So viele Labels: Gamer sollten einfach mal weniger ignorant sein

(Kolumne)

von Matthias Kreienbrink (20. März 2018)

Die Überschrift mag reißerisch klingen. Das ist sie sicherlich auch. Dennoch spricht sie ein virulentes Problem an: Gamer, die nur Labels sehen. Und diese Labels dann links liegen lassen, ihnen die Daseinsberechtigung absprechen. Was genau ich damit meine, erkläre ich euch anhand von drei Beispielen.

1. Label: Indie

Der Indie-Markt erstreckt sich von Spielen wie Nidhogg über Cuphead zu Hotline Miami, The Witness und Hellblade - Senua's Sacrifice. Kurzum, es ist ein Markt, der alle Genres, alle Geschichten, alle Erlebnisse, alle Grafik-Stile abdeckt.

The Witness etwa ist ein philosophisches Rätselspiel mit wunderschöner Grafik und Herausforderungen, die ihr mit ins reale Leben nehmen werdet. Indem ihr zum Beispiel mögliche Lösungen auf Zetteln niederschreibt. Oder mitten in der Nacht ein Rätsel im Schlaf knackt. Oder aber in der U-Bahn plötzlich Muster wiedererkennt, die ihr zuvor im Spiel gesehen habt.

Indie oder Blockbuster - wer bietet gerade die interessanteren Erlebnisse?

Hotline Miami ist ein "Top Down"-Shooter in markanter Pixelgrafik. Angetrieben werdet ihr von Musik, die stark von den 80er Jahren inspiriert ist. Das Spiel ist dabei - trotz der bunten Grafik - äußerst brutal. An vielen Stellen werdet ihr wohl mehrfach scheitern, bis ihr endlich alle Gegner bezwungen habt.

Ihr seht, alleine an diesen beiden Beispielen lässt sich die Bandbreite erkennen, die Indie-Spiele bieten. Und doch ist es dieses Label, "Indie", das viele Gamer davor zurückschrecken lässt, das Spiel zu kaufen. Als wäre Indie gleichbedeutend mit minderwertigen Spielen. Viel öfter wird darüber gesprochen, wieviel ein Indie-Spiel nun kosten darf, als darüber, welche frischen Impulse aus dem Indie-Bereich kommen. Daher passiert es noch viel zu oft, dass Indie-Spiele komplett untergehen. Trotz wirklich innovativer Ideen und Geschichten.

2. Label: Walking Simulator

Noch schwerer als das gemeine Indie-Spiel hat es der sogenannte Walking Simulator. Dieser recht despektierliche Begriff bezeichnet Spiele, in denen es vor allem um eine Geschichte geht. Um das Entdecken der Umgebung, das Auffinden von Geschichtsfragmenten. Jedoch sehr viel weniger um ein herausforderndes Gameplay.

Gone Home, What Remains of Edith Finch oder Firewatch sind nur ein paar Beispiele für diese Art Spiele. Alle drei erzählen sehr interessante und bewegende Geschichten. Die einer lesbischen Liebe. Von verstorbenen Verwandten. Oder der Flucht vor einem grauen Alltag. Diese Spiele fordern von euch jedoch kein handwerkliches Können. Es geht nicht darum, Tastenkombinationen zu beherrschen oder an einer Kampfstrategie zu feilen. Doch herausfordernd sind diese Spiele dennoch. Es geht darum, genau zuzuhören. Die Umgebung zu beobachten. Und dann Schlüsse zu ziehen.

Innovativer als die meisten der AAA-Spiele:

Doch weil das Beenden dieser Spiele einen eben nicht als "richtige Gamer" auszeichnen, werden sie von vielen Gamern belächelt, gar nicht beachtet. So als wäre ein Videospiel nur dann "echt" und hätte nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn es irgendwo einen Endgegner gibt, den es zu besiegen gilt. Sogenannte Walking Simulator sind eine veritable, interessante und sehr oft originelle Art des Spielens. Probiert sie doch einfach mal aus!

3. Label: Casual Gamer

Wer sowas wie einen Walking Simulator oder ein Handy-Spiel spielt oder einfach nicht so gut spielen kann, der ist ein "Casual Gamer". Dieses Label ist besonders problematisch, da es Menschen in "richtige" und "falsche" Videospiel-Fans einteilt.

Anstatt sich darüber zu freuen, dass inzwischen sehr viele, ganz unterschiedliche Menschen sich für Videospiele interessieren, scheint da diese Angst zu sein, dass "Casual Gamer" das Hobby zerstören könnten. Die Angst vor der "Vercasualisierung" von Spielen. Einem imaginierten leichteren Schwierigkeitsgrad. Oder die Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit, wer sich nun Gamer nennen darf und wer nicht.

Die Gründe scheinen vielfältig zu sein. Doch sind sie alle unbegründet. Dass es sowas wie "Casual Gamer" überhaupt gibt, zeigt doch nur, dass Videospiele längst nicht mehr in einer Nische feststecken. Dass sie in dieser Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Und wer heute Candy Crush spielt, spielt in fünf Jahren dann ja vielleicht auch Dark Souls. Oder andersrum. Oder beides gleichzeitig.

Dieser Grabenkampf zwischen "Causal" und "Hardcore" sollte einfach aufhören. Genau jetzt. Denn dieses Label nützt eigentlich niemandem. Außer vielleicht dem Ego von Menschen, die etwas Imaginiertes brauchen, auf das sie stolz sein können.

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