er nicht in die Spielebranche passte und seine Konzepte beim Publikum nicht ankamen. So beschloss er, der Branche den Rücken zu kehren. Jedoch nicht, bevor er noch ein letztes Spieleprojekt abschließen würde. Sozusagen sein Abschied, sein Schwanengesang in der Branche. Er sammelte ein Team um sich und begann an den Arbeiten zu einem Rollenspiel namens Fighting Fantasy.

Im Laufe der Entwicklung änderte sich der Namen zu Final Fantasy - Die letzte Fantasie. Das sollte die traurige Erinnerung daran sein, dass es der letzte Versuch von Hironobu Sakaguchi war, seine Fantasie zu einem Videospiel zu machen. Danach würde er sich von der Industrie abwenden und wieder an die Universität zurückkehren.

Der Endpunkt seiner Karriere sollte der 18. Dezember 1987 sein. Der Tag, an dem Final Fantasy in Japan auf dem Markt kam. Mit gerade mal 25 Jahren beschloss der junge Entwickler, dass seine Zukunft woanders liegen würde. Doch soweit kam es nie. Final Fantasy eroberte den japanischen Markt im Sturm, traf genau den Geschmack des Publikums und wurde zu einem großen Erfolg.

An eine Abwendung von der Spieleindustrie war plötzlich nicht mehr zu denken. Square wäre auch schön blöd gewesen, hätte die Firma den Erfinder des bislang größten Erfolges des Unternehmens einfach so ziehen lassen. Unter der Führung von Sakaguchi sollte Final Fantasy zu einer Marke werden, die von alleinstehenden Geschichten über Spin-Offs bis hin zu direkten Nachfolgern gesponnen werden würde.

Der schnelle Aufstieg

Mit größeren Budgets und verstärktem Marketing im Rücken gelang das auch. Nachdem das SNES auf den Markt kam ging die Erfolgsgeschichte weiter. Das Publikum liebte die Serie und fieberte jedem neuen Teil entgegen. So auch Final Fantasy 4. Dessen Erfolg war so groß, dass Sakaguchi mit der Position des Executive Vice President von Square geehrt wurde. Als solcher blieb ihm natürlich nicht mehr viel Zeit für die direkte kreative Arbeit an den Spielen. Das letzte Spiel, das er als Director betreute, war Final Fantasy 5.

Aktueller als ihr denkt: Final Fantasy 9 gibt es als Remaster.Aktueller als ihr denkt: Final Fantasy 9 gibt es als Remaster.

Dennoch blieb der Name Hironobu Sakaguchi eng mit Final Fantasy verbunden. Denn im Anschluss daran trat er als Producer in Erscheinung. 1995 wurde er zum Chef des nordamerikanischen Zweigs von Square ernannt. Bis einschließlich Final Fantasy 9 blieb er auch weiterhin der von ihm erdachten Serie als Produzent erhalten. Und genau das sieht man den Spielen auch an. Fans werden seine ganz spezielle Handschrift, seine Art der Erzählung, sein Gespür für Dramatik und Emotionen aus den ersten neun Teilen deutlich herauslesen können.

Wenn Sakaguchi gefragt wird, welches denn sein Lieblingsteil in der Serie sei, gibt er stets Final Fantasy 9 an. Denn dieses Spiel soll seiner Vorstellung des eigenen Konzepts am nächsten kommen. Lang ist es her, seit der enttäuschte Game Designer seine "letzte Fantasie" in Form eines Videospiels umsetzte. Mittlerweile gibt es 15 Teile und zahlreiche Ableger davon. Selbst heute noch zählt die Reihe zu den wichtigsten Marken von Square-Enix, wie die Firma mittlerweile heißt.

Nach dem neunten Teil verschob sich Sakaguchis Rolle zunehmend zu der eines ausführenden Produzenten. Unter seiner Ägide entstanden auch hervorragende Spiele wie Vagrant Story, Parasite Eve und Kingdom Hearts. In letzterer Reihe könnt ihr übrigens auf eine Figur treffen, die als Ehrung für Sakaguchi gedacht ist. Es handelt sich dabei um Master Eraqus. Im Mai 2000 wird Sakaguchi der Hall of Fame Award der Academy of Interactive Arts & Science verliehen.

Sakaguchis Stern am Branchenhimmel strahlte heller denn je zuvor. Doch das sollte schon viel zu bald ein Ende haben.

Der tiefe Fall

Sakaguchis Spiele waren dafür bekannt, spätestens seit Final Fantasy 7 über bombastisch inszenierte Rendersequenzen zu verfügen. Von Teil zu Teil wurden diese aufwändiger, schöner und natürlich auch teurer. Der Schluss lag nahe, einen ganzen Film in dieser Technik zu produzieren. So wagte Hironobu Sakaguchi den Sprung von Videospielen zum Film.

Final Fantasy - Die Mächte in dir wurde zum unhaltbaren Flop.Final Fantasy - Die Mächte in dir wurde zum unhaltbaren Flop.

Auf der Welle des Erfolges der "Final Fantasy"-Spiele schuf Sakaguchi den Film Final Fantasy - Die Mächte in dir. Rein technisch ist der komplett gerenderte Animationsfilm für damalige Verhältnisse ein Meisterwerk. Die Kritiken hingegen waren sehr verhalten, auch wenn sich die eine oder andere positive Stimme darin finden lässt. Das alles zählt jedoch nicht im Angesicht des Desasters an den Kinokassen: Der Film floppt grandios und sorgte für einen Verlust von 94 Millionen US-Dollar.

Nach diesem Fiasko nahm Sakaguchi freiwillig den Hut, verließ seinen Posten als Vizepräsident von Square und ließ die Firma hinter sich. Finanziell angeschlagen musste Square nun einen Schritt wagen, den niemand für möglich gehalten hätte: Eine Fusion mit dem Erzrivalen Enix im Jahr 2003.

Sakaguchis Name mag zuvor sinnbildlich für den größten Erfolg der Firma gestanden haben. Plötzlich jedoch war er ein Synonym für den größten Misserfolg. Ein Jahr lang wurde es äußerst still um Hironobu Sakaguchi. War nun vielleicht die Zeit für seine wirklich letzte Fantasie gekommen?

Die Zeit des Nebelläufers

Mehrere Jahre sollten nach dem Flop des Kinofilms im Jahr 2001 vergehen. Doch dann kehrte Sakaguchi wieder ins Licht der Öffentlichkeit zurück. Mit dem neu gegründeten Entwicklerstudio Mistwalker (Nebelläufer) kündigte Sakaguchi seine Zusammenarbeit mit Microsoft an. So bestand der Plan, zwei große Rollenspiele für die Xbox 360 zu entwickeln.

Lost Odyssey: Ein vielfach gelobtes Rollenspiel für Xbox 360.Lost Odyssey: Ein vielfach gelobtes Rollenspiel für Xbox 360.

So geschah es auch. Herausgekommen sind dabei die durchweg positiv bewerteten Spiele Lost Odyssey und Blue Dragon. Schnell machte das Gerücht die Runde, dass Mistwalker nun exklusiv für Microsoft entwickeln würde. Das stimmte jedoch zu keinem Zeitpunkt. Ja, die beiden genannten Spiele waren exklusiv für Microsoft gedacht, jedoch bestand keinerlei weitere Bindung an den Konzern.

Denn auch ASH - Archaic Sealed Heat für Nintendo DS kommt aus der Mistwalker-Werkstatt. Auch sollen Arbeiten an einem Spiel mit dem Arbeitstitel Cry On begonnen haben, jedoch wurden diese Ende 2008 abgebrochen. Das Projekt wurde nicht mehr weitergeführt.

Einen weiteren Beweis sollte es etwas später geben. Für einige Zeit ging das Gerücht durch die Branche, dass Sakaguchi und Mistwalker "an etwas Großem arbeiten würden". Sakaguchi selbst sagte dazu: "Ich setze sehr viel auf dieses Projekt." Im Januar 2010 wurde es offiziell: Das große Spiel, an dem Sakaguchi arbeitet, ist The Last Story für Nintendo Wii, eine Koproduktion mit Nintendo. Zum ersten Mal seit Final Fantasy 5 sollte Sakaguchi wieder als Game Director in Erscheinung treten.

Das Spiel erhielt weltweit von der Fachpresse gute bis sehr gute Bewertungen, konnte aber an der Ladentheke nicht restlos überzeugen. Weit davon entfernt ein Misserfolg zu sein, konnte The Last Story jedoch auch nicht an die großen Erfolge aus Sakaguchis Vergangeheit anknüpfen. Es wurde ungewiss um die weitere Zukunft von Mistwalker.

Die Zeit des Dämmerläufers?

Die einzige einigermaßen nennenswerte Produktion von Mistwalker war seitdem Terra Battle für Smartphones. Weitere große Spiele für Konsole oder PC blieben aus.

Schon einmal wähnte sich Hironobu Sakaguchi am Ende eines beruflichen Weges und nannte sein vermeintlich letztes Spiel Final Fantasy - die letzte Fantasie. Ahnte er, dass Jahrzehnte später wieder ein Wendepunkt in seiner Karriere erreicht sein würde? Oder hofft er, dass noch einmal der gleiche Effekt eintrat wie damals, als er sein Spiel The Last Story - Die letzte Geschichte nannte?

Es bleibt ungewiss. Doch was ist danach geschehen? Seit The Last Story sind schon wieder einige Jahre ins Land gezogen, um Sakaguchi ist es aber die meiste Zeit sehr still geblieben. Zumindest bis 2016. Denn da ließ er verlauten, dass mit Dawnwalker wiederum ein neues Entwicklerstudio ins Leben rufen will.

(Quelle: YouTube, hironubu sakaguchi)

Nicht viel ist über diese neue Firma bekannt, außer dass Sakaguchi der Name Dawnwalker (Dämmerläufer) vorschwebt. Der Firmensitz soll mit Roppongi in Tokio auch schon auserkoren sein. Sakaguchi selbst fügte hinzu, dass er auf der Suche nach neuen Talenten sei und verkündete: "Gemeinsam werden wir es schaffen."

Später wurde bekannt, dass eine Zusammenarbeit mit Silicon Studio, den Schöpfern von Bravely Default angestrebt werden würde. Die Kombination könnte funktionieren, denn die Bravely-Spiele sind stark an die alten "Final Fantasy"-Teile angelehnt und wirken beinahe wie eine Hommage daran. Jedoch ist bis jetzt noch nicht bekannt, ob und wie die Zusammenarbeit vonstatten geht.

Die Namenswahl der letzten beiden Firmen von Hironobu Sakaguchi ist ebenso verheißungsvoll wie die seiner großen Spiele: Final Fantasy - die letzte Fantasie, The Last Story - die letzte Geschichte, Mistwalker - Nebelläufer, Dawnwalker - Dämmerläufer ... Sakaguchi neigt dazu, ein Ende anzukündigen, in der Hoffnung, dass es ein Neuanfang sein würde. Und er bewegt sich stets in der Stille des Nebels hin zur Dämmerung. Ob er dort jemals ankommen wird? Wir wissen es nicht, doch auch uns bleibt die Hoffnung. Schließlich ist Hironobu Sakaguchi der Vater von Final Fantasy. Und egal wie oft er es betont: Wir glauben nicht, dass er seine letzte Fantasie ersonnen und seine letzte Geschichte erzählt hat. Wir hoffen, dass er aus dem Nebel in das Licht der Dämmerung tritt und uns und euch noch viele Jahre mit seinen Spielen erfreut.

Tags: Retro  

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