Sexualisierung im Spiel: Wir müssen kritisch bleiben

(Kolumne)

von René Wiesenthal (08. März 2018)

Die Reaktionen auf die USK-Entscheidung bezüglich Gal Gun 2 machen ein Problem sichtbar, das sich über Jahre hinweg in Gaming-Kreisen verwurzelt hat: Der unkritische Umgang mit der Sexualisierung. Die Gutmenschen-Keule muss endlich im Giftschrank verschwinden.

Gal Gun 2 erhält von der USK keine Alterskennzeichnung für Deutschland und damit keine Jugendfreigabe. Ob das Spiel hierzulande indiziert wird, steht noch aus, allenfalls wird es aber für Erwachsene erwerblich sein. Der Psychologe Benjamin Strobel geht in seinem Beitrag auf Behind the Screens der Frage nach, ob Gal Gun 2 zu sexy für Deutschland sei, wie verschiedene Spielemagazine das andeuteten. Seine klare Antwort: Nein, Gal Gun 2 ist nicht zu sexy für unser vermeintlich prüdes Völkchen. Und darum geht es der USK auch gar nicht.

Der USK geht es um den Jugendschutz. Und durch dessen Gefährdung ist auch ihre Entscheidung begründet. In Gal Gun 2 werden deutlich als Kinder (beziehungsweise im Speziellen leicht bekleidete Schülerinnen) zu erkennende Figuren in eindeutig sexuellen Posen präsentiert. Die Spielmechanik bindet sie zusätzlich in einen sexuellen Kontext ein. Genauer gesagt geht es im Spiel darum, wie es Strobel auf den Punkt bringt, "Kindern mit Pheromonen bis zur orgasmischen Exkstase unter den Rock zu spritzen".

Senran Kagura - Peach Beach Splash bekam wegen sexueller Darstellungen eine 18er-Freigabe

Inklusive ausgiebiger Blicke auf Unterwäsche und entsprechende Geschlechtsmerkmale. Dadurch, dass Teile der Presse diesen Punkt unberücksichtigt lassen, spielen sie denen in die Hände, die sexuelle Darstellungen in Videospielen als grundsätzlich unproblematisch empfinden und sich von der USK bevormundet fühlen.

Keine Frage des Bauchgefühls

Über die Entscheidungen der USK lässt sich freilich immer diskutieren. Und das wird in sozialen Netzwerken sehr gern getan. Da die Prüfstelle ihre zur Anwendung kommenden Kriterien aber transparent macht und diese nicht nur nachvollziehbar, sondern auch wissenschaftlich unterfüttert sind, geht das nur mit guten Argumenten. Diese fehlen im Diskurs um die Sexualisierung von Videospielfiguren leider allzu oft und persönliche Geschmäcker dienen als Richtlinie.

Spieler sind geteilter Meinung zur Fleischbeschau in den "Dead or Alive Extreme"-Spielen.Spieler sind geteilter Meinung zur Fleischbeschau in den "Dead or Alive Extreme"-Spielen.

Persönliche Geschmäcker oder das individuelle Bauchgefühl haben nichts dort zu suchen, wo Entscheidungen für die Allgemeinheit und in diesem Fall zum Schutz von Kindern getroffen werden. Wenn Entwicklungspsychologen plausibel erklären können, dass und warum Kinder in Bezug auf Sexualität einen besonderen Schutz brauchen, ist es kein Gegenargument, dass Gal Gun ja aber geil sei.

Die Symptome eines tieferliegenden Problems

Gal Gun 2 ist ein weiteres Beispiel für die beunruhigende Art, in der Frauen teils vollkommen unkritisch als Objekte männlicher Begierden wahrgenommen werden und wie mit daran gerichteter Kritik umgegangen wird. In diesem Fall ist das besonders Fragwürdige an den verständnislosen Reaktionen, dass kindsgleiche Figuren im Zentrum sexueller Handlungen stehen.

Das Echo auf kritische Betrachtungen von Sexualisierung in Videospielen ist gerade in sozialen Netzwerken nicht selten die Beleidigung der Kritiker. Es scheint, als fürchten manche Spieler durch Kritik sofort eine Meinungsdiktatur der Gutmenschen. Und das bei doch eigentlich naheliegenden Fragen wie "ob ich eigentlich die Brüste steuere, oder die Frauen, denen die Brüste gehören."

Das erste Gal Gun ist hierzulande für Xbox 360 erschienen.Das erste Gal Gun ist hierzulande für Xbox 360 erschienen.

Und auch ohne Beleidigungen ist es notwendig, dass zumindest ein vernünftiges Verständnis dafür vorhanden ist, was und warum kritisiert wird. Ich möchte im Folgenden einmal häufig aufkommende Reaktionen aufgreifen, wie sie in Kommentarspalten des Internets beim Thema Sexualisierung und Sexismus in Videospielen üblich sind:

"Das ist alles Zensur!"

Eine Kritik allein ist noch keine Forderung und schreibt Spielern auch keine Meinung vor. Vielmehr soll kritische Berichterstattung dazu dienen, sie zum Denken und Bilden einer eigenen Meinung anzuregen. Der Zensurvorwurf wird oft auch der USK gemacht, die weit davon entfernt ist, diesen zu verdienen. Das Thema "Was ist Zensur und was ist keine" wurde an anderer Stelle bereits aufgearbeitet.

"Die Entwickler sollen doch machen können was sie wollen!"

Das wäre fatal. Der Journalismus ist in seinen Funktionen eben auch ein kritisches und kontrollierendes Organ. Hinterfragt er nicht, was Spiele an Inhalten, Werten und Rollenbildern transportieren, kommt er seiner Pflicht nicht nach.

Einfach machen lassen? Im Bild: Metal Gear Solid 5.Einfach machen lassen? Im Bild: Metal Gear Solid 5.

In der Gamergate-Affäre beispielsweise lieferte der Journalismus sachliche Gegenpositionen zu teils extremen Aussagen und diente als Beobachter, Kommentator und Ordner in einer aufgeheizten Debatte, wie sich am Beispiel der Berichterstattung durch die FAZ zeigt.

"Darstellungen im Spiel haben keine Wirkung!"

Zum einen ist es nicht möglich, die Wirkung von Videospielen in vollem Umfang anhand oberflächlicher Selbstbeobachtungen zu erkennen. Zum anderen fängt das Problem der Sexualisierung nicht erst bei der Wirkung an. Formen der Diskriminierung, wie der Sexismus, können sich aus der Sexualisierung von Figuren im Spiel ergeben. Deshalb kann diese schon als problematisch bewertet werden. Dass Sexismus nachweislich zu Problemen führt, dürfte kein Geheimnis sein. Erst kürzlich zeigten Forscher der Universität Wien beispielsweise in einer Studie, dass Frauen gegenüber weniger Mitgefühl entgegengebracht wird, die als sexuelle Objekte dargestellt sind (idw Online berichtete).

"In Japan ist das normal!"

Das ist eine Aussage, die oft im Zusammenhang mit Spielen wie eben Gal Gun auftaucht und die aus vielerlei Hinsicht ungültig ist.

  1. Damit wird genau gar nichts gerechtfertigt. Menschen sind auch in Japan Menschen.

  2. Wir sind nicht in Japan.

  3. Auch wenn es stimmt, dass es in Japan einen für unsere kulturellen und juristischen Maßstäbe sehr fragwürdigen Umgang mit der Sexualität und vor allem der Sexualisierung von Kindern gibt, befreit das Entwickler nicht von Kritik. Denn kulturelle Gepflogenheiten stehen nicht über wissenschaftlichen Fakten - wie dem Schutzbedürfnis Minderjähriger - sind somit also kein Freifahrtschein. Schon gar nicht, wenn die betreffenden Medien dann auch hierzulande erscheinen sollen.

"Das ist doch normal in Japan.", im Bild: Blue Reflection."Das ist doch normal in Japan.", im Bild: Blue Reflection.

Und um diesem Einwand direkt mit vorzubeugen: Natürlich ist die Darstellung des Mannes im Videospiel auch nicht unproblematisch. Diese hat Kollege Matthias auch schon in Augenschein genommen.

Ein Verständnis für das Problem

Viele Schreihälse in sozialen Netzwerken tun so, als habe jeder Mensch, der sich gegen eine unpassende Sexualisierung von Frauen (oder Männern) ausspricht, ein Problem mit Sex. Oder würde der Natur absprechen, unterschiedliche Geschlechter hervorzubringen. Doch das ist nicht der Punkt.

Gegen Sexiness ist nichts einzuweden. Wenn sie passend ist.Gegen Sexiness ist nichts einzuweden. Wenn sie passend ist.

Wie wir mit Geschlechtern umgehen und welche typischen Eigenschaften wir ihnen zuweisen, ist durch kulturelle Entwicklungen bedingt. Somit liegt dieser Punkt in unserer Hand und nicht in der Natur. Und wenn beispielsweise durch die Sexualisierung der Frau ein Machtgefälle zwischen Geschlechtern erzeugt und erhalten wird, tragen auch Videospiele als Kulturgut langfristig einen Teil zur Benachteiligung ganzer Bevölkerungsgruppen bei.

Wir müssen natürlich immer sachlich und verhältnismäßig bleiben: Weder die Spielergemeinschaft noch die Presse sollte reflexartig mit Anschuldigungen um sich werfen. Doch es muss zumindest anerkannt werden, dass bestimmte Darstellungen problematisch sind und nicht alles von jedermann einfach unbekümmert durchgewunken wird. Dazu zählt auch, dass sich Journalisten nicht echauffieren sollten, wenn die USK eine Entscheidung zu Gunsten des Jugendschutzes trifft – zumindest nicht im Rahmen der Nachrichtenberichterstattung.

Denn damit werden diejenigen bekräftigt, die sofort ein rotes Tuch sehen, wenn Kritik an sexuellen Inhalten geäußert wird. Es braucht eine offene, ideologiebefreite Diskussionskultur und endlich einen Platz für Kritik ohne Sackgassen wie "Weltverbesserer"- oder "Social Justice Warrior"-Vorwürfen.

Jetzt habt ihr die Gelegenheit, euch an der Diskussion zu beteiligen. Also schreibt uns eure Meinungen in die Kommentare und lasst uns wissen, ob ihr ähnliche Probleme in der Diskussionskultur zum Thema seht.

Tags: Anime   Indizierung   Politik  

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