Zum Greifen nah: Warum ihr Spiele kurz vorm Ende abbrecht

(Kolumne)

von René Wiesenthal (06. März 2018)

Dass ihr Spiele nicht beendet, kann viele Gründe haben. Vor allem, wenn ihr sie schon bis kurz vor Schluss gezockt habt, sind diese aber mitunter recht speziell. Oftmals lassen sich in so späten Abbrüchen Muster beobachten, die wir euch im Folgenden einmal aufzeigen möchten.

Es kann generell sehr schwer auf der Seele lasten, ein Spiel angefangen, aber nicht beendet zu haben. Was aber bewegt euch dazu, Spielen gerade kurz vor dem Schluss eine Abfuhr zu erteilen? Aus eigenen Erfahrungen und denen von anderen Spielern habe ich ein paar der häufigsten Gründe zusammengestellt, warum ihr Spiele niederlegt, in die ihr schon so viel Zeit investiert habt, dass das Ende eigentlich zum Greifen nah ist.

Die falschen Hoffnungen

Oder auch: "Mögen wollen." Es gibt Spiele, auf die ihr richtig Lust habt. Schon lange vor dem Tag der Veröffentlichung. Sei es, weil das Internet euch mit dem Hype-Fieber angesteckt hat oder es sich um den Ableger einer Reihe handelt, von der ihr großer Fan seid. Irgendetwas lässt eure Vorfreude ins Unermessliche wachsen und stellt euch darauf ein, das Spiel genial finden zu wollen. Selbst gutes Mittelmaß wäre jetzt unerträglich. Dann ist es soweit und ihr startet es zum ersten Mal.

Das Spiel wächst nicht über die Mittelmäßigkeit hinaus. Ihr spielt immer weiter und versucht währenddessen eure Erwartungen stetig nach unten zu regulieren. Irgendwann ist der Spielspaß auf Sparflamme und die Hoffnung am Tiefpunkt, dass sich das nochmal in dem Maß ändert, wie ihr das noch vor einigen Wochen geglaubt habt. Dann steht der Endboss bevor, den ihr links liegen lasst, weil er euch egal geworden ist. Enttäuscht legt ihr das Spiel ein für allemal zurück in seine Hülle.

Lost Sphear hat mir lange vorgegaukelt, die erhoffte Retro-Perle zu sein.Lost Sphear hat mir lange vorgegaukelt, die erhoffte Retro-Perle zu sein.

So ist mir das zuletzt bei Lost Sphear ergangen. Das Spiel ist deswegen besonders heimtückisch, weil es zu Beginn noch meinen Erwartungen entsprochen hat und sich erst im späteren Verlauf als falscher Fünfziger herausstellte. Ruhe in Plastik, Lost Sphear. Es hätte alles so schön sein können.

Die falschen Erwartungen

Manchmal ist das Spiel aber auch gar nicht schlechter als erhofft, sondern einfach nur vollkommen anders. Vielleicht habt ihr euch nicht informiert, was euch erwartet, um euch die Überraschung nicht zu verderben oder Vorabbilder haben einen gänzlich falschen Eindruck vom Spiel vermittelt. Einer großen Zahl an Spielern – vermutlich den meisten seiner Käufer – erging es wohl bei No Man's Sky so.

Wie vielversprechend No Man's Sky anfangs noch aussah! Eine Mogelpackung.

Das war (und ist) kein wirklich schlechtes Spiel, aber eben ein riesengroßer Etikettenschwindel. Die Wenigsten hatten dann selbst nach langer Spielzeit wohl noch große Lust, das Zentrum des Universums zu finden, was das offizielle Ende des Spiels darstellen soll und ohnehin nicht der große Knaller war, sondern sich als ziemliche Platzpatrone entpuppte. Im Weltall hört dich niemand gähnen.

Unserem Autor Micky stand der Sinn einst nach Science-Fiction, als er das JRPG Star Ocean - The Second Story begann. Je weiter er in der Geschichte vorankam, desto mehr wurde ihm bewusst, dass der "Science Fiction"-Rahmen eher als Aufmacher für ein Spiel dient, das zu weiten Teilen in mittelalterlichen Szenerien stattfindet. Eine späte Erkenntnis, die zum Spielabbruch führte. (Jahre später hat er es dann doch beendet.)

Das Fahrradfahren verlernt

Es gibt Zeiten, da werden Spieler regelrecht überladen mit genialen Neuerscheinungen (wir erinnern uns an das Frühjahr 2017 – heiliger Bimbam!). Nachdem ihr zuvor auf dem Zahnfleisch von Veröffentlichung zu Veröffentlichung gekrochen seid, kommt ihr dann plötzlich gar nicht mehr hinterher mit Kaufen und Spielen. Solche Zeiten sind ein Garant dafür, dass mindestens ein absolutes Highlight auf der Strecke bleibt. Auf Hochdruck versucht ihr es durchzuspielen, aber noch vor dem Finale kommt der nächste Hit des Weges und der andere ist erst einmal auf Eis gelegt.

Horizon - Zero Dawn könnt ihr verlernen, wenn ihr es zu lange beiseite legt.Horizon - Zero Dawn könnt ihr verlernen, wenn ihr es zu lange beiseite legt.

Ladet ihr dann einige Zeit später euren Spielstand, stellt ihr fest, dass ihr nicht mehr klarkommt. Ihr wisst nicht mehr, wie die Steuerung richtig funktioniert, ein Rätsel muss gelöst werden, das in keinem Quest-Log auftaucht oder ihr habt schlicht vergessen, wohin ihr als nächstes gehen sollt. Im schlimmsten Fall habt ihr an einem Punkt gespeichert, der unmittelbares Handeln erfordert – zum Beispiel mitten im Kampf oder in der Nähe eines unausweichlichen Gegners. Dann müsst ihr direkt die Kampfmechanik wieder draufhaben, um weiter zu kommen. Oder aber nochmal ganz von vorne anfangen und viele Stunden und erreichte Erfolge aufgeben. Da heißt es oft auf Nimmerwiedersehen.

Alles gesehen, was ihr sehen wolltet

Dieser Grund ist irgendwie banal. Andererseits sollten wir Spieler uns den vielleicht öfter mal zu Herzen nehmen. Da wir Spiele möglichst als ausfüllend empfinden möchten (sei es, weil sie uns Spaß bereiten, fröhlich, nachdenklich oder traurig machen), können wir doch auch einfach einen Punkt setzen, sobald der Drops gelutscht ist.

Nehmen wir an, ihr spielt ein Spiel der Herausforderung wegen. Die Spielmechanik macht euch Spaß und so investiert ihr viele Stunden, die euch sinnvoll erscheinen. Sobald dieses Gefühl nachlässt, hat das Spiel augenscheinlich seinen Zweck erfüllt und ihr könnt damit aufhören. Wenn das kurz vor Schluss ist – sei es drum. Ist die Geschichte nicht Motivation genug, soll ihr Ende doch bleiben wo der Pfeffer wächst.

Breath of Fire - Dragon Quarter hat mich vor allem wegen des Kampfsystems bei Laune gehalten.Breath of Fire - Dragon Quarter hat mich vor allem wegen des Kampfsystems bei Laune gehalten.

Ich machte diese Erfahrung bei Breath of Fire – Dragon Quarter. Das Spiel hat mir einen unglaublichen Spaß gemacht, aber auf den letzten Metern war ich satt davon. Vor allem deswegen, weil der Schwierigkeitsgrad ins Unermessliche anstieg, ließ ich es bleiben und schaute mir das Ende auf YouTube an.

Umgekehrt kann das sehr viel ärgerlicher sein: Die Spielmechanik ist so übel, dass ihr euch die meiste Zeit durch das Spiel quält, um der tollen Geschichte zu folgen. Bis ihr es irgendwann nicht mehr über euch bringt und aufgebt.

Der Kackn00b in dir

Ich muss nicht immer den armen Spielen die Schuld geben. Es kommt nämlich auch vor, dass ich einfach zu unfähig für ein Spiel bin. Ich sage hier bewusst "ich", da ich euch dieses harte Urteil nicht so direkt aussprechen möchte. Aber vielleicht wisst ihr ja, wie scheußlich es sich anfühlt, ein Spiel abzubrechen, weil ihr nicht in der Lage seid, es zu meistern. Vor allem dann, wann tatsächlich rundherum alles passt und ihr euch bewusst seid, dass ihr ein gutes Spiel spielt.

Und wie beim Schwimmer, der untergegangen ist, weil ihm die Badehose zu eng war, sucht ihr dann nach Ausflüchten, um es doch wieder aufs Spiel oder die äußeren Umstände zu schieben. Klar war dann dieser eine einzige Bug im Verlauf der zehn Spielstunden daran schuld, dass ihr wirklich gegen jeden Gegner abgeschmiert seid. Alle Freunde und Bekannte, denen ihr lang und breit erklärt, warum das Spiel doof ist und ihr es deswegen nicht beendet habt, wissen es im Grunde genauso gut wie ihr: Ihr hattet es einfach nicht drauf. Aus falschem Stolz habt ihr euch dennoch bis kurz vor dem Schluss gemurkst, wo die Anforderungen dann aber viel zu hoch für euch waren.

Und nein, das ist nicht der wirkliche Grund, weshalb ich Dragon Quarter kurz vor Schluss beendet habe, ich hatte einfach alles gesehen!

Diese Einblendung bekomme ich heutzutage leider nicht mehr zu sehen.Diese Einblendung bekomme ich heutzutage leider nicht mehr zu sehen.

Na gut, vielleicht war das ein Teilgrund. Vielleicht. Ein klarer Fall für mich ist leider ziemlich jedes "Shadow Hearts"-Spiel. Ich liebe die Dinger, aber mit jedem weiteren Jahr, das ich altere, wird es mir zunehmend unmöglich, das Ringkampfsystem zu meistern. In den Kämpfen braucht es schnelle Reflexe und ein gutes Auge, um kritische Treffer zu landen. Beim letzten Anlauf von Shadow Hearts - Covenant habe ich wegen der Gier nach den Zonen für schwere Treffer schon im Tutorial-Kampf keinen einzigen Schlag ausgeführt und das Spiel dann traurig zurück ins Regal geschoben.

Kommen euch diese Muster bekannt vor? Welche weiteren Gründe fallen euch ein, ein Spiel ganz knapp vorm Ende doch noch aufzugeben? Vielleicht sind ja aber auch Komplettisten unter euch, für die es gar nicht in Frage kommt, ein Spiel überhaupt aus der Hand zu legen, ehe es beendet ist. Schreibt uns eure Erfahrungen in die Kommentare!

Tags: Fun  

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