Rollenspiel trifft Realität: Ein Tag im Leben eines "Level 8"-Schwertkämpfers

(Special)

von René Wiesenthal (27. Februar 2018)

Fantasy-Rollenspiele vermitteln einen romantischen und aufregenden Eindruck vom Heldendasein. Doch die typischen Abläufe im RPG-Alltag wirken in einem realistischeren Alltagsszenario gar nicht mehr so imposant, sondern vielmehr absurd und frustrierend. Begleitet mit uns einen Rollenspiel-Schwertkämpfer durch einen ganz normalen Tag seines undankbaren Lebens.

Ein Spiel wie Kingdom Come – Deliverance möchte euch ein realistisches und authentisches Rollenspielerlebnis vermitteln, bleibt aber letztendlich auch nur, was es ist: Ein Spiel. Wie mühsam das fiktive Mittelalter sein kann, zeigt es aber durchaus. Eure Helden haben aber auch in klassischeren Fantasy-Rollenspielen wie The Elder Scrolls 5 - Skyrim nicht viel zu lachen, wenn ihr genauer darüber nachdenkt.

In Kingdom Come bedeutet jede Tätigkeit Arbeit. Auch das Kampfsystem:

Während ihr Spaß vor dem Bildschirm habt, quälen sie sich durch den anstrengenden Abenteureralltag. Fühlt euch einmal hinein in eure Recken, lasst klassische Rollenspielfantasie mit eurer Alltagsrealität verschwimmen. Stellt euch einmal das Leben eines typischen Rollenspielhelden vor. Lernt Dönerfaust kennen!

Neuer Tag, neue Quest

Dönerfaust schaut sich neugierig in den Straßen der Stadt um. Er ist vor wenigen Momenten erst per Schnellreise in Einsamkeit angekommen, um einem Quest-Marker nachzugehen, den er auf seiner Karte hat. Leider kann er nicht mehr zuordnen, zu welchem Auftrag der gehört, wodurch ihm nichts anderes bleibt, als am Zielort nachzusehen. Stadtzentrum, sagt das HUD. Hoffentlich ist das gut angebunden. Er fühlt sich etwas unvorbereitet. Was, wenn ein Bosskampf wartet und sein Level zu niedrig ist?

Sein Vater hing ihm schon seit Jahren in den Ohren, er habe sich vollkommen verskillt und wie aus ihm denn mal was werden solle. "Junge, wärst du nur Kampfmagier geworden! Da ist das Endgame ein Kinderspiel", hat er immer gesagt. "Eines Tages, wenn ich mal nicht mehr kann, musst du das Gold farmen!" Aber Dönerfaust wollte sein eigenes Ding machen und so zog er aus in die Welt, um zu grinden. Als "Stufe 8"-Schwertkämpfer ohne Schwert und mit einer überschaubaren Anzahl an Fertigkeiten gar kein so leichtes Unterfangen, wie er feststellen musste.

Artenschutz? Auf's Maul! Wölfe können guten Loot dabei haben.Artenschutz? Auf's Maul! Wölfe können guten Loot dabei haben.

In Ost-Tamriel gibt es seit kurzem wieder Wölfe. Dönerfaust war einem in der Nähe seines Heimatortes begegnet, als er im Wald einer Filler-Quest nachging: Pilze fürs Abendessen sammeln. Er hatte dem Wolf eins mit dem Nudelholz übergebraten und ihn anschließend bis auf die Knochen gelootet. Der Wolf hatte unter anderem eine zweihändige Streitaxt dabei, die Dönerfaust wegen seines zu niedrigen Stärkewertes nicht anlegen konnte. Vielleicht lässt die sich wenigstens zu Geld machen, dachte er, als er sie in seinem Lendenschurz verstaute.

Unnötiger Ballast

Es ist 8 Uhr morgens und die ersten NPCs von Einsamkeit setzen sich in Bewegung. Eine gute Gelegenheit, erst einmal die Ausrüstung auf Vordermann zu bringen. Er geht zum nächsten Händler, welcher etwas verwundert schaut, als Dönerfaust die Axt auf seiner Theke präsentiert. Die könne er nicht bezahlen, sagt der Händler. Also nimmt Dönerfaust als zusätzlichen Gegenwert zwei doppelte Brötchen und ein belegtes Baguette mit. Der Bäcker hat nun eine Streitaxt, muss aber ohne Wechselgeld auskommen.

Rollenspielhelden haben so manchen Ballast mit sich herumzutragen.Rollenspielhelden haben so manchen Ballast mit sich herumzutragen.

Dönerfaust hatte schon mehrfach gehört, dass einige Viertel von Einsamkeit in den letzten Jahren durch Gentrifizierung stark verändert wurden. Das zeigt sich ihm nun eindrücklich. Die NPCs mustern ihn argwöhnisch, als er im Lendenschurz durch die Straßen flaniert. Die Bewohner sind auffällig schick gekleidet und die Wohnhäuser mit wunderschönen Texturen versehen. An eine Hauswand wurden Farbbomben geworfen. Darunter ein Schriftzug: "Hochelfen raus aus unserem Kiez!" Scheinbar profitieren nicht alle vom Wandel.

Und täglich grüßt die Filler-Quest

In der Innenstadt angekommen findet er den NPC, bei dem er seine Quest abgeben kann. Aber welche ist es noch gleich? Er spricht den Mann unter dem grün leuchtenden Pfeil an und holt instinktiv einen Brief aus seiner Unterhose. Genau, der Brief! "Den habe ich in einem Wolf gefunden. Deine Freundin möchte mit dir Schluss machen." Der Mann ist sauer. Er fragt, was ihn das anginge und warum das nicht auch auf dem Postweg gegangen wäre. Das fragt sich Dönerfaust auch. Na ja, wird schon die 50 Erfahrungspunkte wert gewesen sein, hierher zu kommen.

Sonst macht es ja keiner: Auch Filler-Quests brauchen einen willigen Helden.Sonst macht es ja keiner: Auch Filler-Quests brauchen einen willigen Helden.

Mit gesenktem Haupt läuft Dönerfaust ein paar Schritte nach hinten, um die Straße zu passieren. Plötzlich gehen ihm die Aktionspunkte aus. Na toll, jetzt heißt es abwarten. Ein Reiter nähert sich mit großer Geschwindigkeit, doch Dönerfaust kann nichts tun außer in dessen Richtung zu starren. Geistesgegenwärtig greift er nach einer Halskette, die er vor seiner Abreise im Haus der Nachbarn gefunden und fast schon wieder vergessen hatte. "Plus 9 physische Verteidigung – ich bin gerettet."

Erzähl' mir einen vom Pferd!

Als Dönerfaust zu sich kommt, ist er von Stadtwachen umringt. Er habe das Pferd eines Soldaten beschädigt: 50 Goldmünzen oder Gefängnis. Dönerfaust zahlt sich frei und wird verwundet am Boden liegen gelassen. Eine klaffende Wunde verläuft quer über seinen Bauch. Kurz bevor er das Bewusstsein verliert, fällt ihm ein, dass er ja noch die Semmeln dabei hat. So ein Glück! Er legt sich das Backwerk auf die offene Wunde, die Blutung stoppt augenblicklich. Das war knapp.

Der Heldenalltag kann sehr ermüdend sein.Der Heldenalltag kann sehr ermüdend sein.

Seit seiner Ankunft in Einsamkeit ist eine ganze Stunde ins Land gezogen und so bricht die Nacht über der Stadt herein. Zeit, sich zur Ruhe zu legen. Dönerfaust schleppt sich in das nächstgelegene Hotel und spricht die Rezeptionistin an. "Reden? Handeln? Übernachten?" – Übernachten, bitte, quält er sich heraus. Er lässt seine letzten 300 Goldmünzen an der Rezeption liegen und wankt wie ferngesteuert in Richtung Hinterzimmer, wo ein wohlverdientes Bett und erholsamer Schlaf auf ihn warten. Er lässt sich ins Laken fallen und schließt langsam die Augen. Als er sie drei Sekunden später wieder öffnet, steht er im Foyer des Hotels mit voll aufgeladener Gesundheit. Ein neuer Tag beginnt. Der Quest-Marker weist auf eine Stadt am anderen Ende der Karte hin. Dönerfaust tritt die lange Reise an ...

Wie er seht, ist das Leben eines Rollenspiel-"Helden" nicht so aufregend und romantisch, wie ihr euch das vielleicht manchmal vorstellt. Vielleicht konnte unsere kleine Geschichte ja dabei helfen, etwas mehr Empathie für selbstgebastelte Avatare in euch zu wecken. Wenn ihr euch das nächste Mal mit eurem Charakter auf Reisen begebt, denkt an Dönerfaust!

Tags: Fantasy   Fun   Open World  

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