Abgestaubt: Vermittelt das erste Silent Hill auch heute noch Horror?

(Special)

von Micky Auer (15. Februar 2018)

Im Sog des ersten Resident Evil schickte sich Konami an, seine eigene Horror-Reihe zu etablieren. Zuerst erschien Silent Hill nur ein Aufguss des Konkurrenzproduktes zu sein. Doch tatsächlich wurde daraus ein ganz eigener Kult. Wie kann sich der erste Teil aus heutiger Sicht behaupten?

Wenn wir in die Vergangenheit blicken, tragen wir oft die tiefrosa gefärbte Nostalgie-Brille. Viele der Spiele, an die wir uns erinnern, sind absolut grandios, unvergesslich und stellen einen Meilenstein für das Medium dar. Doch was geschieht, wenn wir diese Brille für einen Moment absetzen? Was kommt da zum Vorschein? In dieser Reihe betrachten wir die schönen Erinnerungen der Vergangenheit mit der nötigen Kritik.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Mittlerweile 19 Jahre ist es her, seit der erste Teil von Silent Hill für die erste PlayStation auf den Markt kam. Die Idee, ein Horror-Abenteuer endlich in eine spielbare Form zu bringen, beflügelte so manchen Entwickler. Der große Durchbruch kam aus dem Hause Capcom mit Resident Evil. Da konnte sich die Konkurrenz in Gestalt von Konami natürlich nicht lumpen lassen und stand unter Zugzwang. Es dauerte nicht lange, und Silent Hill stand in den Läden.

So oder so ähnlich mag es augenscheinlich stattgefunden haben. Tatsächlich sind sich Resident Evil und Silent Hill aber nur an wenigen Ecken zumindest ähnlich. Während Resident Evil mit einer klassischen Gruselvilla und bewährten Zombies für mitunter recht splatterlastigen Horror sorgt, geht Silent Hill mit seiner Erzählung auf eine gänzlich andere Ebene des Schreckens ein.

Jetzt, fast 20 Jahre später, stellt sich die große Frage: Was blieb vom stets geheimnisvollen, oft psychologisch verwirrenden Silent Hill noch übrig? Funktioniert der Schrecken immer noch so wie er anfangs gedacht war? Wir wagen es und legen die Original-CD (ja, damals wurden Spiele auf CD veröffentlicht) in Sonys erste PlayStation. Das Ergebnis unseres Ausflugs in die Horror-Vergangenheit hat uns überrascht.

Grafik und Sound - ein zweischneidiges Schwert

Wie es so oft bei Spielen aus dieser Zeit der Fall ist, zeigt sich auch im Fall von Silent Hill ein Alterungsprozess der Optik, der leider eher würdelos verlaufen ist. Das lässt sich leicht erklären: Da 2D-Grafik zu Zeiten der ersten PlayStation bereits in allen Formen dargebracht und perfektioniert wurde, lassen sich die meisten Spiele in dieser Darstellung auch heute noch betrachten, ohne, dass euch die Augäpfel aus dem Kopf schmelzen.

Silent Hill und seine Grafik: Aus heutiger Sicht kein schöner Anblick.Silent Hill und seine Grafik: Aus heutiger Sicht kein schöner Anblick.

Es ist eine Frage des Designs, die zum Beispiel SNES-Spiele auch heute noch in einer gewissen zeitlosen Ästhetik dastehen lassen. Die PlayStation hingegen markierte gemeinsam mit dem Sega Saturn und dem Nintendo 64 die Pionierslinie der 3D-Grafik im Konsolenbereich. Das bedeutet, dass diese Form der Grafik zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen steckte.

Die Hardware konnte nur wenige Polygone berechnen, Figuren wirkten grob und oft hölzern animiert, Kanten und Texturen waren zu weiten Teilen ein Graus. Aufwändige Effekte gab es nicht, nicht ganz so aufwändige Effekte mussten von Meistern der Programmierkunst inszeniert werden, um nicht als optischer Schrott dazustehen.

Silent Hill nimmt hier eine Sonderstellung ein. Einerseits ist die Grafik äußerst grob dargestellt. Dem Szenario geschuldet gibt es viele dunkle Abschnitte, die Stadt ist stets von undurchdringlichem Nebel erfüllt. Ein Stilmittel, das aus der Not entstanden ist. Auch Spiele auf dem Nintendo 64 waren für ihre Nebel-Optik berüchtigt. Denn so konnte Rechenleistung gespart und das Ergebnis als "ganz eigener Stil" verkauft werden.

Andererseits ... hat genau diese Ausflucht blendend funktioniert und dafür gesorgt, dass Silent Hill in Kombination mit sparsam eingesetzten Geräuschen eine Atmosphäre erzeugt, die bis heute unvergesslich wirkt und erstaunlicherweise noch genau so heftig, wenn nicht gar heftiger beim Betrachter ankommt.

Bei unserem spielerischen Ausflug war eine Person dabei, die das Spiel noch nie zuvor gesehen hat. Die anfängliche Ablehnung der recht groben Grafik wich bald einem gespannten Frösteln. Spätestens, als das Knistern und Knacken des Radios ertönte und damit ankündigte, dass eine Monstrosität durch den Nebel schlich, war die Spannung auf dem Höhepunkt.

Das Gesicht von Silent Hill ist nicht die Grafik allein, sondern auch die unglaublich gut inszenierte Akustik. Es mag zwar nicht gut gealtert sein, hat aber selbst heute noch nichts von seiner Wirkung verloren.

Die Kampfmechanik: Ein Ratespiel

In Sachen Steuerung sind in Silent Hill die berüchtigten Tank Controls am Start. "Was zum Henker sind Tank Controls?" - Nun, in Zeiten, in denen ihr vordergründig mithilfe eines Sticks die Richtung der Figur angebt, die ihr steuert, ist diese Frage nicht gänzlich unberechtigt.

Schnelle Gegner ins Visier zu nehmen macht in Silent Hill so rein gar keinen Spaß.Schnelle Gegner ins Visier zu nehmen macht in Silent Hill so rein gar keinen Spaß.

Tank Controls bedeutet: Ihr müsst eure Figur erst in die gewünschte Laufrichtung drehen, bevor ihr mit "Steuerkreuz oben" loslauft. Es gibt durch Daumenakrobatik zwar ein wenig Spielraum, jedoch ist gerade in engen Umgebungen die Steuerung in dieser Form ein wahrhaftiger Krampf.

Tatsächlich gibt es Leute, die eine gewisse Nostalgie damit verbinden, wir sind es jedoch in diesem Falle nicht. Hinzu kommt der enorm wichtige Zielvorgang mit diversen Waffen, der gerade in einem Spiel mit begrenzter Munition einen ganz besonderen Stellenwert einnimmt. Es mag natürlich eine gewisse Herausforderung und Immersion bieten, gänzlich ohne Zielhilfe auf flatternde, springende und um euch herumhüpfende Gegner zu zielen, aber leider verkommt diese Funktion oft zu einem Ratespiel.

Diesen Test der Zeit besteht Silent Hill nicht. Selbst wenn die Tank Controls durch eine zeitgemäße Steuerung ersetzt würden, bliebe immer noch der undurchsichtige Zielvorgang, der durch die grobe Optik noch weiter erschwert wird. Da hilft auch keine rosa Brille.

In technischer Hinsicht gibt es wiederum nicht viel zu meckern. Kunststück, ist doch die Grafik wie oben beschrieben durch den Nebel oder durch enge Räumlichkeiten eingeschränkt. Einbrüche in der Bildwiederholrate gibt es kaum, jedoch ist diese von Haus aus nicht besonders hoch.

Der Spielablauf ist trotz grundlegender Action-Elemente eher gemächlich und verlässt sich auch zu einem großen Teil auf Erforschung der Umgebung und dem Lösen von Rätseln. Die eingestreuten Rendersequenzen sind zwar auch für den damaligen Stand der Technik nicht von allerhöchstem Niveau, jedoch fügen sie sich hervorragend in das Gesamtkonzept ein und verleihen den groben Polygonfiguren ein Gesicht und eine Stimme.

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Tags: Abgestaubt  

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