Test Ni no Kuni 2: Was für eine Schönheit

von Micky Auer (19. März 2018)

Fünf Jahre mussten Fans auf einen neuen Serienteil warten. Das hat nun mit Ni no Kuni 2 - Schicksal eines Königreichs ein Ende gefunden. Teil 2 tritt ein großes Erbe an. Ob das gelingt oder ob es sich um einen Fehltritt handelt, erfahrt ihr hier im Test.

Als Ni no Kuni - Der Fluch der Weißen Königin im Februar 2013 für die PlayStation 3 erschien, erweichte es viele zu Stein gewordene Herzen, die sich nicht mehr oder gar noch nie für klassische JRPGs begeistern konnten. Die Magie, die von Entwickler Level 5 in Zusammenarbeit mit den weltberühmten Filmemachern von Studio Ghibli (Mein Nachbar Totoro, Das wandelnde Schloss) in das Spiel einfloss, kam bei Spielern auf der ganze Welt gut an.

Aus rein marketingtechnischer Sicht wäre nichts einfacher gewesen, als schnell noch ein, zwei Szenarien hinterherzuschieben, die gleichen Assets nochmal zu verwenden und schnell einen Nachfolger oder Spin-Off auf den Markt zu werfen. Aber nix da. Die kreativen Köpfe nahmen sich die Zeit, die sie brauchten, erschufen im gleichen Universum ein gänzlich neues Abenteuer und reichern im gleichen Zuge die Welt mit Elementen an, die Teils kreativer Natur, teils der Technik der aktuellen Konsolengeneration geschuldet sind.

Kurzum: Ihr braucht keine Vorkenntnisse, um Ni no Kuni 2 - Das Schicksal eines Königreichs zu spielen. Wenn ihr den Vorgänger nicht kennt, werdet ihr keiner wichtigen Zusammenhänge beraubt. Seid ihr mit der bunten Welt der Serie jedoch bereits vertraut, gewinnt euer Spielerlebnis durch so manche Begebenheit, die euch nur noch mehr ins Abenteuer hineinzieht. Und das, obwohl diesmal keine direkte Kooperation mit Studio Ghibli zugrunde liegt.

Allein diese Feinheit bei der Erstellung der Geschichte gekonnt umzusetzen, verdient schon viel Lob. Aber ein neues Spiel kann nun mal nicht nur aus Erinnerungen und hübscher Grafik bestehen, auch wenn sich Ni no Kuni 2 gerade durch letzteren Punkt hervorhebt. Schauen wir mal, was interessierte Spieler voraussichtlich ab 23. März auf PC und PlayStation 4 noch so erwartet. Getestet haben wir die Version für PS4 auf einer Standard-Konsole.

Eine Welt wie aus einem Märchenbuch

Einmal ein König sein - nun, diesen Wunsch kann euch Ni no Kuni 2 erfüllen. Allerdings auf die harte Tour. In der Rolle des jungen Prinzen Evan könntet ihr ein behütetes Leben führen, bis ihr dann eines Tages die Thronfolge antretet. Doch es kommt alles anders. Der König wird ermordet, Evan muss fliehen und wäre auf sich allein gestellt, wären nicht seine Beschützerin Aranella und Roland - ein Besucher aus einer anderen Welt - an seiner Seite. Im Laufe der Geschichte rekrutiert ihr noch weitere illustre Gestalten für eure Heldentruppe, wie zum Beispiel den bärbeißigen Luftpiraten Batu oder den nur auf den ersten Blick harmlos wirkenden Leander.

Die Welt von Ni no Kuni lädt zum Erforschen ein.Die Welt von Ni no Kuni lädt zum Erforschen ein.

Schon bald steht fest: Evan muss sich den Thron zurückerobern und ein Königreich aufbauen. Anders als im Vorgänger, der im Aufbau deutlich linearer zur Sache ging, habt ihr hier als Spieler mehr Freiheiten, die Welt nach euren eigenen Wünschen zu erkunden. Damit verbunden ist die Aufgabe, nach weiteren Verbündeten zu suchen. Denn um Evan wieder an seinen rechtmäßigen Platz zu bringen, bedarf es der Hilfe der Königsmacher. Diese überzeugt ihr entweder durch monumental inszenierte Bosskämpfe davon, an eurer Seite zu stehen, oder aber ihr trefft auf ohnehin freundlich gesinnte Kreaturen, die euch in vielerlei Hinsicht unterstützen.

Die Welt, in der das alles stattfindet, ist eine unglaublich schöne, sowie farbenfroh und lebendig gestaltete Umgebung. Wie in klassischen JRPGs unterteilt sich euer Spielplatz in eine Oberwelt und in sich geschlossene Städte und Dungeons. Die Gestaltung vermittelt mit jedem Pixel die im ersten Teil etablierte Ghibli-Ästhetik. Sprich: kräftige Farben, fantasievolle Figuren und Welten, stimmungsvolle und märchenhafte Eindrücke an jeder Ecke. Allein die Optik bietet schon ausreichend Anreiz, den letzten Winkel des Spiels zu erforschen.

Bereits auf der PS3 besticht der Vorgänger durch seinen ganz eigenen Anime-Charme, der sich subtil von anderen Produktionen in der gleichen Stilrichtung abhebt. Sei es ein Blick aus dem Augenwinkel, ein verschmitztes Grinsen, eine verspielt wirkende Animation ... Die Welt von Ni no Kuni 2 und ihre Bewohner erwachen auf eine ähnliche Art und Weise zum Leben. Die aktuelle Hardware-Generation scheint wie gemacht zu sein für die graphische Symbiose aus klaren Linien und ineinander fließenden Farbverläufen und ungewöhnlichen Formen.

Das Gesamtergebnis ist optisch ein Genuss. Dem steht auch die Klangwelt in nichts nach. Studio Ghiblis "Haus und Hof"-Komponist Joe Hisaishi sorgt mit munteren bis heroischen orchestralen Klängen dafür, dass jede Szene auch musikalisch die richtige Untermalung erhält. Wie schon in seiner Arbeit für die Filme des Studios gelingt es Hisaishi auch hier, die Schönheit und Magie der Welt und der Geschichte in Noten zu fassen und somit auch das Gehör der Spieler auf eine Reise in ein verzaubertes Reich mitzunehmen.

Auch akustisch kann Ni no Kuni 2 überzeugen. Hört mal rein:

Belohnende, actionreiche und befriedigende Spielmechanik

Der Weg bis zum Thron ist beschwerlich. Gut, dass Evan und seine Freunde nicht wehrlos sind. Was wäre ein ordentliches Rollenspiel auch ohne eine gute Kampfmechanik? Glücklicherweise gelingt es den Entwicklern, auch dieses Standbein gut durchdacht sowie unterhaltsam und motivierend umzusetzen. Wie schon zuvor seht ihr potenzielle Gegner auf der Karte, könnt ihnen ausweichen oder ihnen gezielt in den Rücken fallen. Speziell das Umgehen eines Kampfes scheint jetzt besser zu funktionieren und macht diese Funktion sinnvoller. Die wichtigste Änderung liegt aber an anderer Stelle.

Tani entfesselt im Kampf einen magischen Fernangriff. Solche Aktionen sind stets hübsch inszeniert.Tani entfesselt im Kampf einen magischen Fernangriff. Solche Aktionen sind stets hübsch inszeniert.

Im Vorgänger habt ihr gegnerische Monster nicht nur bekämpft, sondern mitunter auch eingefangen. Danach konntet ihr sie in bester Pokémon-Manier trainieren, mit Süßigkeiten füttern und weiterentwickeln. Das war ein wichtiger Aspekt, denn schließlich hat eure Monstertruppe die Hauptarbeit im Kampfgeschehen übernommen. Umso erstaunlicher ist es also, dass dieser Punkt in Ni no Kuni 2 komplett wegfällt.

Stattdessen greift ihr mit euren Helden ausschließlich selbst ins Geschehen ein. Eine Kampftruppe besteht aus drei Mitgliedern, aktiv gesteuert wird jeweils einer. Gekämpft wird in Echtzeit mit einer Kombination aus Nah- und Fernkampfattacken sowie einer Auswahl an charakterspezifischen Spezialfähigkeiten. Ausweichen, Abwehr, Block, Konter ... Das alles führt auf dem Schlachtfeld zu einem Effektgewitter, das mit verbesserten Fähigkeiten und stärkeren Waffen von Mal zu Mal ausladender wird, euch aber trotzdem nie die Übersicht über das Geschehen nimmt. Wichtig zu erwähnen ist das gut durchdachte und intuitive Kontrollschema im Kampf. Überladene Knopfbelegungen sucht ihr vergebens. Alle wichtigen Funktionen sind einfach zu erreichen und entsprechend schnell auszulösen. Dafür gibt es ein dickes Lob!

Im Video erhaltet ihr schon mal einen Vorgeschmack auf die Kämpfe:

Solltet ihr mit actionlastigen Kämpfen nicht viel anfangen können, seid trotzdem nicht abgeschreckt. Im Herzen bleibt Ni no Kuni 2 ein Rollenspiel. So führen gutes Mikromanagement, die gezielte Auswahl von Waffen und Fähigkeiten sowie der Einsatz eurer Mitstreiter ebenso zum Ziel wie reines Geschick und schnelle Reaktionen. Die Kämpfe gehen optisch stark in Richtung der "Tales"-Spiele, erreichen aber zu keinem Zeitpunkt deren hektischen Chaos-Faktor. Hier läuft alles ein wenig gezielter, kontrollierter und taktischer ab. Dennoch bringt jeder gewonnene Kampf genau das Gefühl der Befriedigung mit sich, das man sich von einem guten Rollenspiel erwartet.

Übrigens: So ganz auf die Unterstützung niedlicher, kleiner Wesen müsst ihr nicht verzichten. Die Higgledies, Gruppen von nicht mal kniehohen Waldgeistern, unterstützen euch im Kampf, indem sie - jeweils ihrem natürlichen Element entsprechend - Bereiche schaffen, in denen ihr Schutz oder Heilung findet, mitunter aber auch geradezu absurd witzige Angriffe startet.

Gestatten: Die Higgledies!Gestatten: Die Higgledies!

Ebenfalls hinzugekommen sind zwei Spielmodi, die vielleicht nicht jedem gefallen werden. Ihr braucht sie zwar, jedoch sind sie wiederum nicht allzu komplex und nehmen dem Spiel nichts, fügen aber halt auch nur bedingt etwas hinzu. Es handelt sich dabei um einen abgespeckten Aufbaumodus und eine rudimentäre Schlachtensimulation nach dem "Stein-Schere-Papier"-Prinzip. Der Spielfortschritt hängt zum Teil daran, jedoch wirken diese beiden Punkte ein wenig aufgesetzt. Sie stellen keinen Stolperstein dar, sorgen aber mitunter dafür, dass ihr ein wenig aus dem "Flow" gerissen werdet.

Meinung von Micky Auer

Ni no Kuni 2 - Das Schicksal eines Königreichs hat mich im Vorfeld einige Sorgen gekostet. Einfach nur deswegen, weil ich den Vorgänger sehr mag und mir vom zweiten Teil große Dinge erhofft habe. Normalerweise schraube ich meine Wunschvorstellungen ein wenig zurück, um dann nicht zu hart enttäuscht zu werden. Doch das gelang mir hier nicht. Umso mehr freut es mich, dass das fertige Spiel all meine Wünsche erfüllt. Und vielleicht sogar ein paar, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte.

Die opulent inszenierte Grafik ist der Boden für eine Geschichte, die oft diese typische Leichtfüßigkeit der Erzählungen von Studio Ghibli mit sich bringt, dann wieder in so dunkle Gefilde wie Königsmord, Tod und Trauer eintaucht, ohne dabei jemals ihre Identität zu verlieren. Ich kann kaum glauben, dass das Studio nicht direkt an der Produktion beteiligt war. Den Geist, oder meinetwegen die Seele vermittelt das Spiel dennoch.

Die für ein Rollenspiel so wichtigen Mechaniken wie Kampf und Charakterentwicklung sind auf keinen Fall gänzlich neu inszeniert und umgesetzt, bringen aber das beste aus der klassischen JRPG-Linie mit. So verbindet sich eine Leichtläufigkeit und Verständlichkeit aller Systeme mit der Befriedung krachender Schwertstreiche und geheimnisvoller Magie im Kampf.

Zur Gestaltung der Welt und der Charaktere bleibt nicht viel zu sagen, außer, dass der typische Ghibli-Zauber noch immer hervorragend funktioniert. Die liebenswerte Truppe rund um den angehenden König Evan ist ein kunterbunter Haufen von unvergesslichen Charakterköpfen, die auch spielerisch ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Ein großer, starker Luftpirat verhält sich im Kampf auch wie ein großer, starker Luftpirat im Gegensatz zu einem flinken und elegant agierenden Prinzen.

Es passt alles so herrlich zueinander. Selten hat man als Spieler das Gefühl, wirklich in eine komplett durchdachte Fantasie einzutauchen. Im Falle von Ni no Kuni 2 ist das aber so. Hinter jeder Ecke wartet ein Wunder darauf von euch entdeckt zu werden. Selbst hartgesottene Action-Helden könnten dem Charme des Spiels erliegen. Und wie viele Spiele können sich das schon zuschreiben?

Solche bombastischen Anblicke findet ihr im Spiel ständig.Solche bombastischen Anblicke findet ihr im Spiel ständig.

Meinung von René Wiesenthal

Ni no Kuni 2 ist das erste Rollenspiel seit längerer Zeit, in dem ich mich richtig verlieren kann. Alles ist so schön und märchenhaft, dass es mich immer tiefer in die Spielwelt zieht. Und auch die Mechaniken machen Spaß: Das Kampfsystem zum Beispiel erinnert mich an die besten Momente von Final Fantasy Type-0, mit einer guten Portion eigener, gelungener Ideen.

Mir ist das Spiel streckenweise zwar etwas zu hastig erzählt und auch ein wenig zu kindlich, aber das bricht meine Begeisterung nicht. Ich möchte jeden Winkel der schönen Welt von Ni no Kuni 2 sehen und all ihre Geheimnisse entdecken. Außerdem erweicht der unwiderstehliche Charme der Kunst von Nobuyuki Yanai im Zusammenspiel mit der tollen Musik mein kritisches Herz. Im Grunde hatte mich das Spiel schon sehr früh um den Finger gewickelt: Es gibt ein Katzenvolk namens Miez, dessen Armee aus so genannten Miezoldaten besteht. Das ist so süß, dass ich heulen könnte, ehrlich.

90 Spieletipps-Award

meint: Opulent inszeniertes JRPG-Märchen mit hervorragend durchdachter Kampfmechanik und grandioser Optik. Hat das Potenzial, jeden zu verzaubern.

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Tags: Fantasy   Anime  

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