Abgestaubt: Wie gut ist Castlevania - Symphony of the Night gealtert?

(Special)

von Micky Auer (26. Februar 2018)

Seit NES-Zeiten gehört Castlevania zu den großen Namen in der Welt der Videospiele. Doch erst mit Castlevania - Symphony of the Night erschuf Konami einen Meilenstein. Wie viel davon könnt ihr auch heute noch im Spiel feststellen?

Wenn wir in die Vergangenheit blicken, tragen wir oft die tiefrosa gefärbte Nostalgie-Brille. Viele der Spiele, an die wir uns erinnern, sind absolut grandios, unvergesslich und stellen einen Meilenstein für das Medium dar. Doch was geschieht, wenn wir diese Brille für einen Moment absetzen? Was kommt da zum Vorschein? In dieser Reihe betrachten wir die schönen Erinnerungen der Vergangenheit mit der nötigen Kritik.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Am 4. November 1997 fragten sich viele Besitzer einer PlayStation: "Wo sind all die Belmonts hin?" Die Hauptfigur im damals neu erschienenen Castlevania - Symphony of the Night gehört nicht zum alteingesessenen Clan der Vampirjäger. Stattdessen ist die schlanke Gestalt mit der bleichen Haut und den feminin anmutenden Gesichtszügen unter dem wehenden weißen Haar der Sohn des Grafen Dracula. Sein Name ist Alucard - und ja, das ist nichts anders als "Dracula" rückwärts geschrieben.

Auf den ersten Blick scheint der junge Fürst der Finsternis ein ganz klassisches Castlevania-Abenteuer zu beschreiten. Dazu gehören schlechte Texte voller Pathos, überladene, viktorianisch angehauchte Romantik, düstere Gruselschlösser voller Monstrositäten aus der Stummfilmzeit des Horrors und im allgemeinen gute bis sehr gute Spielbarkeit in einer 2D-Umgebung.

Auch wenn dies alles vorhanden ist, so ist Symphony of the Night alles, bloß kein herkömmliches Castlevania-Spiel. Zumindest gemessen an den Vorgängern. Tatsächlich ist es ein Aufbruch in eine neue Richtung für die Serie. Anstatt linearer Levels öffnen sich euch im Spiel neue Wege, die auch mal dazu führen, dass ihr bereits erforschte Räumlichkeiten erneut besuchen müsst und dort mithilfe neugewonnener Fähigkeiten vielleicht auch neue Waffen oder Gegenstände findet.

Der Aufbau erinnert stark an die Metroid-Serie von Nintendo. Ein neues Genre mit der Bezeichnung "Metroidvania" ist geboren. Dazu kommen noch starke Rollenspielelemente wie Erfahrungspunkte, Stufenanstiege und damit verbunden verbesserte Charakterwerte. Alucard hat auch Zugriff auf über hundert Waffen und Ausrüstungsgegenstände. Zaubersprüche spielen eine wichtige Rolle, ebenso wie Spezialangriffe, die ihr mit Tastenkombinationen ausführt, wie ihr sie aus Prügelspielen kennt.

Damit nicht genug! Das Spiel wartet am vermeintlichen Ende mit dem damals größten Twist der Spielebranche auf. Nach dem Sieg über den Endboss (wer das ist, soll nicht verraten werden) müsst ihr das gesamte Schloss nochmal erforschen, jedoch steht es im zweiten Durchgang auf dem Kopf. So ergeben sich nicht nur komplett neue Levels, sondern ihr trefft auch auf neue Feinde und Bosse, ebenso nimmt die Geschichte neue Wendungen.

Das neue Konzept kommt bei Spielern und Presse gleichermaßen gut an, ein Klassiker wurde geboren. Schneller Vorlauf von 1997 ins Jahr 2018: Wie empfindet man diese einstige Spieleperle, wenn man sich heute nochmal daran versuchen würde? Oft enttäuscht auch bei besonders guten Spielen der eine oder andere Aspekt nach heutigen Standards. Symphony of the Night hingegen sorgt für eine Überraschung, mit der wir wirklich nicht gerechnet hätten.

Keine Frage der Technik

Wenn man sich ein über 20 Jahre altes Spiel ansieht - also: wirklich ansieht und ausprobiert, nicht bloß in Erinnerungen daran schwelgt - werden oft viele Dinge brutal klar. Da ist die Grafik nicht mehr zu ertragen, die Spannung ist weg, die Story ist peinlich, die Technik ein Verbrechen ... Manche dieser Dinge sind der fortschreitenden Technik geschuldet, manche dem Design, das nur für den Moment gedacht war, jedoch nicht für die Ewigkeit.

Symphonty of the Night kann euch heute noch überzeugen.Symphonty of the Night kann euch heute noch überzeugen.

Im Falle von Castlevania - Symphony of the Night trifft davon kaum etwas zu. Außer dem recht minimalistisch gemachten Render-Intro deutet nur wenig darauf hin, dass es sich um ein Spiel für die PlayStation handelt. Es könnte ebenso gut ein recht aufwändig produziertes 16-Bit-Spiel sein. Und das ist im positiven Sinn gemeint. Denn Symphony of the Night besticht auch heute noch durch drei große Punkte:

  1. Die Grafik verlässt sich auf Pixel-Ästhetik, die selbst heute noch hoch im Kurs steht. Schaut euch den Trend in so vielen Indie-Produktionen an! Viele Entwickler versuchen, dieses Design in einen zeitgenössischen Kontext zu übernehmen. So auch größere Entwicklungen wie Project Octopath Traveler. Die Gestaltung beweist und behauptet sich als zeitlos. Auch heute noch könnt ihr das Spiel anschauen, ohne, dass euer ästhetisches Empfinden dabei gestört wird.

  2. Das Spiel ist ein Lehrstück in Sachen Level-Design! Selbst wenn ihr nur die erste Hälfte absolviert, habt ihr es mit schlüssigen, abwechslungsreichen und logisch aufgebauten Levels zu tun, die von Mal zu Mal spannender und interessanter werden. Dass diese Levels auch auf dem Kopf stehend funktionieren, ist ein offener Beweis für das Können der Level-Designer.

  3. Alles, was sich damals einer gewissen Kritik nicht entziehen konnte, geht heute locker als "nostalgischer Trash" durch. Dazu zählen das eher peinliche Intro-Filmchen, der über alle Maßen melodramatische Text und die nicht minder melodramatisch inszenierten Figuren. Tatsächlich gewinnt aus heutiger Sicht das Spiel sogar dadurch.

Schwere Worte mit Donnerstimme vorgetragen: Graf Dracula steht nun mal auf Pomp.Schwere Worte mit Donnerstimme vorgetragen: Graf Dracula steht nun mal auf Pomp.

Die musikalische Begleitung war und ist eine Sache für Fans. Der eigentümliche Mix aus gotisch anmutenden Klängen mit schweren und unheimlichen Chorälen sowie von J-Pop inspiriertes Gitarren-Geschmetter ist nicht jedermanns Fall. Die meisten Spieler finden oft einen der beiden Stile nicht so toll, die Freunde beider Richtungen kommen natürlich voll und ganz auf ihre Kosten. Fest steht: Der Soundtrack ist heute noch genau so gut oder genau so schrecklich wie vor über 20 Jahren. Wie er bei euch ankommt, hängt ganz von euren Geschmäckern ab.

Das Urteil

Die Spielmechanik, die Steuerung und die sich daraus ergebende Dynamik haben ebenfalls nichts an Attraktivität verloren. Wie man Figuren in 2D-Umgebungen exakt kontrolliert, wussten Entwickler damals natürlich bereits bestens. Diese Perfektion eines klassischen Prinzips kann kaum verkehrt sein. Den Schritt in eine die Zeiten überdauernde Richtung in Hinblick auf die Spielbarkeit schafft die motivierende Jagd nach Erfahrungspunkten, das Finden neuer Ausrüstungsgegenstände und Waffen sowie die Einbindung von Kommandos, die direkt aus einem Prügelspiel stammen könnten.

Symphony of the Night erschien auch zum Download für Xbox 360.Symphony of the Night erschien auch zum Download für Xbox 360.

Castlevania - Symphony of the Night beschreitet mit einem Mal so viele neue Wege, wobei keine dieser Richtungen ein gänzlich neues Konzept darstellt. Das Spiel findet einfach nur den idealen Weg, all diese erprobten Aspekte aus bekannten Spielen harmonisch zu vereinen und zu etwas Neuem umzuformen. "Metroidvania" mag diesen Ansatz vielleicht grob beschreiben, doch tatsächlich steckt viel mehr dahinter.

Nun mag man den Entwicklern vorwerfen, sie hätten all diese Ideen geklaut. Tja, mag sein. Vielleicht auch nicht. Wir wissen es nicht. Aber einfach nur Ideen aus anderen Spielen nehmen und neu zusammenrühren ist nur der halbe Weg. Die einzelnen Mechaniken aufeinander abzustimmen und sie miteinander harmonieren zu lassen, das ist die wahre Kunst, die in Symphony of the Night in allen Bereichen zu erkennen ist.

Das Gegner-Design vermittelt seinen ganz eigenen Flair.Das Gegner-Design vermittelt seinen ganz eigenen Flair.

Über die Jahrzehnte hinweg verteilt gibt es ein paar Spiele, die wie ein Leuchtfeuer einen wichtigen Punkt in der Branche markieren. Es muss nicht unbedingt eine gänzlich neue Richtung sein, die ein Spiel hervorhebt, aber es könnte als Zeichen für eine symbolische Tür dienen, die sowohl den Entwicklern als auch den Spielern eine ganz neue Tür in ebenso neue Welten öffnet.

Denkt zum Beispiel an Super Mario 64. Mit ein paar groben Polygon-Figuren, wenigen Farben und einem blechernen Soundtrack zeigte Nintendo der gesamten Branche, wie man ein actionreiches Spiel in einer 3D-Umgebung inszeniert. Gute Entwickler orientieren sich noch heute an dieser Meisterleistung. Symphony of the Night hingegen zeigt, wie man alles, was bisher gut und spielbar war, mit neuen Ideen anreichert, um eine bereits etablierte Welt zu öffnen und für eine neue Generation zugänglich zu machen.

Kurzum: Castlevania - Symphony of the Night ist nicht einfach nur gut gealtert, sondern regelrecht gereift. Aus meiner Sicht macht das Spiel heute noch genau so viel Spaß wie zum Zeitpunkt seines Erscheinens. Es markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Serie und gibt gleichzeitig neue Impulse für die gesamte Industrie. Wenn ihr die Gelegenheit habt, dieses Meisterwerk zu spielen, so kann ich euch nur wärmstens ermutigen, keine Sekunde zu zögern und es zu tun.

Tags: Abgestaubt   Retro  

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