Stellenwert: Remade, Rebooted, Redundant?

(Kolumne)

von Marvin Heiden (16. März 2018)

Was macht ein gutes Remake aus? Allein eine aufgehübschte Grafik? „Verbesserungen“ an der Steuerung? Oder gar Zusatzinhalte? Es bleibt die Frage, wie stark ein Spiel abgeändert werden kann, ohne seine ursprüngliche Identität zu verlieren.

Remakes sind für Publisher oft eine sichere Wahl. Die Spiele, die ihnen zugrunde liegen, haben sich in der Vergangenheit nämlich schon längst bewährt. Die Wahl fällt daher meistens auf Spiele, die bereits eine etablierte Fan-Base besitzen, sich sehr gut verkauft haben oder in irgendeiner Art und Weise wegweisend für die gesamte Spielebranche gewesen sind. Dass die Publisher damit einen erfolgreichen Kurs fahren, konnte man in letzter Zeit unter anderem an den Remakes von Shadow of the Colossus oder Secret of Mana sehen.

Remakes genießen dabei häufig den Ruf, eine Art verspätetes Update des Originalspiels zu sein. Punkt eins auf der Remake-Agenda ist meistens die Grafik. Polygon-Modelle, die aussehen als könnte man sich daran den Finger schneiden, Texturen aus undefinierbarem Pixelmatsch, 4:3 Bildformat, passend für Omas ollen Röhrenfernseher ... Die Liste der Schönheitsmakel alter Spiele ist schier endlos.

PS2 Grafik: Matschpixel oder Meisterwerk?PS2 Grafik: Matschpixel oder Meisterwerk?

Neben der oberflächlichen Schönheitskur wird üblicherweise jedoch auch an spielmechanischen Stellschrauben gezogen. Sicher hat jeder von euch schon mal ein Spiel gespielt, bei dem euch die Steuerung zu ungesunder Fingerakrobatik genötigt hat. Das Remake dagegen zieht sämtliche Register und passt sich an geschmeidige Steuerungsmuster gegenwärtiger Spiele-Hits an. Darüber hinaus werden (je nach Lautstärke der Kritiker) gerne auch nervige Sequenzen entfernt oder dem Komfort der heutigen Spielergeneration angeglichen. Bei The Legend of Zelda - The Wind Waker für die Wii U wurde zum Beispiel die zähe Triforce-Suche kurz vor dem Finale stark verkürzt. Manchmal werden jedoch sogar neue Inhalte hinzugefügt. Die Grenze zwischen Remake und Reboot ist also oft fließend.

Aber ist ein Remake denn dann überhaupt noch das Spiel, das es vorgibt zu sein? Hat ein Klassiker, der sich seinen Platz unter den wichtigsten Spielen aller Zeiten hart erkämpft hat, seine Ecken und Kanten nicht verdient? Sollte er sie nicht gerade deshalb sogar mit Stolz tragen? Wenn Shadow of the Colossus, ein nihilistisches Spiel, dessen zentrales Thema Anstrengung und Verlust ist, plötzlich Items enthält, die die Monsterjagd erleichtern, und Sammelquests, um sich die Zeit zu vertreiben, geht zwangsläufig ein Stück von dem verloren, was es einst so großartig gemacht hat. Der neue Fotomodus mit Instagram-Farbfiltern macht die endgültige Hipsterisierung perfekt.

Hier kommen die Entwickler des Shadow of the Collossus Remakes zu Wort:

Natürlich kann man behaupten, man müsse die neuen Funktionen ja nicht nutzen. Das klappt zum Beispiel sehr gut bei Monkey Island Special Edition, bei der sämtlicher neumodischer Schnickschnack mit nur einem einzigen Klick ausgeblendet werden kann. Der Neuauflage liegt das unveränderte Original also bei. In den meisten anderen Fällen sind die Änderungen aber nicht offensichtlich.

Dass ein bestimmtes Feature beispielsweise noch nicht Teil des Originals gewesen ist, wird vom Remake schließlich nicht offen kommuniziert. Im Falle von Shadow of the Collossus ist der Nihilismus im Zuge dessen dem Zeitgeist gewichen. Die größte Zielgruppe von Remakes, nämlich Spieler, die das entsprechende Spiel noch nicht kennen, werden dadurch um die Erfahrung des Originals beraubt.

The Secret of Monkey Island - Special Edition: Remake mit Herz für Liebhaber des OriginalsThe Secret of Monkey Island - Special Edition: Remake mit Herz für Liebhaber des Originals

Insofern haben Remakes durchaus ihre Daseinsberechtigung, allerdings nur als netter Bonus. Sie können ihre Vorlage unter keinen Umständen ersetzen. Um sich eines Vergleiches aus der Welt des Kinos zu bedienen: Das Remake von Psycho (1998) ist bei weitem kein schlechter Film. Als Remake ist er insofern besonders, als dass er das Original von Alfred Hitchcock (1960) Einstellung für Einstellung exakt repliziert hat, bloß mit neuen Darstellern und in Farbe. Eine verschollene Szene, die Hitchcock selbst nicht einbauen durfte, ist obendrein auch noch enthalten.

Auf dem Papier also ein in jeder Hinsicht verbesserter Film. Aber halt! Warum reden trotzdem alle fast ausschließlich von dem ollen Hitchcock-Schinken? Eben weil es dieser Film war, der das Kino revolutionierte, und nicht das Remake. Letzteres wird immer nur der Versuch bleiben, einen Klassiker in die Neuzeit zu portieren. Es liegt in der Natur der Sache, dass es dabei selten gelingen kann, den Charme des Originals (der nun mal auch durch Ecken und Kanten zustande kommt) komplett einzufangen.

Remakes, egal ob Film oder Videospiel, sagen immer mehr über die Zeit aus, in der sie erscheinen als über alles andere. Sie führen uns vor allem den Geschmack der aktuellen Generation von Konsumenten vor Augen, während die ursprüngliche Bedeutung des Originals eher in den Hintergrund rückt. Was bleibt ist das visuell entstaubte Abziehbild eines Spiels, das auf lange Zeit betrachtet in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht. Die Originale werden hingegen ihren rechtmäßigen Platz im kulturhistorischen Gedächtnis wohl für immer behalten.

Tags: Remake  

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