Geht gar nicht: "Zocken ist Zeitverschwendung!"

(Kolumne)

von René Wiesenthal (22. Februar 2018)

Es wäre schön wie Link einfach die Zeit zurückzudrehen. Die Chance zu haben, nochmal ein Leben ohne Videospiele leben zu können. Dann wüsste ich gar nicht, wer dieser "Link" ist und alles wäre gut. Scheinbar habe ich nämlich schon sehr viel Zeit mit Videospielen verschwendet.

Folgende Situation: Ihr trefft einen alten Bekannten wieder und geratet ins Plaudern. Irgendwann werdet ihr gefragt ob ihr noch Videospiele spielt, so wie früher. Ihr antwortet mit ja und erntet einen abschätzigen Blick. "Das ist doch die reinste Zeitverschwendung." Och nö, denkt ihr euch, nicht noch so einer ...

So wie ihr ansetzt, etwas zu erwidern, wird euch über den Mund gefahren und das Thema gewechselt. Vielleicht versucht ihr auch gar nicht Argumente zu entgegnen, da ihr es – so wie ich – mittlerweile nur noch leid seid, diesen Satz zu hören. In dem Fall reicht es künftig möglicherweise auf diese URL zu verweisen. Ich möchte das gern aus der Welt haben.

Wo kriege ich eine Zauber-Okarina? Ich möchte meine Zeit zurück!

Kurz gesagt ist die Aussage, Spielen sei Zeitverschwendung, völlig unsinnig, was wiederum sehr leicht zu durchschauen ist. Lasst mich dazu zu Beginn einmal ganz stur den exakten Wortlaut durchkauen, den sie beinhaltet. Wenn jemand kritische Worte äußert, sollte er oder sie nicht davon verschont bleiben, diese hinterher genauso auch aufs Brot geschmiert zu bekommen. Warum sind sie also schon grundlegend falsch?

Ganz einfach: Zeit ist keine knappe Ressource. Wenn umgangssprachlich von knapper Zeit die Rede ist, meint ihr damit eine Einschätzung, die von aktuellen Umständen abhängt. Zum Beispiel möchtet ihr vielleicht einen Termin wahrnehmen, müsst dafür aber eine sehr weite Strecke in sehr kurzer Zeit zurücklegen. Dann würdet ihr die Zeit, die noch bleibt wohl subjektiv als knapp einschätzen. Ihr müsst euch aber mit keinem anderen um die Zeit streiten, in der Angst, sie könnte für fremde Zwecke aufgebraucht werden.

Es ist nie zu spät, mit Zocken aufzuhören. Oder doch?Es ist nie zu spät, mit Zocken aufzuhören. Oder doch?

Das geht nämlich nicht. Zeit kann nicht ausgegeben werden. Sie wird nicht weniger, wenn wir sie "nutzen" und somit kann sie auch nicht verschwendet werden. Was ist dann aber diese Zeitverschwendung, von der häufig die Rede ist? Im Grunde nur eine Bewertung der Tätigkeiten, die ihr in einem bestimmten Zeitraum ausführt. Die Annahme, etwas anderes zu tun, hätte gerade einen größeren Nutzen. Somit könnte euer Bekannter sagen: "Ich empfinde es als Zeitverschwendung, wenn ich Videospiele spiele.", aber nicht: "Zocken IST Zeitverschwendung."

Für Spieler fühlt sich zocken im besten Falle eben nicht so an, sondern erfüllt die Zeit mit Freude, Erfolgserlebnissen, Erkenntnis oder einfach nur Zerstreuung. An nichts davon ist etwas verwerflich. Anders gesagt: Ob Spielen Verschwendung von Zeit ist oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Aber warum stören sich manche Gemüter gerade an Videospielen so sehr? Selbst, wenn ich mich davon löse, den Wortlaut zu analysieren, gibt es mehr als einen Grund, diese Aussage als mindestens fragwürdig zu betrachten.

Was für eine Zeitverschwendung. Stattdessen könntet ihr doch einen Film gucken!Was für eine Zeitverschwendung. Stattdessen könntet ihr doch einen Film gucken!

Ein Beispiel: Wenn ich mit meinem Partner an einem Sonntagabend zusammen auf der Couch liege und "nichts tue" – was genau verschwende ich, wenn ich dann zusätzlich die Konsole einschalte? Können wir beide dann nicht mehr miteinander reden? Uns nicht zusammen beschäftigen? Nicht mehr kuscheln? Nicht mehr atmen? Wieso verschwenden wir keine Zeit, wenn wir unabhängig voneinander fette Romane lesen, die jeweils unsere volle Aufmerksamkeit einfordern?

"Na jaaaaaaaaaa, das ist ja was ganz anderes", wird euer Bekannter jetzt wohl sagen. Ja, es ist etwas anderes. Ein anderes Medium, das auf eine andere Art zur Nutzung motiviert. Zu glauben, es wäre möglich anhand objektiver Kriterien einer Staffel Sex and the City mehr Wert beizumessen als fünf Stunden The Witcher 3 - The Wild Hunt, ist naiv. Anders herum natürlich genauso. Dabei könnten die Gründe zum Schauen, Lesen, Musikhören und anderer Freizeitbeschäftigungen sogar ähnlich oder die gleichen sein, wie zum Videospielen.

Besser als Sex and the City? The Witcher 3 - Wild Hunt.Besser als Sex and the City? The Witcher 3 - Wild Hunt.

Dass Spiele in der Bewertung von Nicht-Spielern manchmal so schlecht wegkommen, liegt wohl daran, dass sie nicht ernst genommen oder als stumpfer Blödsinn betrachtet werden. Menschen, die nichts mit ihnen am Hut haben, können wohl schwer beurteilen, was an erzählerischer Tiefe und Raffinesse in einem Videospiel stecken kann. Aber auch das außen vor gelassen: Was macht beispielsweise eine sehr seichte Serie besser als ein einfaches Videospiel? Warum ist die Zeit hier besser investiert? Eure Rente sichert die Serie bestimmt nicht. Und die Ozeane werden auch nicht sauberer, wenn ihr Harry Potter lest.

Es ließe sich sicher immer etwas "Besseres" mit der eigenen Zeit anfangen, wenn ihr nur groß genug denkt. Müsst ihr aber gar nicht. Denn womit ihr die Zeit füllt, liegt bei euch. Und was davon erfüllend ist, ist vollkommen subjektiv. Wenn Videospiele erfüllend sind, ist es doch eine gute Sache, sie zu spielen. Solange durch den Konsum nicht andere, womöglich wirklich wichtige Dinge vollkommen vernachlässigt werden und niemand zu Schaden kommt, ist die Zeit ganz und gar nicht verschwendet. Also lest, schreibt, guckt, hört und spielt aus welchen Gründen auch immer! Die Zeit ist schließlich knapp.

Wie geht ihr damit um, wenn euer Hobby als Zeitverschwendung bezeichnet wird? Stört es euch oder ist es euch egal? Habt ihr jemals darüber nachgedacht, was an dieser Aussage dran sein könnte? Lasst es uns wissen, indem ihr einen Kommentar hinterlasst!

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