Test Secret of Mana: Irgendwie nur ein halbes Remake

von Micky Auer (19. Februar 2018)

1994 erschien mit Secret of Mana für das SNES ein Action-RPG, das seit Jahrzehnten mit Ehrerbietung bedacht wird. Eine Neuauflage zieht dementsprechend viel Aufmerksamkeit auf sich. Das muss jedoch nicht zwingend etwas Positives für Entwickler und Publisher bedeuten.

Die Mana-Reihe, in ihrer Heimat Japan als "Seiken Densetsu" bekannt, existierte bereits vor und nach Secret of Mana für SNES. Hierzulande sind jedoch nicht alle Teile erschienen. Von den wenigen, die man kennt, ist Secret of Mana mit Abstand der populärste Eintrag, zumal er auch für damalige Verhältnisse recht aufwändig (und legendär schlecht) ins Deutsche übersetzt wurde.

Vor allem aus den Reihen der altgedienten Fans waren Freudenschreie zu vernehmen, als Square Enix verkündete, dass eine Neuauflage des beliebten Klassikers erscheinen sollte. Jetzt ist es soweit: Secret of Mana erstrahlt in neuem Glanz auf PS4, PS Vita und PC. Getestet haben wir auf PlayStation 4.

Bevor wir ins Detail gehen, lasst uns kurz definieren, womit wir es hier eigentlich zu tun haben. Dazu zitieren wir unseren Kollegen Thomas aus seinem Artikel "HD-Remakes: Mehr als nur alte Spiele neu verpackt":

  • Ein Remake ist eine Neuinterpretation eines Spiels mit teils abgeänderten Inhalten
  • Ein Remaster ist die inhaltlich originalgetreue Umsetzung eines Spiels auf neue Systeme
  • Ein Reboot ist ein Neustart einer Marke oder eines Spiels, das die Vorgaben des Originals nicht zwingend einhält

Secret of Mana ist laut dieser Definition ein Remake, das sich jedoch fast in seiner Gänze an allen Aspekten des Originals orientiert. Was inhaltlich anders ist, ist neu und zusätzlich vorhanden, nicht im Austausch für etwas, das nicht mehr existiert oder geändert wurde.

Mit dieser Definition vor Augen sollte eigentlich eine Qualität erreicht werden, die der des Originals entspricht. Leider stehen dem zwei Dinge im Weg. Erstens: Der schlechte Alterungsprozess. Zweitens: Die Art des Remakes selbst. Gehen wir ins Detail.

Dünner Inhalt, grausamer Sound

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Vor langer Zeit schufen Menschen die Mana-Festung, eine fliegende Kriegsmaschine, die die ganze Welt in Schutt und Asche legen kann. Den Göttern gefiel das nicht, so entsanden sie die Mana-Bestien, die ihrerseits die Festung außer Gefecht setzen sollten. Resultat: Globale Verwüstung. Doch der klassische "Held aus dem Nichts" vernichtete die Festung mit Hilfe des Mana-Schwertes.

Texte, die definitiv nicht zum Vorlesen geeignet sind, begleiten euch durch das Abenteuer.Texte, die definitiv nicht zum Vorlesen geeignet sind, begleiten euch durch das Abenteuer.

Schneller Vorlauf: Ein stereotyp böses Imperium will das alles wieder aufleben lassen, ein ebenso stereotyp nichtsahnender Teenager ist der Auserwählte, und zusammen mit zwei Begleitern nimmt er es mit dem Imperium auf und soll erneut für Frieden sorgen.

Klingt dünn, ist es auch. Das war aber schon immer so und hat zumindest seinerzeit niemanden gestört. Aus heutiger Sicht sieht die Sache anders aus. Das Remake hält sich so dermaßen nahe am Original, dass zu weiten Teilen die gleichen Texte verwendet werden. Diese werden nun aber eingesprochen. Werden diese Texte quasi vorgelesen, zeigt sich erst, wie unglaublich krude, holprig und sinnbefreit sie in ihrer ursprünglichen Form sind.

Gänzlich ungeeignet für gesprochene Dialoge hätte dieser Bereich dringend komplett überarbeitet werden müssen, um dem heutigen Qualitätsstandard gerecht zu werden und überhaupt als Erzählung zu funktionieren. So hingegen wird eine Geschichte, an die sich viele aus ihrer Kindheit und Jugend mit einer gewissen nostalgischen Verklärung erinnern, zu einem Stolperstein für das Spiel. Anstatt die Stärken herauszuarbeiten und neu zu gestalten, werden so lediglich die Schwächen unterstrichen.

Das gilt auch für die Musik, die ebenfalls eine neue "Stimme" erhalten hat. Der Original-Soundtrack zählt zu den ganz großen Musik-Legenden auf dem SNES. Die musikalische Begleitung ist für diese Version komplett neu arrangiert und eingespielt worden. Das Ergebnis klingt jedoch nicht schön. Die geheimnisvollen und sanften Klänge des Originals treten im Remix zu sehr in den Hintergrund, während sich regelrecht schrille und nervtötende Teile des neuen Arrangements in den Vordergrund drängen. Die Seele der Musik wird somit komplett zerstört. Großer Vorteil: Im Optionsmenü könnt ihr die Originalversion auswählen. Gerade da zeigt sich der qualitative Unterschied zum Remix. Neu ist nicht immer besser, so wie in diesem Fall.

Wenn ihr eure drei Charaktere im Wirtshaus schlafen legt, kann es - je nach Story-Abschnitt - dazu kommen, dass sie im Zuge dessen noch einen kurzen und vor allem neuen Dialog sprechen. Das ist ein netter Bonus, trägt aber nichts zur Geschichte bei. Dennoch verleiht er den Charakteren etwas mehr Tiefe, nicht unbedingt jedoch Sympathie.

Die Grafik: Hübsch bunt, aber stocksteif

Zitat aus der Pressemitteilung von Square Enix:

"Brandneue Präsentation - Eine vollständig überarbeitete 3D-Grafik und eine brandneue Sprachausgabe erwecken die Charaktere auf aufregende Art zum Leben, während sie den Charme und die Persönlichkeit des ursprünglichen Spiels beibehalten."

Eben nicht.

Funktioniert nur in 2D: Die Umgebungen in moderner 3D-Grafik wirken leider recht leblos.Funktioniert nur in 2D: Die Umgebungen in moderner 3D-Grafik wirken leider recht leblos.

Die Sprachausgabe haben wir schon einen Absatz höher als Stolperstein entlarvt. Ganz ähnlich geht es der Grafik. Auf Screenshots sieht das Spiel wirklich hübsch aus. Kräftige Farben, bunte Welten, Monster mit Knuddelfaktor und zurückhaltende Effekte: Alles im grünen Bereich, möchte man meinen. In Bewegung wird das jedoch nur noch zum Teil transportiert.

Die Charaktere sprechen, bewegen aber die Münder nicht. Das fällt vor allem negativ auf, wenn jemandem ein plakativ weit aufgerissener Mund ins Gesicht gemalt wurde. Bei den Gegnern zeigt sich, dass ihr Design komplett auf eine Präsentation in 2D ausgelegt ist. In die dritte Dimension transportiert - so wie es hier der Fall ist - Wird ihnen etwas genommen. Anstatt lebendiger und natürlicher zu wirken, erscheinen sie tatsächlich steifer und lebloser.

Das liegt nicht zuletzt an den spärlichen Animationen, die - ebenso wie im 2D-Vorbild - Bewegungen und Angriffe eher andeuten, als sie tatsächlich auszuführen. Frage: Warum dann überhaupt eine 3D-Darstllung? HD-Optik in 2D hätte es vermutlich auch getan und hätte vielleicht sogar besser funktioniert. In Sachen Design fehlt definitiv die Liebe zum Detail. Hier haben sich die Entwickler verzettelt und gehofft, dass der Charme des Originals genau so auch in 3D rüberkommen würde. Tut er bloß nicht.

Jedes ordentliche RPG braucht seine Bösewichte. So wie diese hier!Jedes ordentliche RPG braucht seine Bösewichte. So wie diese hier!

Die Spielwelt selbst imitiert das Flair des Originals und versucht auch dabei, so originalgetreu wie möglich zu sein. Auch das ist ein Problem. Denn 16Bit-Grafik quasi 1:1 in 3D zu transferieren, resultiert in groben Strukturen, kargen und leblosen Umgebungen und trotz all der Farbenpracht seltsam steril wirkenden Dungeons. Alles in allem erweckt die Gestaltung nur den Wunsch nach einer richtigen Neuinterpretation.

Action-Kämpfe mit stockender Action

Secret of Mana ist ein Action-RPG. Alle Kämpfe finden in Echtzeit statt und nutzen im Grunde nur einen Angriffs-Knopf. Der ist jedoch mit Bedacht einzusetzen, Spammen hilft rein gar nichts. Nach einem ausgeführten Schlag (egal, ob ein Treffer erzielt wurde oder nicht), solltet ihr warten, bis die Waffe wieder 100 Prozent Einsatzbereitschaft hat. Ersichtlich ist das aus einer Anzeige am unteren Bildschirmrand. Ansonsten richtet ihr beim nächsten Treffer nur wenig oder gar keinen Schaden an.

Zahlen geben Aufschluss über gelungene Angriffe. Oft kommen sie jedoch arg spät.Zahlen geben Aufschluss über gelungene Angriffe. Oft kommen sie jedoch arg spät.

Im Laufe des Spiels verbessert ihr eure Waffen. Haltet ihr den Angriffsknopf länger gedrückt, lädt sich die Waffe bis zu ihrem aktuellen Höchstlevel weiter auf. Der daraus resultierende Angriff ist entsprechend stärker, kann aber auch daneben gehen. Eure beiden Mitstreiter agieren eigenständig. Zumindest sollten sie das tun. Denn auch hier gibt es Probleme.

Im Options-Menüs stellt ihr ein, ob die beiden automatisch agierenden Figuren das gleiche Ziel wie die von euch gesteuerte Figur angreifen sollen, wie stark die Angriffe aufgeladen werden sollen und ob und welcher Charakter unterstützt werden soll. Das ist im Endeffekt ein recht enges KI-Korsett, das zu oft darin resultiert, dass zwei Charaktere entweder nur dumm rumstehen, oder ihre gesamte Energie auf ein ungefährliches Nebenziel konzentieren. Zwar könnt ihr im Kampf separate Ziele zuweisen und auch schnell zwischen den Figuren wechseln, jedoch ist das immer mit einer Unterbrechung des Kampfflusses verbunden. Dass die beiden CPU-gesteuerten Spieler recht oft an einer Ecke der Grafik hängenbleiben oder den Weg nicht mehr finden, macht die Sache nicht besser.

Das ehemals innovative Ring-Menü, in dem ringförmig angeordnete Symbole Gegenstände und Menü-Optionen darstellen, funktioniert zwar heute auch noch, jedoch fehlt der Innovations-Bonus des Originals. Zudem sind die Ringe nicht sonderlich intuitiv gestaltet. Ihr wollt einen Punkt ansteuern, der Ring rotiert jedoch in entgegengesetzter Richtung? - Das kommt ständig vor.

Der Charme des überaus gelungenen Artworks wird leider nicht ins Spiel transportiert.Der Charme des überaus gelungenen Artworks wird leider nicht ins Spiel transportiert.

Magie wird ebenfalls über dieses Menü aufgerufen. Ähnlich wie die Waffen werden auch die Zauber durch Anwendung stärker. Damit ist das gesamte Spiel-Konstrukt auch schon zusammengefasst. Schade nur, dass auch hier nicht die nötige Liebe mit eingeflossen ist. Denn die Kampfmechanik nimmt auch gleich alle Schwächen des Originals mit. Die Aufladerei ist irsinnig zeitintensiv, was die Action nicht gerade flüssiger macht. Gegner, die am Boden liegen und von Attacken getroffen werden, offenbaren erst Sekunden später, ob sie Schaden genommen haben. Während ihr noch dabei seid, den nächsten Angriff aufzuladen und somit weitere Zeit verschwendet, kann es sein, dass ein getroffener Gegner noch nicht mal bei der Sterbe-Animation angelangt ist, obwohl er rein technisch schon tot ist.

Wie hoch die Bildwiederholrate genau ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Das Spielgeschehen wirkt jedenfalls in der Darstellung äußerst flüssig und sehr weich. Das ist definitiv ein positiver Punkt, der jedoch durch zahlreiche Abstürze wieder in den Schatten gestellt wird. Das Spiel stürzt sehr oft ab (zuletzt fünf Mal in zweieinhalb Stunden). Ohne Auto-Save und Zwischenspeicherfunktion dämpft das den Spielspaß gewaltig.

Meinung von Micky Auer

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde. Aber ich kann es leider nicht beschönigen: Secret of Mana auf der PlayStation 4 ist eines der schlechtesten Remakes, die ich jemals gespielt habe. Und glaubt mir: Diese Aussage tut mir in der Seele weh. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von verpassten Gelegenheiten.

Wer das Original kennt, wird sich vermutlich erstmal freuen, dann die Realität erkennen und letzten Endes nur aus Gründen der Nostalgie dranbleiben wollen. Wer sich zum ersten Mal an Secret of Mana wagt, erlebt ein sehr buntes, in den Kämpfen mitunter kurzweiliges Spiel, das jedoch - bedingt durch die leblose Darstellung und die kruden Texte - keinerlei Charme vermittelt oder eine Seele zeigt.

Die technischen Probleme sind für Spieler der heutigen Zeit inakzeptabel. Mangelhaft agierende KI, zu viele Abstürze in einem recht simpel gestalteten Spiel und eine immer noch vollkommen unausbalancierte Schwierigkeit machen Secret of Mana nicht zu dem Vergnügen, das es eigentlich sein sollte.

Jammerschade, aber nicht mehr änderbar. Fast hat es den Anschein, als hätte Square Enix versucht herauszufinden, wie eine 1:1-Umsetzung heute ankommt. Das Ergebnis ist klar: Wenn Remake, dann richtig. Shadow of the Colossus zeigt, wie es geht. Secret of Mana ist die andere Seite der Medaille. Leider.

65

meint: Äußerst originalgetreues Remake, das jedoch auch alle alten Schwächen wiedergibt. Bestenfalls nett, wird dem Original jedoch nicht gerecht.

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Tags: Fantasy   Remake   Retro  

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