Test Kingdom Come - Deliverance: Es fühlt sich wie Arbeit an

von Micky Auer (23. Februar 2018)

Große Welt, große Geschichte, große Ziele: Kingdom Come - Deliverance will hoch hinaus, schafft den Aufstieg an die Spitze jedoch nur zur Hälfte. Aber ist es deswegen ein schlechtes Spiel?

"Das mittelalterliche Rollenspiel ohne Fantasy" - So könnte man Kingdom Come - Deliverance in Schlagworten zusammenfassen. Entwickler Warhorse Studios aus Prag startete 2014 eine Kickstarter-Kampagne für dieses äußerst ambitionierte Projekt. Im Mittelpunkt steht dabei eine Darstellung Böhmens im Jahr 1403. Hauptfigur ist Henry, der einfache Sohn eines Schmiedes, der sich seinen Platz in der Geschichte verdienen will.

Und "Geschichte" will hier groß geschrieben sein. Warhorse Studios hat sich zum Ziel gesetzt, die gesamte Spielwelt, alle Mechaniken, Figuren, Kleidung, Landschaft, Wirtschaft, Religion und Politik in einen authentischen Kontext zu setzen. Das lief auf den letzten Metern nicht ohne Kontroverse ab.

Da sich die persönlichen Ansichten von Daniel Vávra, Creative Director des Spiels und Mitbegründer des Entwicklerstudios Warhorse Studios, aber nicht im Endprodukt äußern - zumindest nicht offensichtlich - soll es in weiterer Folge nur um das Spiel gehen, das sich in Sachen Umfang und Komplexität nicht vor Schwergewichten wie The Elder Scrolls 5 - Skyrim verstecken muss.

In vielerlei anderer Hinsicht fällt das Projekt allerdings unbefriedigend aus. Das ist zu einem großen Teil der Technik geschuldet. Satte 28,374 GB groß ist der Patch, den ihr unbedingt vor Spielbeginn herunterladen und installieren solltet. Ansonsten gibt es zahlreiche schwere Bugs, die euch oft ein Weiterkommen im Spiel unmöglich machen. Doch auch nach dem Auflegen der digitalen Bandagen gibt es noch Probleme. Getestet haben wir die Version für PlayStation 4.

Geschichte, die Geschichte macht

Böhmen zu Beginn des 15. Jahrhunderts war nicht der angenehmste Ort zum Leben. Denn unter der Regentschaft von Wenzel von Luxemburg, genannt Wenzeslaus der Faule, regt sich Unmut im Land. Der König beschäftigt sich lieber mit Wein und Huren als mit Staatsgeschäften. Die Leidtragenden sind wie immer die einfachsten Leute in der Bevölkerung, deren Dörfer von feindlichen Heeren überrannt werden. So auch das Dorf Skalitz, in dem die Hauptfigur Henry beheimatet ist.

Henry hinterlässt einen eher dropsigen Eindruck.Henry hinterlässt einen eher dropsigen Eindruck.

Vor seinen Augen wird fast sein ganzes Dorf massakriert. Darunter auch seine Eltern sowie die junge Frau, mit der er angebandelt hat. Henry entkommt mit knapper Not und schwört Rache. Doch was kann der Sohn eines einfachen Schmiedes schon gegen die Machthaber und Heeresführer ausrichten, die die Schuld an der Tragödie tragen? Hier kommt ihr ins Spiel und sorgt dafür, dass Henry in der Manier eines Action-RPGs allerlei Fähigkeiten erlernt, sein Kampfgeschick verbessert und in der Gesellschaft aufsteigt, bis er in einer Position ist, in der die geplante Rache plötzlich gar nicht mehr so unrealistisch wirkt wie noch zu Beginn.

Der Hintergrund hat auf jeden Fall Potenzial. Die meisten Dialoge sind zumindest auf dem Papier schlüssig, in der Umsetzung gibt es jedoch so manche Szene, die arg aufgesetzt und lächerlich wirkt. Zumindest gibt es keine Widersprüchlichkeiten. Kurzum: Der Aufbau ist stimmig, die Darstellung verbesserungswürdig. Insgesamt kein Beinbruch, aber auf keinen Fall eine Meisterleistung.

Dem Hintergrund und dem Konzept des Spiels geschuldet, werdet ihr sehr viele Gespräche führen. Deren Inhalt ist allerdings selten interessant genug, um die ausufernden Dialoge genau zu verfolgen. Bei der Masse an Text fällt eine technische Schwäche leider schwerer ins Gewicht als nötig: Oft müsst ihr vor einem Gespräch Ladezeiten in Kauf nehmen, die allein für sich nicht besonders problematisch sind, in der schieren Menge jedoch bald nerven können.

Die wichtigsten Charaktere sind durchaus einprägsam gestaltet. Allerdings fallen hier starke Qualitätsunterschiede auf. Tatsächlich trefft ihr auf Figuren, die so detailliert und überzeugend gestaltet sind, dass ihr zweimal hinschauen müsst, um euch davon zu überzeugen, dass ihr nicht gerade eine Szene mit echten Darstellern betrachtet. Dann wiederum seht ihr Gesichter, die so blank und nichtssagend sind, dass ihr sie vergesst, sobald sie sich abgewendet haben. Dummerweise gehört ausgerechnet Hauptfigur Henry zur letzteren Kategorie.

Die Erzählung insgesamt wirkt nicht besonders dynamisch. Zu oft müsst ihr euch mit Nebentätigkeiten aufhalten, während derer euch zwar viele Hintergrundinformationen zufallen, die jedoch nur dann von Belang sind, wenn ihr wirklich Interesse daran habt, etwas über das Leben im Mittelalter zu erfahren. Dieser gute Ansatz und die halbherzige Ausführung zieht sich auch durch viele der Quests. Oft beginnt eine Questreihe mit einer kleinen Aufgabe, die ein paar Stationen später recht umfangreiche und auch gefährliche Ausmaße annimmt. Dann wiederum bestehen Einzelschritte in der Lösung aus so überholten Konzepten wie "Sammle X Stück von Y." Mit solchen Spielereien sabotiert sich das Spieldesign selbst.

Sieht toll aus ... auf Standbildern

In vorhergehenden Präsentationen zeigt sich Kingdom Come - Deliverance als grafisches Prachtstück. Eine lebendige, wunderschön gestaltete Welt wurde da in Videos inszeniert. Dramatischer Lichteinfall, stimmungsvolle Wettereffekte, dynamische Kamerafahrten und makellose Darstellung. Das alles gibt es auch im fertigen Spiel, jedoch nur in Form vorberechneter Zwischensequenzen.

Lasst euch nicht täuschen: Nur auf Standbildern wirkt die Grafik so detailliert wie hier.Lasst euch nicht täuschen: Nur auf Standbildern wirkt die Grafik so detailliert wie hier.

Die optische Präsentation will wirklich um jeden Preis gefallen. Die offene Welt des Spiels geizt nicht mit üppiger Vegetation und glaubhaft dargestellten Städten und Dörfern. Ich selbst habe mich dabei ertappt, einfach am Ufer eines Flusses entlang zu laufen und die Landschaft zu bewundern. Hier spielt Kingdom Come eine seiner größten Stärken aus: Die Welt lädt euch dazu ein, sie zu erforschen. Doch es gibt da einen Haken (eigentlich zwei, doch dazu kommen wir später).

Steht ihr im Spiel still und betrachtet in Ruhe die Landschaft, könntet ihr euch den Anblick als Screenshot ausdrucken und mit einem Rahmen versehen an die Wand hängen. Setzt ihr euch aber in Bewegung, sieht die Sache anders aus. Die Bildwiederholrate ist nicht stabil, stottert gerne mal und liegt im besten Fall bei 30 Bildern pro Sekunde.

Gräser, Blumen und belaubte Äste in den zahlreichen Wäldern offenbaren viel zu schnell, dass sie grob dargestellte und teils wirklich schlecht aufgelöste 2D-Objekte sind. Viel zu oft entlarvt ihr die Vegetation als kreuzförmig angelegte digitale Kleiderständer für lose Texturen. Da ihr oft dazu angehalten werdet, nach Kräutern zu suchen und diese zu ernten, blickt ihr ständig von oben herab auf Wiesen und Felder, die vor allem aus dieser Perspektive äußerst unschön und kahl wirken. Habt ihr das einmal gesehen, werdet ihr es nicht mehr los und seht diese Mängel in der gesamten Landschaft immer wieder auftauchen.

Mittelalterliche Städte und Bauten wurden so authentisch wie möglich umgesetzt.Mittelalterliche Städte und Bauten wurden so authentisch wie möglich umgesetzt.

Wichtig ist diese Schwäche deswegen, weil ihr außerhalb der Städte ausschließlich durch fast unberührte Natur wandert. Vergesst nicht: Ihr seid im Mittelalter. Hier gibt es nur Lehmstraßen und Trampelpfade. Der Rest ist lebendig und blühend. Doch leider wirkt die Natur wie gepresste Blüten, die man auf Zahnstochern in die Landschaft gesteckt hat. Lauft ihr durch einen dichten Wald, verkommt die Grafik zu einem wild zusammengewürfelten Konglomerat aus grünen und braunen Texturfetzen.

Nicht mehr so oft wie vor dem Patch doch immer noch vorhanden sind recht gruselige Erscheinungen in Städten, wenn zum Beispiel ein kopfloser Körper an euch vorbeigeht, das dazugehörige Haupt einen Meter darüber schwebt und euch einen finsteren Blick schenkt. Besonders unschön sind auch die stets vorhandenen Pop-Ups. Ihr seht quasi ständig, wie die Landschaft sich rund um euch herum aufbaut.

Großflächige Texturen an Wänden werden zu spät geladen, Kleidung von Figuren taucht schichtenweise aus dem Nichts auf, ständig ist irgendwo eine größere Fläche am Flackern und am Zittern. Schlimm wird es, wenn eine Bodentextur komplett verschwindet und ihr den Bereich nicht betreten könnt oder einfach ins Bodenlose stürzt. Das ist auch nach dem riesigen Patch noch ein Problem. Selbst in der Menü-Ansicht könnt ihr nicht ohne Probleme die Rüstung betrachten, die Henry trägt. Eine statische Umgebung mit nur einer Figur, die in dem Fall nicht mal animiert ist und trotzdem zappelt, wackelt und flackert jedes Kleidungsstück? Das muss echt nicht sein.

In der Gesamtbeurteilung lässt sich sagen, dass Kingdom Come einem großartigen Grafik-Konzept folgt. Die Welt ist sinnvoll aufgebaut, die Gestaltung kann sich sehen lassen, jedoch macht die Technik diesen Eindruck weitestgehend zunichte. Ganz ehrlich: Die Cry Engine, auf der das Spiel basiert, kann das eigentlich besser.

Zurückhaltend präsentiert sich die Sound-Kulisse. Neben gefälligen und melodiösen Arrangements, die von unaufdringlich bis hübsch rangieren, gibt es allerlei Soundeffekte, die vermutlich aus dem Leben gegriffen sind. Diese tragen ebenso unauffällig zur Atmosphäre bei und sind definitiv als Pluspunkt zu bewerten.

Arbeit, die sich wie Arbeit anfühlt

Die einzelnen Mechaniken, die in Kingdom Come zusammenkommen, sind äußerst komplex und gehen weit über menübasierte Funktionen hinaus. Der Gedanke ist eigentlich begrüßenswert. Doch wie so vieles in diesem Spiel bleibt es beim Lob für die Idee, denn an der Umsetzung scheiden sich die Geister.

Die Kampfmechanik ist mindestens gewöhnungsbedürftig.Die Kampfmechanik ist mindestens gewöhnungsbedürftig.

Allen voran der Kampf. Er macht schlicht und ergreifend keinen Spaß. Eine sinnvolle Nahkampfmechanik aus der Ego-Perspektive ist schwer umzusetzen. Dahingehend müssen sich auch die ganz großen wie das zuvor erwähnte Skyrim Kritik gefallen lassen. Warhorse Studios versuchen hier, tatsächlich existierende Kampftechniken spielerisch umzusetzen.

Das System mag verwirrend erscheinen, ist jedoch mit etwas Übung schnell durchschaut und verinnerlicht. Problematisch ist die Anwendung, denn die ist alles andere als intuitiv. Ohne darüber nachzudenken: Wofür nutzt ihr den rechten Stick auf einem Controller? Vermutlich zum Steuern der Kamera. Hier hingegen wählt ihr damit im Kampf die Körperregion des Gegners aus, die ihr angreifen wollt. Hunderte von Spielen haben uns eingebläut, wie eine 3D-Steuerung funktioniert. Kingdom Come ist das egal und so wird der Kampf gerade anfangs zum unkontrollierten Chaos.

Bewegt ihr euch aus der Sicherheit einer Stadt hinaus, trefft ihr mitunter schnell auf Wegelagerer, die euch mit zwei Hieben das Licht ausblasen. Was macht ihr dann? Schnell in die Trainings-Arena und den Kampf üben! Was geschieht? Euer Ausbilder tötet euch fast. Streit im Wirtshaus gesucht? Ihr verblutet. Den Stallburschen schräg angeschaut? Mit der falschen Frau geliebäugelt? Einen alten Schuldner angesprochen? Zufällig jemanden angerempelt, der dafür die Stadtwache auf euch hetzt? Egal, was ihr tut oder nicht tut, es endet immer mit Henrys Tod.

Und da frage ich mich: Was will das Spiel von mir? Auf der einen Seite eine große, offene Welt, die ich erforschen soll und in der ich von einer Ecke in die andere geschickt werde, um Quests zu erfüllen. Auf der anderen Seite ständig und überall Gegner, die mich vernichten. Und ganz ehrlich: Soooo schlecht bin ich nicht, dass ich nicht wüsste, wie man in einem Spiel dieser Art überlebt.

Der Hohn: Es gibt eine Schnellreisefunktion. Doch die ist weder schnell noch sicher. Ihr beobachtet, wie ein Figürchen in Zeitlupe auf der Übersichtskarte von A nach B wandert. Zu jedem Zeitpunkt könnt ihr dabei in einen Kampf geraten, gerne mal mit zwei oder drei gut ausgerüsteten und übermächtigen Gegnern.

Ähnlich verschachtelt sind alle anderen wichtigen Elemente, wie Alchemie, wo ihr die einzelnen Gerätschaften richtig bedienen sollt, um euch allerlei Tränke und Tinkturen zu brauen. Dafür gibt's Punkte in der entsprechenden Eigenschaft. Zuvor solltet ihr aber die Rezepte lesen. Der Sohn eines Schmiedes kann aber nicht lesen, daher erstmal lesen lernen. Und Kräuter braucht ihr auch, die wollen gesammelt werden. Macht ihr das oft genug, werden eure Beine kräftiger, weil ihr ständig in die Knie geht. Alles greift ineinander, das ist lobenswert. Dennoch will es nicht so recht Spaß machen. Alles, was ihr in Kingdom Come tut, fühlt sich wie Arbeit an.

Die Schnellreise, die keine war: Bewegung in Zeitlupe und jederzeit allen Gefahren ausgesetzt.Die Schnellreise, die keine war: Bewegung in Zeitlupe und jederzeit allen Gefahren ausgesetzt.

Selbst die Menüs sind undurchsichtig und unübersichtlich aufgebaut. Die Navigation darin verkommt gerade zu Beginn zum Ratespiel. Selbst wenn ihr durchschaut habt, was wo wie bewirkt, ist immer noch Vorsicht geboten, da der Menü-Aufbau ähnlich unintuitiv wie die Kampfmechanik ist. In einem Rollenspiel, in dem ihr viel Zeit im Menü verbringen werdet, ist das ein No-Go. Außerdem: Jeder Rollenspieler weiß, dass man oft Zwischenspeichern sollte. Wollt ihr das in Kingdom Come tun, müsst ihr entweder ein Bett finden, um zu schlafen, eine wichtige Szene ansehen, eine Quest annehmen (in dem Fall wird automatisch gespeichert), oder ihr nehmt einen speziellen Trank zu euch, der euch an jeder beliebigen Stelle einmal speichern lässt. Wollte man auch hier authentisch sein, weil man im Mittelalter nur schwer einen Spielstand speichern konnte? Das hier ist nicht Resident Evil, wo die limitierten Speicheroptionen zur Spannung beitragen. Es ist ein riesiges Rollenspiel, dass diese Freiheit unbedingt voraussetzt.

Und das ist nun mal in seiner Gesamtheit "Thema verfehlt". Die Erklärungen, die das Spiel in geschriebenen Tutorials vermittelt, sind viel zu oft lückenhaft und nicht hilfreich. Grafische Darstellungen von Abläufen wie Feilschen sind unnötig undurchsichtig und unverständlich, obwohl der Vorgang selbst recht simpel ist. Das Knacken von selbst einfachen Schlössern verkommt zur Nervenprobe, Taschendiebstahl ist selbst mit ausgebauten Werten noch viel zu sehr ein Glücksspiel. Es kann irgendwas nicht stimmen, wenn man sich ständig dabei erwischt zu sagen: "Oh nein, bitte nicht schon wieder ein Faustkampf. Bitte nicht noch ein Diebstahl. Nicht schon wieder ein Schloss knacken. Oh je, der greift mich an. Oh nein, eine Gesprächsoption mit acht Unterpunkten. Muss ich jetzt wirklich selbst einen Trank brauen?"

Versteht ihr? All diese Punkte sollten eigentlich Spaß machen! Stattdessen seufzt man ein paar Mal zu oft, wenn wieder eine solche Aufgabe ansteht und wünscht sich, man könnte einfach am Flussufer stehen und den Sonnenuntergang betrachten. Kann man, aber das allein rechtfertigt nicht den Preis eines Videospiels.

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Tags: Singleplayer   Kickstarter  

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