Indie vs. AAA: Wie Slender das Horror-Genre für immer veränderte

(Special)

von Marvin Heiden (23. März 2018)

Damit Horror funktioniert, müssen Geschmacksgrenzen überschritten und festgefahrene Szenarien überwunden werden. Können aktuelle Blockbuster-Spiele diesem Anspruch überhaupt noch gerecht werden? Wie ein kostenloses Indie-Game im Alleingang ein Genre revolutionierte.

Die Geschichte des Horrors ist die Geschichte von Geheimtipps. Angefangen beim Erzählen von Gruselgeschichten am nächtlichen Lagerfeuer, über die Romane der Schauerromantik und Splatterfilme der 80er Jahre, bis hin zu den Horror-Games, die wir heute spielen, sind es vor allem Überraschung und Grenzüberschreitung, die ausschlaggebend für die Qualität des Genres sind. Immer wieder muss dem allzu bekannten Grusel eine Schippe drauf verpasst werden, damit es auf Dauer nicht langweilig wird. Und die Aura des Verbotenen und Mysteriösen, die besonders die Spiele und Filme umrankt, die in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind, trägt maßgeblich dazu bei. Je unbekannter und geheimnisvoller, desto effektiver die Hirngespinste.

Die Mutter des virtuellen Horrors: Silent Hill

Lange Zeit war Silent Hill das absolut Schauerlichste, was man als zockender Horrorliebhaber seinem schwachen Herzen zumuten konnte. Die bizarren Monster, die verwesenden Wände der Anderswelt und (vor allem im legendären zweiten Teil der Reihe) die Konfrontation der Spieler mit ihrer charakterlich alles andere als lupenreinen Spielfigur stifteten erfrischende Unsicherheit in den sonst so gefestigten Gaming-Verhältnissen, die nach wie vor oftmals von der Jagd nach Punkten und der virtuellen Auslebung von Wunschvorstellungen bestimmt werden. Besonders bei Mainstream-Spielen stellt sich daher oft merklich eine Gameplay-Struktur nach Schema F ein, die schnell überhand nimmt.

Gut gealtert: Der Klassiker Silent Hill 3 zwingt selbst heute noch gestandene Horrorveteranen in die Knie

Wo Silent Hill es noch verstand, die Spieler mit gekonnt platzierten surrealen Einwürfen zu verwirren und zu verstören (man denke nur an den Spiegel-Raum aus Silent Hill 3) und damit die Dynamik in unregelmäßigen Abständen aufzulockern, heißt es bei aktuellen Genrevertretern wie The Evil Within nach dem Tutorial dann: Abwechslung Adé! Fortsetzungen bieten meistens auch keine wirklichen Neuerungen und sind daher - das liegt in der Natur der Sache - vorhersehbar. Und leider kopierte sich irgendwann auch Grusel-Gigant Silent Hill nur noch selbst und ging letztendlich an mangelnder Innovation zu Grunde. Dann kam lange nichts.

Wald, Taschenlampe, Einsamkeit: Slender weiß, wie man unheimliche Atmosphäre erzeugt.Wald, Taschenlampe, Einsamkeit: Slender weiß, wie man unheimliche Atmosphäre erzeugt.

Meilenstein trotz mieser Grafik: Slender

Doch im Jahr 2012 tritt plötzlich eine schemenhafte Gestalt, ohne Gesicht und mit einem schwarzen Anzug bekleidet, ins Rampenlicht. Und aus dem dunklen Wald, von dem sie kam, brachte sie ein Spiel mit, das eine wahre Horror-Revolution auslösen würde: Die Rede ist natürlich von Slender. Basierend auf einem obskuren Internettrend, der sich in speziellen Foren für selbstgeschriebene Gruselgeschichten (sogenannte Creepypasta) verbreitete, machte das dazugehörige Spiel das Grauen des Slender Man am eigenen Leib erfahrbar.

Alleine im Wald, ohne Vorgeschichte, nur mit einer funzeligen Taschenlampe ausgestattet ist eure Aufgabe nichts weiter als eine Handvoll Zettel mit Kritzeleien zu sammeln. Easy, oder? Nicht ganz, denn schon bald stellt ihr fest, dass ihr gejagt werdet. So simpel die Prämisse auch scheint und so schlampig die Grafik bei genauerem Hinsehen auch ist, drückte Slender genau die richtigen Knöpfe, um unser Gehirn auf die schlimmste aller psychologischen Geisterbahnfahrten zu schicken. Vielleicht nicht trotz, sondern gerade wegen der kruden Grafik war der Grusel umso stärker. Denn dort wo nicht viel dargestellt wird bleibt Raum für dunkle Fantasie. Doch das Allerwichtigste am Phänomen Slender ist zweifellos, dass es mit seiner Einfachheit Modell dafür gestanden hat, weitere Eigenkreationen von Indie-Entwicklern zu inspirieren.

Weiter mit: Indie-Games geben den Ton an

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Tags: Horror  

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