"Spaß am Tötungsszenario": Wenn Journalisten statt aufzuklären, Panik machen

(Kolumne)

von Daniel Kirschey (18. März 2018)

"Fortnite Battle - Royale als wildes Gemetzel, das die Jugend im Sturm erobert", so dröhnt es aus dem Lautsprecher, dabei seht ihr Bilder von bunten Comic-Figuren. Eine wird angeschossen, es fließt kein Blut, es bleiben keine Leichen zurück - aber für ProSieben Newstime handelt es sich um "wildes Gemetzel".

ProSieben Newstime berichtet am 13. März über das Online-Spiel Fortnite - Battle Royale - und statt Fakten bedient sich die Sendung mal wieder hauptsächlich eines Aspekts: nämlich Angstmacherei. Da ist dann auf einmal vom "Spaß am Tötungsszenario" der Kinder die Rede, von "wildem Gemetzel". "Jugendschützer schlagen Alarm" verkündet die ernste Stimme aus dem Off. Dass hier wieder mal Sensationsjournalismus eine Geschichte, ein Problem aus dem Nichts strickt, ist wohl eher der Fall. Fortnite - egal ob in der Vollversion oder als kostenlose Online-Version - ist beleibe kein "Metzel-Spiel", das übertriebene Gewaltdarstellungen beinhaltet.

So sieht für ProSieben Newstime "Gemetzel" aus

ProSieben Newstime warnt jedoch vor der kostenlos spielbaren Online-Version von Fortnite. Das Hauptspiel sei zwar ab 12 freigegeben, doch die Online-Version kann jeder spielen: "Die Grundversion ist ab 12 Jahren im Handel zu kaufen, der wesentliche brutalere Online-Ableger kann frei online gespielt werden." Im Bericht seht ihr, wie Linda Scholz von Initiative Spieleratgeber NRW über die Problematik des Spiels Fortnite redet - dass es bei jüngeren Spielern Stress auslösen kann. Dann benutzt sie noch, macht dabei mit ihren Händen Anführungszeichen, die Worte "digital ermordet". Der Satz ist zu Ende, Schnitt. Ob sie eigentlich mehr gesagt hat? Perfide die Schlussfolgerung von ProSieben Newstime: "Über das geprüfte Basispiel werden Kinder und Jugendliche zur heftigeren Online-Variante gelockt."

Stopp! Die Schlussfolgerung von ProSieben lässt vermuten, dass Entwickler Epic wohl jeglichen Geschäftssinn vermissen lässt. Kinder und Jugendliche sollen mit dem käuflichen Basisspiel zur kostenlosen Variante gelockt werden? Sinniger ist natürlich, dass sich Epic erhofft, dass Spieler angeregt durch das kostenlose Produkt auf das käufliche Spiel aufmerksam werden.

Doch zurück zur Frage, ob die Online-Variante Fortnite - Battle Royle wirklich "heftiger" und "brutaler" ist. Linda Scholz wie auch der Spielratgeber NRW wehren sich jedoch gegen diese Auslegung des Interviews. Zu Recht! In einer Stellungnahme weist der Spieleratgeber NRW daraufhin, dass das besagt Interview mit Linda Scholz länger war und die entsprechende Stelle aus dem Bericht aus dem Kontext gerissen wurde. Wie schon vermutet. Linda Scholz bestätigt diese Aussage auf Twitter:

Nach einer kurzen, wirklich ganz kurzen, Recherche wäre eigentlich klar: Auf der Seite zur Online-Version von Fortnite vom Spieleratgeber NRW steht:

"Auch sollten die Spielenden eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen und für empfindliche Jugendliche könnte das nervenaufreibende Gameplay überfordernd sein. Daher ist Fortnite: Battle Royale frühstens für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet, auch wenn das Hauptspiel Fortnite ab 12 Jahren freigegeben ist."

Es ist also weder von einem "brutalen" Spiel oder "wildem Gemetzel" die Rede und das empfohlene Alter unterscheidet sich um zwei Jahre vom Basisspiel. Es bleibt also daraus nur zu schließen, dass ProSieben Newstime entweder keine Recherchearbeit für den Beitrag geleistet hat - obwohl sie Linda Scholz vom Spieleratgeber NRW dazu interviewten - oder die Redakteure des Newsteams diese Information schlichtweg unterschlagen haben.

Beide Varainten zeugen von - sagen wir - journalistisch äußerst fragwürdigem Vorgehen. Was bleibt? Dass in einer Zeit, in der aus jeder Richtung irgendjemand "Fake News" schreit, Redakteure vom ProSieben Newsteam statt aufzuklären, Angst schüren. In einer Zeit, in der Angela Merkel die Gamescom eröffnet, könnte man doch annehmen, dass Videospiele nicht mehr einfach so in die Schmuddelecke gestellt werden. ProSieben Newstime beweist leider das Gegenteil.

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