Spielzeit ist alles: Ab wann kennt ihr ein Spiel wirklich?

(Kolumne)

von René Wiesenthal (19. Februar 2018)

Was macht ihr, wenn ihr herausfinden wollt, ob euch ein Spiel gefällt oder nicht? Nun, die verlässlichste Quelle ist wohl euer eigenes Urteil. Nur: Wer sagt euch, wie lange ihr ein Spiel gespielt haben müsst, um es wirklich zu kennen? Und wie solltet ihr es spielen, um den bestmöglichen Eindruck davon zu bekommen?

Ein Klärungsversuch:

"Hab' ich angezockt – ist scheiße." - Wenn ihr diese Worte kennt und schon in Bezug auf ein Videospiel gehört habt, das ihr mögt, wisst ihr sicher auch um das Stechen in der Brust, das sie auslösen können. Es kommt kurz vor eurer Anschuldigung, der- oder diejenige dürfe sich doch gar kein Urteil erlauben, wenn das Spiel "nur angezockt" wurde. Aber wenn ihr ehrlich seid: Ist das wirklich so? Ab wann kennt ihr ein Spiel denn wirklich?

Wahrscheinlich käme kein Filmkritiker auf die Idee, einen Streifen abschließend zu bewerten, den er nicht bis zum Ende geschaut hat. Es könnte ein finaler Twist kommen, der die Einschätzung des Gesehenen um 180 Grad in eine positive oder negative Richtung verändern kann. Vielleicht ergibt sich der Sinn des Ganzen auch erst zum Schluss, oder ein bereits guter Film brilliert im letzten Akt nochmal und wird zum Meisterwerk. Beim interaktiven Medium Videospiel, das zudem extrem ausufernd werden kann, ist eine Einschätzung noch sehr viel schwieriger.

Nehmen wir uns als aktuelles Beispiel einmal Monster Hunter - World zur Brust. Das Spiel geht in mancherlei Hinsicht neue Wege in der Serie, indem es der Rahmenhandlung mehr Wichtigkeit zukommen lässt und Neulingen durch die Entschlackung der Spielmechanik den Einstieg erleichtert. Eingeständnisse im Kern der Serie gibt es allerdings nicht: Um euch zu erschließen wie alles funktioniert und ein flüssiges Spielerlebnis zu erhalten, bedarf es viel Einarbeitungszeit. Wächst euer Charakter und eure Spielerfahrung, nimmt auch der Spielspaß zu. Dann gelangt ihr erst zur Essenz dessen, was die Entwickler mit euch im Sinn hatten.

Komplexe Rollenspiele sind generell besonders gut darin, euch zu Beginn vollkommen zu überfordern und erst spät zu belohnen. Auch im kürzlich erschienen Kingdom Come – Deliverance geht der Einstieg sehr gemächlich vonstatten, weil ihr erst einmal nur Botengänge machen und alle Parameter kennenlernen müsst, bevor das Spiel sich entfaltet. Es steht wohl außer Frage, dass Spieler, denen soetwas schon zu anstrengend ist, keine netten Worte für derartige Spiele übrig haben. Dabei werden sie niemals wissen, ob das irgendwann doch hätte Spaß machen können.

Monster Hunter - World möchte langwierig erschlossen werden.Monster Hunter - World möchte langwierig erschlossen werden.

Manche Spiele verbergen zudem einen nicht unerheblichen Teil ihrer Geschichte hinter einem riesigen Berg an Spielzeit, die erst einmal absolviert werden muss. So zum Beispiel Persona 4, das erstmals an einem Punkt bei circa 80 Stunden Spielzeit zu einem Ende kommen kann. Wählt ihr allerdings die richtigen Optionen, erschließen sich bis zu 40 weitere Stunden Spielzeit, in denen ihr überhaupt erst erfahrt, was hinter den Ereignissen der ersten 80 Stunden steckt.

Manchmal reicht es nicht einmal aus, ein Spiel durchzuspielen, um sein volles Potenzial zu kennen. Ein recht aktuelles und populäres Beispiel dafür ist Nier - Automata. Das Spiel an sich hat schon einiges zu bieten bis zum ersten Mal der Abspann über den Bildschirm läuft. Allerdings ist dieser erst der Beginn von drei weiteren Kampagnen, die euch noch bevorstehen. Um von Nier - Automata also überhaupt alles gesehen haben zu können, müsst ihr das Spiel ganze viermal durchspielen. Im Vorgänger war das sogar notwendig, um das "richtige" Ende freizuspielen.

Einmal ist kein Mal? Nier - Automata ist mit dem ersten Durchspielen nicht erledigt

Breath of Fire - Dragon Quarter hat ein ähnliches System: Hier seid ihr dazu angehalten, die Geschichte mehrmals durchzuspielen, um immer neue Zwischensequenzen gezeigt zu bekommen. So wird euch nach und nach die Geschichte erzählt, die sich euch unmöglich erschließt, wenn ihr das Spiel nur ein einziges Mal absolviert. Damit heißt es auch hier mehrmals: New Game Plus starten, um alles zu erleben. Die Beispiele ließen sich noch lange fortsetzen. Doch die Frage die sich stellt ist, ob das alles sein muss, um ein Gefühl für ein Spiel zu entwickeln.

Um auf das Beispiel mit dem Filmkritiker zurückzukommen: Natürlich kann der einen Film frühzeitig abbrechen, weil er so vieles beinhaltet, was ihm missfällt. Eine Umkehr eines vernichtenden Urteils könnte schon ab der Hälfte des Films ausgeschlossen sein. Und natürlich hätte er in einem solchen Fall nicht alles gesehen, was der Film zu bieten hat. Aber vielleicht konnte er schon gut einschätzen, in welche Richtung es geht und somit zumindest eine Tendenz ausmachen.

Breath of Fire - Dragon Quarter müsst mehrfach durchspielen, um die Geschichte zu verstehen.Breath of Fire - Dragon Quarter müsst mehrfach durchspielen, um die Geschichte zu verstehen.

Denn wie im Film so gilt auch für Videospiele: Das Vorwissen des Zuschauers oder Spielers fließt immer mit in das Erlebnis ein. Je nachdem, in welchen Erfahrungskontext das Gespielte eingeordnet wird, kann ein völlig anderer Eindruck entstehen. Am Ende hängt das "wirkliche Kennen" des Spiels also neben Faktoren wie der Länge und des inhaltlichen Umfangs, der Komplexität der Spielmechaniken, der spielerischen Freiheiten und des Stellenwerts der Geschichte auch von euch selbst ab. Wie spielt ihr und was zieht ihr aus der Spielzeit?

Ein Spiel hat viele Facetten und jeder Mensch lernt in der gleichen Spielzeit unterschiedliche von ihnen kennen. Je nach Genre und Ausrichtung des Spiels muss vielleicht ein bestimmter Punkt erreicht werden, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen. Doch über objektiv nennbaren Inhalte legen sich immer subjektive Eindrücke.

Ab wann kennt man Shadow of the Colossus? Nach dem ersten Kampf? Nach dem letzten? Niemals?

So denke ich also, dass sich zwar die Menge des erschlossenen Inhalts unterscheiden, aber es keinen exakt bestimmbaren Punkt geben kann, ab dem ihr ein Spiel "wirklich kennt". Wie ihr den Inhalt erlebt, wie viele Details ihr bemerkt habt, wie es sich für euch angefühlt hat und ob ihr es genossen habt, sind individuelle Eindrücke – ebenso wie das Verständnis des Spielprinzips, das von Person zu Person unterschiedlich schnell verinnerlicht wird.

Vier Stunden, 50 Prozent, bis zu Plot-Twist XY: Es lässt sich nicht fest datieren, wie weit oder tief ihr ein Spiel gespielt haben müsst, um es in "ausreichendem Maß" kennengelernt zu haben. Weil Spieleindrücke so subjektiv sind, ist gerade das so interessant. Es bietet sich viel Stoff an, um Eindrücke zu diskutieren, miteinander abzugleichen und unterschiedliche Erfahrungen auszutauschen. Findet ihr nicht auch?

Und eben weil das Thema so viel Diskussionsstoff bietet, laden wir euch auch ein, uns eure Meinungen dazu zu sagen. Schreibt uns in die Kommentare was ihr dazu denkt: Meint ihr, ein Spiel zu kennen, wenn ihr eine bestimmte Zeit reingesteckt habt? Oder sollten Spieler möglichst alles gesehen haben? Wir sind gespannt, was ihr zu sagen habt.

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