Einen Videospielcharakter lieben: Das sagt ein Psychologe zu dem Phänomen und so sieht die Zukunft aus

(Special)

von Chiara Bruno (07. April 2018)

Im vergangenen Monat beleuchteten wir die Fiktosexualität und sprachen mit Menschen, die sich mit dieser Form der Sexualität identifizieren. Dabei handelt es sich allerdings um keinen psychologischen Begriff. Dieser stammt aus der Fanfiction.

Fiktosexuelle (auch Fiktophile genannt), verspüren eine romantische Anziehung zu fiktiven Charakteren. Dazu zählen beispielsweise Figuren aus Büchern oder Videospielen. Diese Anziehung kann auch sexueller Natur sein. Oftmals werden diese Menschen allerdings nicht wirklich akzeptiert. Das zeigen unter anderem Foren wie Reddit, in denen Fiktophile gelegentlich Gleichgesinnte suchen. So finden sich nur selten hilfreiche Ratschläge. Bemerkungen wie "Du bist ein merkwürdiges Individuum" oder "Du brauchst echte therapeutische Hilfe" dominieren.

Dabei ist diese Vorliebe gar nicht so "merkwürdig" und häufiger anzutreffen als viele glauben. Und angesichts der Tatsache, dass die Grafik in Videospielen immer realitätsnaher und Künstliche Intelligenzen (KI) immer fortgeschrittener werden, stellt sich die Frage: Wird es vielleicht irgendwann akzeptiert, sich zu einem virtuellen Charakter hingezogen zu fühlen? Bereits in modernen Videospielen ist es keine Seltenheit, dass Figuren eine interessante, einzigartige Persönlichkeit besitzen und mit dem Spieler interagieren. Das Ziel sogenannter Dating-Sims ist es sogar, eine Beziehung zu einer Videospielfigur aufzubauen.

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir mit dem Medienpsychologen Prof. Dr. Clemens Schwender von der Hochschule der populären Künste in Berlin gesprochen und ihn in seinem Büro der Hochschule besucht. Dort lehrt er unter anderem Medienpsychologie. Zusätzlich hat unsere Autorin einen Selbstversuch gewagt und die Dating Sim The Men of Yoshiwara - Ohgiya auf Nintendo Switch gespielt. Mit dem Spiel möchte sie testen, wie sie empfindet, wenn ein Videospielcharakter auf eine eher kokette Art mit ihr interagiert.

Der Trailer zu der Dating Sim The Men of Yoshiwara - Ohgiya:

Gott und der Mensch - Frühe Formen der Beziehung zu "etwas Fiktivem"

Prof. Dr. Schwender hat einen Abschluss in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft, Philosophie, Psychologie und Medienwissenschaft. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Medienanalyse und die Kultur- und Technikgeschichte der Medien. Videospiele sind ihm nicht fremd, denn zurzeit beschäftigt er sich mit dem Thema Matchmaking in Multiplayern. Auch, dass Menschen Liebe für einem fiktiven Charakter verspüren können, ist nichts Neues für ihn. Nur der Begriff "Fiktophilie" ist ihm nicht geläufig.

Das Phänomen, dass Menschen Gefühle für etwas Fiktives entwickeln können, trete seit Beginn der Menschheit auf: "Die Liebe einer Nonne zu Jesus Christus" sei laut Dr. Schwender ein Beispiel für das frühe Auftreten dessen, was heute für die Fanfiction-Szene die Fiktophilie ist. Den "Dialog zwischen Mensch und Gott" nennt er als weiteres Beispiel. In den 50er Jahren übertrugen zwei US-Psychologen dieses sehr alte Phänomen auf die Medien und nannten die Illusion eines persönlichen Gesprächs zwischen beispielsweise Moderator und Zuschauer eine parasoziale Beziehung. Wenn man diese Moderatoren nun "öfter sieht, kann man eine emotionale Beziehung aufbauen", so Schwender. Auch die Verknalltheit in einen Charakter aus einem Buch solle unter Jugendlichen schon immer gängig gewesen sein.

Doch Videospielcharaktere sind etwas anderes. Sie fühlen sich realer an. Sie entstehen nicht gänzlich in der Fantasie. Jedenfalls äußerlich nicht. Sie haben einen Körper, sind oftmals überdurchschnittlich attraktiv, lachen und weinen mit dem Spieler - und interagieren in Einzelfällen sogar mit ihm. Sind zum Anfassen nah. Hentai beispielsweise (pornografische Anime und Manga, in denen auch oftmals Videospielfiguren enthalten sind) zeige laut dem Medienpsychologen alltäglich, dass "das Aussehen der Figuren" nicht real sein muss, "um auch emotional etwas erlebbar zu machen" - "Imagination und Vorstellungskraft reichen vollständig aus".

Letztere Aussage habe ich auch bei meinem Selbstversuch festgestellt. Bei The Men of Yoshiwara handelt es sich um eine Dating-Simulation, bei der der Spieler in die Rolle einer Frau schlüpft, die erste sexuelle Erfahrungen auf der Insel Yoshiwara sammelt. Dabei handelt es sich um meine erste Dating-Simulation. Tatsächlich liegen mir eher Multiplayer-Spiele. Hier haben die Spieler die Wahl, einen von fünf verschiedenen Kurtisanen, die allesamt unterschiedliche Persönlichkeiten aufweisen, näher kennenzulernen.

Zu Beginn des Spiels werden die Männer vorgestellt, die zur Auswahl stehen. Schnell fällt auf, dass der Entwickler mit Mühe versucht, die Charaktere so perfekt und attraktiv wie möglich aussehen zu lassen, denn sie haben allesamt mit Muskeln definierte Körper. Das Aussehen passte sich auch der Persönlichkeit an:

Der schüchterne Ageha

Einer der Männer namens Ageha, spielt die schüchterne Rolle. Das wird nicht nur durch sein Verhalten deutlich, sondern auch durch sein äußeres Erscheinungsbild. Längere Haare, die das Gesicht verdecken, eine verschränkte Körperhaltung, rosafarbene Wangen und ein eher niedliches Aussehen. Auf der anderen Seite gibt es noch Takigawa, der größer und muskulöser als Ageha ist und seinen stählernen Körper in einem weit ausgeschnittenen Kimono zur Schau stellt. Für ihn entschied ich mich dann schlussendlich.

Dass meine Wahl auf Takigawa fiel, lag allerdings nicht an seinem Aussehen, sondern an seinem "Charakter". Sein Selbstbewusstsein, seine freche Art und der Satz "Du entscheidest dich für mich, oder? Ich kann es in deinen Augen sehen" imponierten mir dann schlussendlich. Vor allem wurde mir bewusst, dass ich mich - vorausgesetzt ich wäre in dieser recht fiktiven Situation - im realen Leben, ebenfalls für ihn entschieden hätte. Hauptsächlich aufgrund seines Selbstbewusstseins. Ich fühlte mich von ihm sogar mehrmals geschmeichelt und herausgefordert.

Der weitere Verlauf der Geschichte hängt vom Verhalten des Spielers ab. So gibt es auf Fragen bestimmte Antwortmöglichkeiten, die zu einem "Happy Ending" oder "Super Happy Ending" führen. Letzteres Ende beinhaltet bei dem schüchternen Ageha sogar eine Hochzeit. Schlussendlich kam es bei mir allerdings nie zu einem annähernden Gefühl der Verliebtheit oder einem sexuellen Reiz. Ganz emotionslos blieb ich allerdings nicht. Ich erinnerte mich an Menschen, denen ich im Laufe meines Lebens begegnete und die mich ein wenig an den etwas zu selbstbewussten und leicht arroganten Takigawa erinnerten.

Auch wenn ich selbst keine Gefühle entwickelt habe: Nachvollziehen konnte ich es nach dem Versuch allemal. Denn: Im echten Leben begegnen wir Menschen, bei denen das Gefühl aufkommt, sie würden uns genau das erzählen, was wir hören möchten. Oftmals entwickelt sich eine Art Schwärmerei. Und genauso fühlte es sich bei den Männern aus Yoshiwara an. Sie machten mir auf eine freche Art Komplimente und flirteten virtuell mit mir. Zusätzlich konnte ich sogar den Verlauf der Geschichte bestimmen. Wenn man sich nun vielleicht sogar über Monate mit dieser Videospielfigur beschäftigt und mehr über sie herausfindet, ist es für mich nicht verwunderlich, dass einige Menschen Gefühle entwickeln.

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