Geniale Demos: Mehr als nur ein erster Einblick

(Kolumne)

von Marvin Heiden (27. Februar 2018)

Auf den ersten Blick sind Demos vor allem eines: Produktmarketing. In einigen seltenen Fällen können sich allerdings auch hier wahre Spieleperlen verbergen. Über ein zu Unrecht unterschätztes Medium.

Ihr alle kennt das: Da erscheint bald ein neues Spiel, das auf den ersten Blick ganz nett aussieht, aber so ganz überzeugt davon, ob es wirklich den Preis von 50 bis 80 Euro rechtfertigt, seid ihr noch nicht. Also wälzt ihr Artikel, vergleicht Testberichte, schaut Trailer und zockt - falls vorhanden - die dazugehörige Demo. Wie kein anderes Vorschaumedium verspricht nämlich die Demo die Spielerfahrung möglichst genau so zu vermitteln, wie ihr sie später beim Zocken der Vollversion empfindet.

Hausflur des Grauens: P.T. war auch ohne das beworbene Silent Hills ein großer Erfolg.Hausflur des Grauens: P.T. war auch ohne das beworbene Silent Hills ein großer Erfolg.

Allerdings kommt es manchmal vor, dass die Demo eben nicht nur einen Teil der Vollversion darstellt - wie zum Beispiel eine abgespaltene Mission oder einen kleinen begehbaren Abschnitt der Spielwelt - sondern Content enthält, der genauso im eigentlichen Spiel gar nicht auftaucht. In so einem Fall werden Demos zu eigenständigen Spielen, die von dem Produkt, das sie eigentlich bewerben sollen, zum Teil stark abweichen. Spielplätze für Entwickler, wo ohne gravierende Konsequenzen etwa neue Ideen für etablierte Lizenzen ausprobiert werden können.

P.T. - Unvollständiges Meisterwerk

Ein Beispiel für eine Demo, die ganz für sich allein Karriere gemacht hat, ist P.T., der sogenannte "Playable Teaser" zu Hideo Kojimas eingestampftem "Silent Hill"-Reboot. Es ist zugegebenermaßen schwierig, wenn nicht sogar unmöglich vorherzusehen, wie das gecancelte Hauptspiel hätte aussehen sollen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass P.T. eine abgeschlossene Geschichte erzählt, die an sich nicht zwangsläufig mit dem "Silent Hill"-Kosmos in Verbindung steht. In Anlehnung an beliebte Indie-Horrorgames wie Slender hat sich die Demo zu einem idealen Horrorsnack für zwischendurch gemausert, nicht zuletzt gerade weil sie sich von ihrem Hauptspiel verselbstständigt hat.

Resident Evil 7 Demo - Ein modernes Maniac Mansion?

Die Macher von Resident Evil 7, der aktuellsten Fortsetzung des beliebten Zombie-Schockers, nahmen sich offenbar ein Beispiel am Erfolg um das Mysterium P.T. und entwarfen ebenfalls eine sehr spezielle Demo. Resident Evil 7 Beginning Hour, so der Titel, handelt von den Ereignissen, die unmittelbar vor der Haupthandlung stattfinden. Als Kameramann einer Truppe von Geister-Dokumentarfilmern, betretet ihr das vermeintlich verlassene Gruselhaus der Hillbilly-Familile Baker. Im Haus überschlagen sich dann die Ereignisse: Die Kollegen verschwinden einer nach dem anderen, völlig allein gelassen sucht ihr nach einem Ausweg. Ihr entdeckt einen Geheimgang, Papa Baker kommt mit dem Knüppel und setzt eurem Leben ein Ende. So weit so unspektakulär. Aber halt! Geheimgang? Was ist, wenn ihr den Geheimgang schon früher betreten hättet? Bevor er euch im scheinbar geradlinigen Spielverlauf automatisch vorgestellt wurde?

Resident Evil 7: Ist die Demo womöglich innovativer als das Hauptspiel?Resident Evil 7: Ist die Demo womöglich innovativer als das Hauptspiel?

Der eigentliche Clue von Beginning Hour wird nämlich erst beim zweiten Spielen deutlich. Denn besagter Geheimgang kann schon ab der allerersten Sekunde im Spiel entdeckt werden. Vorrausgesetzt ihr habt diese Information, verändert das wiederum den Verlauf der Ereignisse drastisch. Plötzlich findet ihr neue Items, löst Rätsel, die euch zuvor fragend am Kopf haben kratzen lassen und könnt neue Bereiche des Hauses betreten, die bisher verschlossen blieben. Und genau da hat die Demo im Vergleich mit ihrem großen Bruder Resident Evil 7 die Nase vorn, denn hier wird die Geschichte größtenteils linear erzählt, während Beginning Hour gleich mehrere Lösungswege und mehrere Enden anbietet.

Mit jeder neuen Partie lernt ihr die Spielumgebung besser kennen und schaltet euch so nach und nach immer mehr Bereiche frei. Es entsteht eine Art modernes Maniac Mansion, dessen Spielkonzept sich durch Kombinationsrätsel und Beeinflussung der Spielwelt erstaunlich frisch anfühlt. Zudem ist Beginning Hour - ähnlich wie auch P.T. - frei von jeglichem Ballast der zum Teil unfreiwillig trashigen Story von Resident Evil, die das Hauptspiel vor allem in späteren Abschnitten leider eher ins Lächerliche ziehen.

Demos als kreativer Spielplatz

Festzuhalten ist, dass sich vor allem im Horror-Genre der Trend abzeichnet, Demos als Ergänzung und nicht als Auskopplung zu betrachten. Eine Entwicklung, die potenziell für mehr Experimentierfreudigkeit und Kreativität im endlosen Kreislauf der ewig gleichen Fortsetzungen und Reboots sorgt. Entsteht hier vielleicht sogar ein gänzlich neues Genre? Das bleibt abzuwarten.

Abschließend sei hier noch auf die wunderbare Demo von The Stanley Parable hingewiesen. Denn typisch für den konfus-faszinierenden Erzählstil des Indie-Lieblings wird hier sogar das Konzept der Demo an sich metatheoretisch aufs Korn genommen.

Tags: Horror   Gratis  

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